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StartseiteCampus & KarrierePapierlos recherchieren dank Online-Bibliothek06.08.2009

Papierlos recherchieren dank Online-Bibliothek

Berliner Studenten gründen virtuellen Copyshop

Stundenlanges Recherchieren in Bibliotheken und das anschließende Kopieren wichtiger Seiten ist Zeitverschwendung: Das Gleiche geht auch am PC - und ist sogar völlig legal.

Von Mandy Shielke

Die Anna Amalia Bibliothek in Weimar wird wohl nie entbehrlich werden (AP)
Die Anna Amalia Bibliothek in Weimar wird wohl nie entbehrlich werden (AP)

Sissi Zeng sitzt im Lesesaal der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Es ist still um sie herum, konzentriert arbeiten sich die Studenten durch Bücher und Stapel von Kopien, manche sitzen vor ihrem Laptop. So wie Sissi Zeng. Sie schreibt ihre Hausarbeit über Politische Ökonomie. Jetzt braucht sie erst einmal eine Definition von Arbeitslosigkeit.

"Arbeitslosigkeit..."

Sie tippt das Wort in das Suchfeld auf der Internetseite "paperc.de".

"'Die unsichtbare Hand, ökonomisches Denken gestern und heute' ist zum Beispiel ein Buch. Das kann ich mir dann also die Seitentrefferzahl ansehen ... Auf der 279. Seite des Buches steht jetzt dazu etwas."

Noch muss Sissi Zeng nichts für den Service bezahlen. Das Lesen am Bildschirm, Seite für Seite kostet nichts. PaperC-User zahlen für den Zusatznutzen, den das Internetportal bietet: Copy and Paste, das Drucken ausgewählter Seiten, das Markieren bestimmter Textstellen oder die digitale Zitateverwaltung.

"Jede Seite, die ich gekauft habe, kann ich hier verwalten,"

… erklärt Martin Fröhlich, 26 Jahre alt und einer der drei Gründer von PaperC.

"Ich sehe, wann ich welche Seite innerhalb des Buches gekauft habe, welche Notiz, welches Zitat, kann gleich mit einer automatischen Fußnotenerkennung der Metadaten einen Satz rausziehen rein in meine Diplomarbeit und eben das ist die Arbeitserleichterung für Wissenschaftler und Studenten."

Denn Quellenangaben werden automatisch mitgeliefert. Eine Kopie kostet, so sein Partner Felix Hofmann, zwischen fünf und zehn Cent, je zur Hälfte geht der Betrag an PaperC und den entsprechenden Verlag.

""Dieses Modell des "Freemiums" ist im Internet ja momentan weit verbreitet, das heißt, man gibt den Kernnutzen kostenfrei raus und verdient am Zusatznutzen, das ist eine Idee im Internet in den letzten zwei, drei Jahren und die Verlage müssen sich erst anfreunden mit solchen Geschäftsmodellen. Wir hatten am Anfang schon Probleme, die haben schon gesagt, ihr wollt all unsere Bücher kostenfrei ins Netz stellen. Da mussten sie schon erst einmal schlucken aber wir haben sie dann doch überzeugt."

Jeder Student gebe im Jahr zwischen 40 und 60 Euro für Kopien aus, rechnet Felix Hofmann vor. Das mache mehr als hundert Millionen Euro im Jahr. Davon aber haben die Verlage nichts, da sie im Jahr einen festen Betrag von der Verwertungsgesellschaft Wort für das Exemplar in der Bibliothek bekommen, unabhängig davon, wie viele Male es durch den Kopierer gezogen wird. Ein Argument, das die Verlage von der Idee überzeugt hat. Mittlerweile hat PaperC mit fünfzehn Fachbuch-Verlagen Verträge abgeschlossen, der Fachbuchverlag von Springer, Oxford University Press und auch kleine Verlage wie Lucius & Lucius aus Stuttgart stellen ihre Publikationen auf PaperC zur Verfügung. 2500 Einzeltitel aus den Bereichen Jura, Medizin oder Informatik können die Nutzer ab August auf dem Internetportal abrufen. Alles begann vor zwei Jahren.

"Ich hab im Sommer 2007 meine Diplomarbeit in Berlin geschrieben."

… erzählt Felix Hofmann von PaperC.

"Und gleichzeitig mit meinem Masterstudium in St. Gallen angefangen und war viel unterwegs, musste auch Übergepäck bezahlen für Bücher und da war mir klar, wir müssen da was machen."

Businessplan, Existenzgründerzuschuss, Programmierung, erste Kontakte zu Verlagen. Und dann ging alles sehr schnell. Jetzt rufen Verlage bei ihm an, um Termine zu machen. Wenn alles gut läuft, soll die Plattform innerhalb eines Jahres 200.000 Nutzer haben. Noch nie haben Fachbuchverlage ihre Werke von der ersten bis zur letzten Seite frei im Internet zugänglich gemacht, selbst E-Books muss der Kunde vor dem Lesen komplett kaufen. Wenn die Idee der digitalen Fachbibliothek aufgeht, wird sich das vermutlich auch auf die Veröffentlichungspolitik der Verlage auswirken. Dann erscheint möglicherweise zunächst die E-Book Version und dann erst - abhängig von der Nachfrage im Netz - auch Printausgaben herausbringen.

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