Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheLob der indirekten Kritik02.12.2017

Papst Franziskus in MyanmarLob der indirekten Kritik

Myanmar führt Krieg gegen die muslimischen Rohingya – nicht einmal ihr Name darf erwähnt werden. Daran hat sich Franziskus bei seinem Besuch im Land gehalten. Alles andere hätte die Lage nur verschlimmert, kommentiert Jürgen Webermann. Kritik habe der Papst trotzdem geübt, "verklausuliert, aber doch für alle verständlich".

Von Jürgen Webermann

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Papst Franziskus winkt aus einem Auto heraus Menschen in der myanmarischen Metropole Rangun zu.  (YE AUNG THU / AFP)
"Wir werden nicht wegschauen. Wir werden unsere Herzen nicht verschließen": Papst Franziskus habe in Rangun die richtigen Worte gefunden, kommentiert Jürgen Webermann (YE AUNG THU / AFP)
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Was eigentlich haben all die Kritiker erwartet, die Papst Franziskus während dieser Reise ins südliche Asien laut beschimpft haben? Sie werfen ihm vor, sich dem Regime in Myanmar angebiedert zu haben. Sie mutmaßen gar, dadurch habe Franziskus seine moralische Autorität aufs Spiel gesetzt. Das alles, weil er auf Bitten seiner eigenen Leute in Myanmar auf das Wort Rohingya verzichtet hatte. Zur Erinnerung: Das Regime in Myanmar lehnt das Wort ab, weil es die Volksgruppe der Rohingya nicht anerkennen will.  

Wütendes Poltern wäre kontraproduktiv

Ich frage mich: Was hätte der Papst denn tun sollen? Wie ein Elefant durch das fremde Land trampeln und laut seine Wut raustrompeten, nur damit wir uns alle besser fühlen - wir in unseren Komfortzonen, die immer noch denken, die ganze Welt müsse so funktionieren wie bei uns daheim? Hätte der Papst mit einer lauten Anklage den Rohingya wirklich geholfen? Oder hätte er nicht eher ungewollt die Wut gegen die Muslime in Myanmar noch befeuert und nebenbei auch die christliche Minderheit in Bedrängnis gebracht?

Damit kein Zweifel aufkommt: Menschenrechte sind unteilbar. Das Regime in Myanmar muss maximal unter Druck gesetzt werden, um das Morden und die Vertreibungen endlich zu stoppen. Aber die Welt ist manchmal komplizierter, als wir es gerne hätten, das gilt besonders für das südliche Asien. Die Region ist ein ständig brodelnder Schmelztiegel. Es gehört zur harten politischen Realität, dass das Regime in Myanmar die beiden wichtigsten Mächte, China und Indien, auf seiner Seite hat und deshalb im Zweifel auf den Papst pfeifen wird.

"Die Reise hat sich gelohnt"

Laute Kritik hätte also nicht der Sache gedient, sondern nach hinten losgehen können. Franziskus hat stattdessen kleine, vorsichtige Schritte gewählt. Er hat die Krise immer wieder angesprochen. Indirekt zwar, und verklausuliert, aber doch für alle verständlich. So hat Franziskus es geschafft, das Thema zumindest weit oben auf der globalen Agenda zu halten. Allein deshalb hat sich die Reise gelohnt. 

Denn seien wir ehrlich: In unserer schnelllebigen Welt wären die Rohingya doch längst in Vergessenheit geraten. Wir alle hätten uns längst abgewandt. Dabei gehen die Vertreibungen weiter. Und das angebliche Abkommen zur Rückführung der Flüchtlinge zwischen Bangladesch und Myanmar ist das Papier nicht wert, auf dem es steht. Franziskus' Versprechen, das er den Rohingya in Bangladesch gab, ist deshalb vor allem auch ein dringender Appell an uns alle: "Wir werden nicht wegschauen. Wir werden unsere Herzen nicht verschließen."

Den großen Durchbruch hat Franziskus nicht gebracht. Aber wer das ernsthaft erwartet hatte, ist bestenfalls naiv.

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