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StartseiteWissenschaft im BrennpunktPanik auf dem Parkett08.01.2012

Panik auf dem Parkett

Die Psychologie der Finanzmärkte

50 Prozent des Treibens an den Finanzmärkten, sagen Wirtschaftsexperten, sei nichts als Psychologie. Gier, Egoismus, Konkurrenzdenken oder Herdentrieb beeinflussten das Handeln der Finanzmarktakteure genau so stark wie logisches Denken und Expertenwissen.

von Martin Hubert

Eine Börsenmaklerin an der Börse in Frankfurt am Main reagiert auf fallende Kurse. (AP)
Eine Börsenmaklerin an der Börse in Frankfurt am Main reagiert auf fallende Kurse. (AP)
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Sind Psychopathen die besseren Aktienhändler?

Die Maximilianstraße in München. Prächtige Häuser mit alten Fassaden, Theater, edle Geschäfte. Ein mehrstöckiges Bürohaus, das Ambiente modern und sachlich. In der dritten Etage öffnet sich der Fahrstuhl.

Auf dem Schild an der Bürotür steht:"Eyb und Wallwitz, Vermögensverwaltung". Hinter der Tür zum Besprechungsraum: ein schwarzer Konferenztisch, schwarze Bürostühle und silbernem Lampen. An den Wänden Bilder aus Börsensälen.

Georg von Wallwitz kommt herein, ein großer, schlanker Mann mit vollem weißem Haar und runder Brille im dezent karierten Jackett. Georg von Wallwitz hat mehrere Jahre als Investmentmanager für Banken gearbeitet, jetzt ist er mit einem Partner in eigener Regie tätig. Er ist erfolgreich. Kein Revolutionär und kein Aussteiger, aber jemand, der sein Treiben an den Finanzmärkten kritisch und selbstironisch betrachtet.

"Wenn man glaubt, dass man die Sache wirklich im Griff hat, ist es meistens Zeit, sich zurückzunehmen. Weil immer wenn dieser Glaube einen beschleicht und der beschleicht einen schon immer mal, ist sozusagen das Monster in der Regel recht bald um die Ecke. Das ist wie in so einem Horrorfilm, wenn die See ruhig ist und wenn alles still ist und so, dann weiß man, dass eben etwas Schreckliches eigentlich gleich um die Ecke kommt. Und so ist es auch in den Finanzmärkten."

Panik auf dem Parkett.
Die Psychologie des Finanzmärkte.

von Martin Hubert.

Fünfzig Prozent des Finanzmarktgeschehens, sagen Wirtschaftsexperten immer wieder, sei nichts als Psychologie. Emotionen, Instinkte, Konkurrenzdenken oder Herdentrieb seien mindestens so einflussreich wie logisches Denken, Expertenwissen und mathematisch-rationales Kalkül. Gibt es dafür auch harte wissenschaftliche Belege? Inwieweit erklärt das, warum die Finanzmärkte momentan von Krise zu Krise taumeln? Sind Finanzmanager wie Georg von Wallwitz nicht mit allen Wassern gewaschene Analytiker, die mit ausgefuchsten Theorien arbeiten?

"Es gibt Theorien, mit denen man durchaus umgehen kann in dem Fach. Nur das Problem ist halt, dass sie eben nur in etwa 80 Prozent der Zeit funktionieren und die 20 Prozent der Zeit, wo sie nicht funktionieren, das sind die eigentlich interessanten 20 Prozent, weil da kracht es dann und da werden die Leute unvernünftig und irrational und ich weiß nicht was. Und das Problem mit Theorien oder Formeln ist, dass sie eben irrationales Verhalten nicht abgreifen können. Und wie eine Formel oder eine Theorie aussehen sollte, die das Irrationale, das Unvernünftige, die Panik berechenbar machen sollte, wüsste ich nicht und wage es auch zu bezweifeln, dass sie jemals erfunden wird."

Georg von Wallwitz sagt das mit fast charmantem Lächeln. Der panische Umschlag komme häufig schneller, als es sich selbst der erfahrenste Manager träumen lässt.

"Das ist für Profis vielleicht um so überraschender, weil Profis natürlich jahrelang auch in Zuständen sich eingerichtet haben. Italienische Staatsanleihen waren einfach 15 Jahre lang eine fantastische Wette und man lag immer richtig, wenn man italienische Staatsanleihen hatte. Und plötzlich innerhalb von zwei Wochen kippt das, ohne dass an den Zahlen sich irgendetwas geändert hätte. Das einzige, was sich geändert hat ist die Psyche und sozusagen die Sicht auf dieses Land. Es ist eben nicht mehr Bella Italia, was eigentlich ein wunderbar reiches Land ist also, sondern es ist eben plötzlich ein Moloch an Schuldenmacherei und Liederlichkeit."

"Das erinnert mich jetzt an Talebs Thesen des schwarzen Schwans. Er geht im Prinzip davon aus, dass man die Wahrscheinlichkeit gewisser Ereignisse systematisch unterschätzt."

Der Libanese Nassim Taleb arbeitete lange als Finanzmathematiker für Wall-Street-Unternehmen. Dann begann er sich als Wissenschaftler an den Universitäten von New York und Oxford der Rolle des Zufalls zu widmen. Er analysierte statistische Methoden und Prognosemodelle und kam zu dem Schluss: Schwarze Schwäne, also Zufälle, extreme Situationen, überraschende Deutungsumschwünge sind viel einflussreicher, als man denkt. Auch auf den Finanzmärkten.

"Die Einzelereignisse mögen jeweils unwahrscheinlich sein, aber in ihrer Kombination kommt es dann doch weit häufiger als man annimmt zu katastrophalen Vorkommnissen."

Hansjörg Neth sitzt in Pulli und Jeans in einem Büro des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Der Psychologe gehört zu einer Arbeitsgruppe, die sich seit Jahren mit der Beziehung zwischen Rationalität, Intuition und menschlichem Entscheidungsverhalten beschäftigt. Ähnlich wie Nassim Taleb ist Hansjörg Neth davon überzeugt, dass die bisherigen ökonomischen Modelle den Zufall viel zu wenig Ernst genommen haben.

"Es ist zum Beispiel so, dass in der Ökonomie oft Verteilungsannahmen getroffen werden über die zugrunde liegenden statistischen Prozesse, die in der Realität nicht gegeben sind. Das nennt man auch das "small world" oder "Kleine-Welt-Phänomen": Theorien sind oft entwickelt für einen sehr begrenzten Anwendungsbereich und sobald man ihn verlässt und sich mit der weiten, tatsächlichen Welt beschäftigt, kann es eben sein, dass die Tatsache, dass gewisse Annahmen nicht mehr gegeben sind zu völlig anderen Ergebnissen führt."

Ließe sich dieses Problem nicht lösen, indem die Finanzmarktakteure bessere mathematische Modelle anwenden? Indem sie Prognosen benutzen, in die Zufallsereignisse einberechnet werden und die statistische Unsicherheiten anzeigen. Denn wer das Maß der Unsicherheit einer Prognose kennt, wird vielleicht vorsichtiger mit seinem Geld umgehen. Hansjörg Neth schüttelt leicht den Kopf.

"Es gibt verschiedene Arten von Unsicherheiten. Also es gibt zum einen die Unsicherheit, die auf der Basis von statistischen Schwankungen beruht, die kann man noch quantifizieren. Aber es gibt auch ganz fundamentale Unsicherheiten, die darin bestehen, dass ich gar nicht weiß, welche Annahmen überhaupt gegeben sind oder welche Gesetzmäßigkeiten meinen gegebenen Prozess auch noch beeinflussen können. Und diese Unsicherheiten, also die Letzteren, die Fundamentalen, die kann man durch statistische Prozesse eigentlich nicht in den Griff bekommen."

Die gängigen Finanzmarktmodelle beinhalten Kursprognosen, die auf komplexen Berechnungen aller vergangenen Schwankungen und Erträge einer Aktie oder Anleihe beruhen. Mehrere Studien, die auch am Berliner Max-Planck-Institut durchgeführt wurden, zeigen jedoch, dass es oft besser ist, darauf zu verzichten. Es kann zum Beispiel viel sinnvoller sein, sein Geld einfach auf mehrere Aktienunternehmen gleichmäßig zu verteilen. Oder einfach nur Aktien von Unternehmen zu kaufen, deren Namen man schon oft gehört hat. Hansjörg Neth spricht von einfachen Heuristiken, die hier zur Anwendung kommen.

"Das sind im Prinzip Faustregeln oder einfache Regeln, die Informationen ignorieren. Das heißt, dass sie einfach nicht alle verfügbaren Informationen verwenden. Ob sie dadurch letztlich eine gute oder eine schlechte Entscheidung treffen, relativ zu sogenannten Optimierungsmodellen, ist letztlich eine empirische Frage und wir sind eben der Ansicht, dass häufig die Heuristik nicht schlechter abschneidet oder sogar besser abschneiden kann."

"Es hat jeder, der an der Börse agiert, natürlich ein Interesse, einen Wissensvorsprung vor den anderen zu haben und zu halten. Die relativ hohen Gehälter werden ja nicht dadurch gerechtfertigt, dass man besonders lang am Schreibtisch sitzt, sondern dass man eben Informationen besser verarbeitet als es andere tun. Und dieser Informationsvorsprung, von dem man letztlich lebt, wenn man einigermaßen erfolgreich ist, den versucht man natürlich zu halten, indem man sein Wissen auch nur soweit preisgibt, wie es unbedingt nötig ist, um beispielsweise Investorengelder einzuwerben. Und das macht die Börse im Kern zu einem Ort, wo es immer wieder blinde Punkte gibt, wo man dann im Dunkeln tappt und das führt zu Panikattacken. Und diese Unsicherheiten, wenn die eben überhand nehmen in bestimmten Phasen dann kommt es zu völlig unberechenbaren Reaktionen, das kann nach oben und nach unten gehen."

Der Anlass war ein glücklicher Zufall, nämlich dass eine Studentin bei mir eine Diplomarbeit anfertigen wollte und diese Studentin vorher selbst zehn Jahre an der Börse in Frankfurt gearbeitet hat.

"Markus Knauff sitzt gemütlich im Sessel eines Dekanatszimmers an der Universität Gießen. Der Psychologieprofessor ist sichtlich zufrieden mit dem Coup, der ihm da gelungen ist. Geholfen habe ihm dabei einer jungen Diplomandin. Denn normalerweise ließen sich Börsenmakler ungern auf ihre logischen Fähigkeiten hin testen. Genau das aber taten Markus Knauff und seine Mitarbeiterin."

"Sie hatte Kontakte zu ihren damaligen Kollegen da, sie hat sie glaube ich tatsächlich mit einer Flasche Prosecco, wie das in solchen Kreisen so üblich ist belohnt und hatte einen Zugang dadurch und hat tatsächlich zwanzig wirklich sehr Erfahrene, die haben glaube ich alle mindestens zehn Jahre Parketterfahrung, befragen können. Was uns überhaupt interessierte, ist: Was passiert, wenn es bei wirklich erfahrenen Börsenmaklern zu Konflikten kommt zwischen einerseits dem, was sie an Vorerwartungen und Überzeugungen und so weiter haben und auf der anderen Seite, wie man logisch denkt und Probleme löst."

Knauff und sein Team sammelten in Interviews zuerst einmal die Überzeugungen und Vorerwartungen der Börsianer. Dann konstruierten sie gezielt Aufgaben, die diesen Überzeugungen widersprachen: Ein Aktienpreis entwickelt sich ganz anders, als unter den gegebenen Umständen zu erwarten ist, eine Wette geht in eine völlig unvorhersehbare Richtung. Parallel zu den erfahrenen Börsenmaklern mussten auch ökonomische Laien diese Aufgaben lösen.

"Unser Hauptergebnis, und da sprechen die Befunde eine deutliche Sprache, war, dass in solchen Konfliktfällen Börsenmakler sich fast immer dafür entschieden haben, sich an ihren Überzeugungen oder Vorerfahrung zu orientieren und das zulasten der Logik in ihren Schlüssen. Das heißt, sie haben logische Fehler in Kauf genommen zugunsten des Festhaltens sozusagen an ihrem Vorerfahrungen und Erwartungen."

Anders als die ökonomischen Laien verstießen die Börsenmakler dabei sogar gegen einfachste Wenn-Dann-Schussfolgerungen.

"Wir haben die Schwierigkeit der Aufgaben variiert, es gab sehr einfache Schlussschemata und sehr schwierige Schlussschemata. Je schwieriger die Aufgaben sind, desto mehr haben sich die Experten auf ihren Hintergrund verlassen und noch weniger geschlossen. Und je einfacher sie waren, desto mehr haben sie sich noch ein bisschen nach den Regeln der Logik gerichtet."

Wenn die Probleme zu komplex werden, schließt Markus Knauff, dann ziehen sich Börsenmakler wie andere Menschen auf das scheinbar Bewährte und Sichere zurück. Nicht die logische Analyse ist dann wichtig, sondern das alte Modell von der Welt.

"Es wird ja immer gesagt: Die Hälfte der Ökonomie ist Psychologie. Und damit wird aber immer gesagt, das sei die emotionale Seite. Was wir mit unserer Forschung betonen, ist, dass es auch auf der Seite, die man als rational bezeichnen könnte, Logik usw., auch hier kognitive Beschränkungen gibt, die dafür verantwortlich sind. Es stellt sich auch die Frage: Wozu ist unser kognitives System in der Lage?"

Stoßen Menschen auf ein Problem, so erklärt Markus Knauff sein ureigenstes Forschungsgebiet, dann spielen sie in ihrem Geist Lösungswege durch. Rein logisch gesehen gäbe es dabei meist viele Möglichkeiten.

"Was wir in unserer Gruppe in den letzten Jahren gezeigt haben ist, dass diese vielen Lösungen kognitiv aber nicht gleichwertig sind. Es gibt einige Lösungen, die von Menschen immer wieder sofort als korrekte Lösungen erkannt werden, und andere, die logisch betrachtet genauso richtig sind, werden systematisch ignoriert. Die Modelle sozusagen, wie wir schon kennen, sind leichter wieder reproduzierbar, das heißt, da spielt unser Hintergrundwissen, Erfahrung eine Rolle. Und zweitens sind es Kapazitätsbegrenzungen: die Situationen, die leichter vorstellbar sind, sind auch die, die bevorzugt werden und die, die einen großen mentalen Aufwand erfordern, sind sehr viel schwieriger zu konstruieren."

Die banale Macht der Gewohnheit und der Trend zum leicht Abrufbaren beherrschen die Psyche von Börsianern – auch in einem Metier, das vor Komplexität und raschen Veränderungen nur so strotzt.

"Das sogenannte weiße Rauschen, das eben in den Kursen drin ist sehr stark, dieses weiße Rauschen ist etwas, was man ausblenden muss als Fondsmanager. Man muss nicht auf jedes Signal hören und die große Kunst ist eben, die richtigen herauszufinden und die guten von den schlechten zu unterscheiden."

Wenn die Finanzmarktakteure hin und hergerissen sind von den Schablonen im Kopf und dem wechsel-und krisenhaften Verlauf der Finanzmärkte: wie viel Rationalität ist da überhaupt noch möglich, wo setzt das Irrationale ein?

Ein kleines Zimmer im Bonner Max-Planck-Institut für Gemeinschaftsgüter. Der junge Psychologe Andreas Glöckner schaut auf seinen Computerschirm und hat einen ganz Stoß von Papieren vor sich ausgebreitet. Es sind die Daten eines Online-Experiments, das er mit fast 1000 Versuchspersonen durchgeführt hat, die einen breiten Bevölkerungsdurchschnitt repräsentieren.

"Wir haben eine Erhebung 2008 gemacht, direkt nach dem Platzen der Immobilienkrise. Damals ist der Aktienmarkt um 35 Prozent eingebrochen, die Stimmung an den Aktienmärkten war superschlecht, der DAX stand bei 4500 Punkten, es ging noch weiter abwärts."

Glöckners Versuchspersonen bekamen 60 Euro, die sie auf drei Optionen verteilen konnten. Auf eine sehr sichere Option, bei denen ihnen 3 Prozent Gewinn gewiss waren, mehr aber auch nicht. Auf eine mittlere Option, bei denen sie mehr gewinnen, aber auch Geld verlieren konnten. Und auf eine sehr riskante Option mit hohen Gewinn- aber auch Verlustchancen.

"Also einmal befragen wir, wie Personen ihr Geld verteilen, wenn es wirklich nach unten geht in einer wirklichen Krise. Der zweite Zeitpunkt war dann 2010, das war, als der Aktienmarkt wieder ganz steil nach oben ging, er hatte sich schon stark erholt, also im November 2010. Und wir wollten sehen, inwieweit sich diese unterschiedliche Situation auf die Verteilung zwischen eher riskanten und eher sicherer Optionen bei der Aufteilung des eigenen Geldes auswirken."

Das auch für Andreas Glöckner überraschende Resultat: Die Versuchspersonen verteilten ihr Geld in der Aufschwungphase 2010 genau so auf die drei Optionen wie in der Krisenzeit im Jahr 2008. Sie handelten also relativ überlegt und setzten ihr Geld unbeeindruckt von Krisen- oder euphorischen Stimmungen ein. Allerdings wurde die Studie unter zwei verschiedenen Bedingungen durchgeführt. Einmal sagten die Forscher den Versuchspersonen, die drei Optionen bezögen sich jeweils auf Aktien. Ein anderes Mal sagten sie, es handele sich um eine Lotterie.

"Das sehr interessante Ergebnis war, dass die Personen riskanter in die Lotterie investiert hatten als in den Aktienmarkt."

Wenn Menschen an eine Lotterie denken, drängt sich offenbar das Spiel-und Risikomotiv nach vorne, beim Aktienmarkt eher die Vorsicht.

"Zwischen Aktien und Lotterie diesen Unterschied zu beachten ist per se erst einmal nicht rational. Die Konsequenzen waren exakt dieselben, das einzige was wir ausgetauscht haben, war halt diese Darstellung der Option. Prinzipiell war den Personen klar, sie kriegen genau dasselbe Geld, sonst kein Unterschied!"

Rational handelten die Versuchspersonen demnach nur insofern, als sie sich nicht von den Zeitumständen beeinflussen ließen. Sie waren aber anfällig für andere Reize, die objektive gar keinen Einfluss auf ihre Gewinnchancen hatten. Es gibt offenbar ein Fenster, in dem rationales Handeln möglich ist, aber dieses Fenster kann geschlossen werden, wenn mächtige psychologische Motive den reinen Verstand in Unruhe versetzen.

"Die Welt der Finanzmärkte scheint zu komplex und zu unsicher zu sein, als dass sie rein rational zu bewältigt werden könnte. Wenn ihre Prognosen nicht mehr funktionieren, fallen Finanzmarktakteure daher entweder in Panik. Oder sie verletzen die Gesetze der Logik, um an ihren alten Modellen vom Marktgeschehen festhalten zu können. Die Alternative wäre, sich in seinen Zielen zu bescheiden, auf maximalen Gewinn zu verzichten und einfache Regeln anzuwenden, die sich dem inneren Chaos der Finanzmärkte verweigern. Dem aber stehen andere psychologische Mechanismen entgegen, die das Risikoverhalten des Menschen beeinflussen. Außerdem widerspricht das den Gesetzen der Finanzmärkte, die auf Gewinnoptimierung angelegt sind. Was sind das dann aber für Menschen, die sich diesem Risikospiel der Finanzmärkte von Berufs wegen Tag für Tag aussetzen?"

"Gerade in den Handelssälen, wo es nicht darauf ankommt, die Firmen zu analysieren, sondern nur darauf ankommt, letztlich einen schnellen Schnitt zu machen, da sind einfach Eigenschaften gefragt, die letztlich ganz einfach sind: Das ist eben ein ständiges Aufmerksam-Sein auf den Schnitt, den man machen kann. Wenn man sieht, hier ist etwas, da werden falsche Kurse gestellt oder so, das eben ohne darüber nachzudenken einfach schnell zu tun, schnell abzugreifen so eine Gewinnmöglichkeit. Es ist schon eine gewisse Monomanie, dass man einfach nur das eine im Blick hat. Das ist etwas, was viele erfolgreiche Fondsmanager und auch Händler auszeichnet, dass sie den ganzen Tag und die ganze Nacht über nichts anderes nachdenken, auf eine ganz einfache und häufig auch primitive Weise: Dass man einfach sagt, so, hier ist noch ein Schnitt drin und hier hau ich jetzt mal rein und tue eine große Position aufbauen und das wird schon gut gehen und so - also Skrupel sind nicht sehr weit verbreitet."

Eine Schulklasse singender schweizerischer Kinder marschiert an dunklen, hässlichen Betonmauern vorbei. Es sind die Mauern des größten Schweizer Gefängnisses Pöschwies bei Zürich. Das Gefängnistor ist weiß und mächtig, über ihm prangt unübersehbar eine Videokamera.

Hinter den Mauern, im Bürotrakt des Gefängnisses, befindet sich das repräsentative Dienstzimmer des Vollzugsleiters. Der Forensische Psychiater und Jurist Thomas Noll sitzt ganz in schwarz gekleidet an einem Arbeitstisch aus dunkelbraunem Holz.

"Wir haben Psychopathen, ich habe jetzt nicht gezählt wie viele wir in der Strafanstalt Pöschwies im Moment haben aber man weiß, dass circa zehn Prozent der Gefängnispopulation psychopathisch sind im Gegensatz zu einem Prozent in der Allgemeinbevölkerung."

Psychopathen sind besonders rücksichtslos, egoistisch, manipulativ und neigen zu kriminellen Karrieren. Im Jahr 2008 hatten Regensburger Wissenschaftler das Wettkampfverhalten von Psychopathen und ganz normalen Kontrollpersonen miteinander verglichen. Thomas Noll hat das gleiche Experiment nun mit 28 Finanz-Tradern, durchgeführt, mit 25 Börsenmaklern, zwei Rohstoffhändlern und einem Leiter eines Hedgefonds. In einer Computersimulation hatten sie sich folgender Aufgabe zu stellen: In einer schlimmen Dürreperiode verteilt eine Behörde jeden Morgen an jeden Einzelnen eine bestimmte Wassermenge. Die kann man sich einfach ganz ehrlich abholen.

"Wenn man betrügen wollte, dann konnte man bei den Behörden so tun als ob man das Wasser des Nachbarn abholen kann und hat dann mehr Wasser gekriegt. Und zwar so lange, bis der Nachbar, der durch den Computer simuliert wurde, das gemerkt hat und reagiert hat, indem er auch angefangen hat, früher an diese behördliche Wasserstelle zu gehen und zu betrügen."

Wer handelt in einer solchen Situation am wenigsten sozial? Normalpersonen, Psychopathen oder Trader?

"Die Trader waren weniger kooperativ als die Durchschnittsbevölkerung und als die Psychopathen, das war also insgesamt die egoistischste, unkooperativste Stichprobe der drei Studienpopulationen."


Die Durchschnittsprobanden verhielten sich statistisch gesehen noch nicht einmal in einem der 40 Spielzüge unkooperativ, die Psychopathen knapp fünf Mal. Die Finanzmarktakteure jedoch brachten es auf zwölf Betrugsversuche. Ein zweites Ergebnis des Experiments war noch überraschender. Die Trader schnitten zwar in den meisten Einzeldurchgängen besser ab als ihre Gegenspieler. Im Endergebnis hatten sie aber kaum mehr Wasser gehortet als die Durchschnittsprobanden und sogar weniger als die Psychopathen.

"Das heißt sie haben den Gewinn des Gegenspielers reduziert, nur um den eigenen relativen Gewinn zu erhöhen, ohne dass der absolute Gewinn des Traders erhöht wurde. Sie haben also insgesamt kein besseres Resultat erzielt als die Durchschnittsbevölkerung, haben aber gleichzeitig den Gegenspieler ruiniert."

Thomas Noll und sein Co-Autor Pascal Scherrer unterzogen die Finanzmarktakteure auch einem Psychopathietest. Dabei waren diese zwar erneut unaufrichtiger, egoistischer und unkooperativer als die Psychopathen. Bei anderen Faktoren schnitten sie aber positiver ab. Sie waren zum Beispiel weniger kaltherzig und übernahmen häufiger die Schuld für ihr Tun. Thomas Nolls Fazit.

"Was man sagen kann, ist, dass sie risikobereite Egoisten sind, aber keine Psychopathen. Was sie aber waren, das ist kompetitiv: Sie haben ihren relativen Gewinn maximiert, Sie haben Ihren Gegner kaputtgemacht, um es überspitzt zu formulieren."

"An der Börse geht es letztlich auch nicht zu sehr darum, selber immer richtig zu liegen, sondern etwas häufiger richtig zu liegen als die anderen. Also dieser gewisse Wettbewerbsinstinkt spielt eine große Rolle, das liegt aber auch tatsächlich darin, dass das Geld, welches investiert wird, sehr schnell zu demjenigen wandert, der im letzten Jahr oder den letzten zwei Jahren besser war als die anderen. Der bekommt den großen Topf und alle anderen gehen sehr schnell auch sehr leer aus und deswegen ist dieses Schielen auf nicht nur darauf, was man absolut an Wertentwicklung produziert als Fondsmanager, sondern auch was die anderen machen, dass die bloß nicht besser sind, das ist eine sehr wichtiges Motiv, weil das entscheidet letztlich über das Wohl und Wehe auch der Firma, die eben diese Managementdienstleistung anbietet."

"Besonders interessant ist natürlich einfach, welche Regionen im Gehirn durch den Anreiz Geld aktiviert werden und da kann man sagen, dass Geld in zahlreichen Fällen Dopamin freisetzt, das Belohnungszentrum im Gehirn, der Nukleus Accumbens, wird aktiviert, das ist ein ganz ähnliches Prinzip, wie es bei Lob stattfindet oder bei der Erfüllung eines Wunsches, der nach langer Zeit in Erfüllung geht."

Andreas Lenz hatte früher eine Banklehre gemacht und dann Betriebswirtschaft studiert. Jetzt arbeitet er an der Universität München an einer Dissertation, in der er die psychologischen Hintergründe des wirtschaftlichen Handelns aufdecken will.

"Das spricht dafür, dass wir es hier mit zum Teil narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen zu tun haben, die von sich glauben, einfach besser zu sein als andere, die auch in gewisser Weise eine Gefallsucht dann entwickeln."

Andreas Lenz glaubt, dass häufig Menschen mit narzisstischer Suchtkomponente vom Finanzmarktgeschäft angezogen werden, die sie mal zu manisch-euphorischen, mal zu depressiven Ausschlägen treibt. Solche Menschen wollen sich permanent so rasch wie möglich beweisen und Gewinn erzielen, ansonsten fallen sie in ein tiefes Loch.

"Es gibt eine Studie, da hat man den Testosterongehalt und den Cortisolgehalt von Investmentbankern überprüft und festgestellt, dass im Wesentlichen diese zwei Hormone die Performance der Börsenhändler beeinflussen."

Testosteron verschafft Wohlbefinden, treibt aber auch zu Selbstüberschätzung, Dominanz und aggressivem Verhalten.

"Studien zeigten beispielsweise, dass die Händler, die einen höheren Testosterongehalt hatten, auch erfolgreicher waren beziehungsweise höhere Gewinne erzielten. Natürlich kann man daraus schließen, dass die höheren Gewinne auch durch ein höheres Risikobewusstsein zustande kamen. Es ist aber auch so, das zeigen auch Untersuchungen, dass ein hoher Testosterongehalt auch zu völlig irrationalen Entscheidungen führen kann."

"Gier frisst Hirn, das kommt vor in den besten Kreisen."

"Cortisol ist eigentlich eher für den entgegengesetzten Bereich zuständig, Cortisol sorgt dafür, dass die Menschen dann wieder in sich gehen, dass sie auch Ängste entwickeln und dann zur Vorsicht neigen."

"In den normalen Phasen hält sich das eben die Waage mit dem Gegenstück, mit der Furcht. Die Furcht ist etwas, was auch immer da ist, die Furcht, den Job zu verlieren, die Furcht eben den Markt falsch interpretiert zu haben, und einfach am Ende als Idiot dazustehen."

Das Parkett im Börsensaal als circulus vitiosus: Der Finanzmarkt ist auf Risiko, schnelle Gewinne und Wettbewerb angelegt. Damit zieht er Menschen an, die offenbar psychologisch darauf fixiert sind. Klappt es, dann werden sie durch schnelle Bonuszahlungen und hormonelle Prozesse belohnt. Dann kaufen sie in grenzenlosem Vertrauen und großer Selbstüberschätzung sogar Aktienpakete, deren Zusammensetzung sie kaum begreifen. Scheitern sie, dann geht der Weg in die andere Richtung: Angst und Panik, alle wollen nur noch raus aus den bedrohlich gewordenen Werten.

Was also tun? Können Regulationen helfen, Verbote von riskanten Tätigkeiten?

"Wenn ich jetzt einmal so ein wenig provokativ mal sagen kann: Es ist schon verwunderlich, wenn man mal die Bankenlandschaft anschaut, wie viel in Risikomanagement investiert wurde, wie viel in regulatorische Vorschriften investiert wurde in den letzten zehn, 20 Jahren. Dann ist das schon erstaunlich, dass die großen Fälle eigentlich nicht ausgeblieben sind, sondern jetzt die größeren noch dazu kamen."

Roland Pfyl ist Leiter der Finanzkontrolle des Schweizer Kantons Schwyz, hat aber vorher als Revisor in einer Bank gearbeitet. Vor Kurzem führte er Interviews mit seinen ehemaligen Bankkollegen, um herausfinden, wie sie über die Regulation des Bankengeschäfts denken. Fast alle, fand er heraus, beherrschten in diesen Gesprächen den sogenannten Rationalitätsdiskurs. Sie fanden es also prinzipiell notwendig und vernünftig, dass Banken kontrolliert und reguliert werden. Gleichzeitig beschrieben sie das aber auch als einen Mythos, der den Status ihrer Bank aufpolieren solle. Oder als ein Schicksal, dem man sich notgedrungen fügen müsse. Oder als ein Spiel, in dem es darum gehe, mit den auferlegten Regulationen "kreativ" umzugehen.

"Dass man sagt, okay, wenn vielleicht in der Schweiz man was nicht machen kann, dann kann man es vielleicht mit luxemburgischen Recht oder natürlich nach den Kanalinseln oder wo auch immer, man kann effektiv die verschiedenen regulatorischen Spezifizitäten gegeneinander ausspielen, das ist so das klassische Beispiel, man wechselt einfach das Spielfeld. Wenn man das als Spiel betrachtet, dann gelten nur die Spielregeln und alles andere wird ausgeblendet. Das heißt: dass man plötzlich Werte, das können ethische, moralische Aspekte sein, dass man die dann in einem sehr regulierten Umfeld tendenziell eher ausblendet, weil man sagt, man hält sich an die Regeln, also ist das okay."

Roland Pfyls Banker-Interviews zeigen: Der Widerspruch zwischen Kontrollregeln und den wirtschaftlichen Zielen der Finanzinstitutionen ist nicht leicht einzudämmen. Er verführt eher dazu, spielerisch damit umzugehen: Die Regeln sind da, mal sehen, wer geschickter damit umgehen kann.

Was als tun? Wie lässt sich ein System ändern, das psychologisch auf Spielsucht, Risikobereitschaft, schnellen Entscheidungen, Gier und Furcht beruht? Andreas Lenz meint: indem im System selbst andere Weichen gestellt werden.

"Man braucht längerfristige Anreizsysteme, der Begriff der Nachhaltigkeit muss endlich auch auf die Finanzindustrie angewendet werden. Man braucht eine nachhaltigere Geschäftsentwicklung und dazu dient eben auch eine Langzeitbetrachtung und gerade der Siegeszug der Quartalsbetrachtung hat dazu beigetragen, dass sich eben der Entscheidungsträger in der aktuellen Situation nicht darum kümmert, was ist in fünf Jahren, was ist in zehn Jahren mit meinem Unternehmen? Und im Rahmen einer nachhaltigeren Entwicklung muss der Aktionär, der Inhaber eines Unternehmens dran interessiert sein, dass ein Unternehmen auch langfristige Rendite und Gewinne erzielt und eben nicht nur das nächste Quartal zu optimieren."

Ein großes Ziel, das ein völliges Umdenken erfordert. Und, meint Thomas Noll, Mitarbeiter, die anders gepolt, also anders geschult und ausgewählt werden als bisher.

"Was aus unserer Sicht ganz gut wäre, wäre, wenn man sich mehr auf die Psyche der einzelnen Mitarbeiter konzentrieren würde. Das kann man wahrscheinlich während des Rekrutierungsprozesses machen, dass man dort bestimmte Testungen durchführt, psychologische Testungen mit den Bewerbern, aber auch später, gewisser maßen berufsbegleitend. Ich glaube, das müsste man noch ein bisschen ausfeilen und was rausfinden."

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