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StartseiteKultur heute"Pandämonium Germanicum: Lenz im Loop"07.01.2011

"Pandämonium Germanicum: Lenz im Loop"

Schwerfälligen Bühnenmaschinerie von "andcompany&Co" im HAU Berlin

In der Musik heißt die Technik "Sampling", in der Bildenden Kunst "Collage" - und beide haben das gleiche Ziel: Bekannte Versatzstücke werden in einem neuen Kontext verwendet und dadurch neu wahrgenommen. "andcompany & co." heißt ein vor acht Jahren gegründetes Theaterkollektiv, das sich diese Arbeitsweise zum Prinzip gemacht hat.

Von Hartmut Krug

Roter Vorhang (Stock.XCHNG)
Roter Vorhang (Stock.XCHNG)

Auf Festivals des freien Theaters ist das prostdramatisch und popkulturell geprägte Theater- und Performance-Kollektiv "andcompany&Co." ein oftmals gefeierter Stammgast. Ihre Bühnenauftritte, bei denen sie anfangs auf leeren Bühnen nur hinter Laptops saßen oder hinter Mikrophonen standen, kennen keine durchgehenden Figuren und Handlungen. Die Auftritte der im Jahr 2003 von drei Absolventen der Theaterwissenschaft in Frankfurt am Main gegründeten Company sind theoriegesättigte Aufsage-Shows von Diskursmaschinisten und Zitat-Monteuren. Damit passen sie in eine Zeit, in der die Generation der Regisseure unter dreißig sich oft vor allem als dramaturgische Inszenatoren betätigt, deren Inszenierungen intellektuelle Behauptungen und zugleich auftrumpfende Dechiffrieraufforderungen an das Publikum sind. So nimmt "Pandämonium Germanicum" Elemente aus Johann Jakob Michael Reinhold Lenz´ gleichnamiger satirischer Bühnenskizze, um sie u.a. mit Fetzen aus Bernward Vespers "Die Reise", Büchners "Lenz", etwas Goethe und Shakespeare und allzu viel eher wenig überzeugendem Text der andcompany zusammen zu mischen. Das ganze überschlägt sich auf der Bühne im Remixer der Verdoppelungen und Variationen als selbstreferentieller Loop.

Das Thema: wie funktioniert Nachahmung auf der Bühne, funktioniert sie überhaupt? Eine Frage, die vor allem popkulturell längst erschöpfend behandelt worden ist. Die andcompany findet keine neuen Aspekte, sondern nur enorm viel Material für dieses abgegraste Theoriefeld. Erst springt man vor dem Vorhang wie ein Sternsinger über die Bühne, spricht über Nachahmung, jubelt "es funktioniert" und betont, "Freiheit wohnt im Handeln", um dann den Vorhang zum Weimar des Jahres 1776 zu öffnen. Noch 13 Jahre ist die französische Revolution entfernt, doch die Performer stehen in historischen Kostümen mit Kokarde auf der Bühne, denn irgendwie geht es auch um die Fragen nach gesellschaftlichen Entwicklungen. Lenz setzt sich in seiner 1775 entstandenen Satire mit seinem Verhältnis zu Goethe auseinander und fragt nach dem Vater der Kunst und den Vätern des deutschen Theaters. Fragen, die von andcompany durch den Wolf der Anspielungen und Zitate gedreht werden.

Also gibt es Kurzauftritte, Masken oder Zitate unter anderem von Kleist und Klopstock, Herder und Wieland, Lessing und Kafka. Und da der heutige Kulturbetrieb ein modernes Pandämonium scheint, kommen auch Schlingensief und Harald Schmidt, Pollesch, Castorf und Peymann vor. Der Teufel tritt als Kalauer im Detail und als widerständiges Rädchen im Getriebe auf (Achtung, Gebildete: Thomas Mann), und in ein riesiges Buch der Kunst, in dem man auch verschwinden oder von dem man erschlagen werden kann, werden die Vierecke des Jonathan Meese eingeschrieben. Wer Lenz "Pandämonium germanicum" kennt, was sicher nur auf wenige Zuschauer zutrifft, weiß, warum Goethe mit einem Knochen auftritt, was der gemeinsame Gang ins Gebirge vom Klassiker Goethe mit dem Außenseiter Lenz bedeutet, und warum mit Ferngläsern aus Logen gelugt wird. Aber eigentlich ist das auch egal, weil die wilde Zitiererei und Anspielerei völlig abgeschottet und selbstgenügsam wirkt. Neue Zusammenhänge werden nicht hergestellt, neue Erkenntnisse nicht vermittelt, und dass natürlich hier Goethe auch zu Hitler führt und Bernward Vesper sich sowohl mit seinem Vater, dem Nazidichter, auseinandersetzt, weshalb immer mal wieder der Erlkönig angesungen wird, als auch mit Gudrun Ensslin, ach ja, nun ja.

Was dieses Demonstrationstheater aber zum müden Desaster werden lässt, ist seine künstlerische Form. Leider versucht die andcompany diesmal, auch Theater zu spielen. Doch wir erleben nur schlecht sprechende, nicht spielfähige Performer in einer schwerfälligen Bühnenmaschinerie und sehen die Theoretikergruppe andcompany&Co diesmal kräftig scheitern.

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