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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Gitarrero mit Protestsongs im Repertoire21.01.2018

Papst Franziskus in SüdamerikaEin Gitarrero mit Protestsongs im Repertoire

Bei seinem Lateinamerikabesuch prangere Papst Franziskus Ausbeutung an und blamiere die Unterdrücker der indigenen Bevölkerung, kommentierte Christine Florin im Dlf. Doch was vielleicht nach 68er-Bewegung klinge, sei keine Sozialromantik - sondern unverzichtbare politische Einmischung.

Von Christiane Florin

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Papst Franziskus in der chilenischen Stadt Iquique 18.1.17  (imago stock&people / Mario Ruiz)
Papst Franzsikus predige keine Sozialromantik, sondern das Evangelium, kommentierte Christiane Florin im Dlf. Er sei eine wichtige, weithin vernehmbare Stimme zwischen populistischem Geschrei und diskretem Business-Class-Säuseln. (imago stock&people / Mario Ruiz)
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Eigentlich wollten die Stewardess und der Steward nach dem Sandwich-Service auf dem innerchilenischen Kurzflug  nur einen Segen vom Papst. Aber als Franziskus hörte, dass die beiden seit acht Jahren zivil verheiratet waren, da war ihm ein Kreuzzeichen nach dem Käsebrot zu mager. Er traute die beiden über den Wolken und bei der Landung zählte die katholische Statistik ein Ehepaar mehr. Mögen sich Kirchenrechtler den Kopf über die Formalien eines solchen Spontan-Sakraments zerbrechen, Franziskus schwebt über den Details. Seit fast fünf Jahren lebt er in einer Zweckbeziehung mit dem Vatikan und noch immer gelingen ihm solche Honeymoon-Momente.

Flugs ließe sich daraus ein Bekenntnis zur sakramentalen Ehe zwischen Mann und Frau ableiten. Nach dem Motto: Tisch und Bett miteinander teilen ohne kirchliches Versprechen - das missbilligt Franziskus. Und weil er nicht Steward und Steward getraut hat, ist das auch gleich ein Statement gegen die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare. Also: Der Mann ist ein Konservativer.

Politische Einmischung ist lebenswichtig

Ist er aber nicht. Innerkirchliche Flügelkämpfe zwischen Konservativen und Liberalen sind Luxus, das macht die Reise nach Chile und Peru deutlich. Politische Einmischung dagegen ist lebenswichtig. Franziskus stürzt nicht gleich die Mächtigen vom Thron, wie es in einem bekannten Mariengebet heißt, aber er lässt sie unbequem sitzen.

Die 68er-Bewegung wird in diesem Jahr 50 und man kann sich diesen Papst eigentlich ganz gut als Gitarrero mit Protestsongs im Repertoire vorstellen. Bei seinem Lateinamerikabesuch nennt er Ausbeutung Ausbeutung. Er preist die, wie er sagt, "Weisheit der angestammten Völker" und blamiert damit die Unterdrücker der indigenen Bevölkerung. Er reist ins Amazonasgebiet, wo Gold zu Gift wird, weil für den Abbau des Edelmetalls Quecksilber verwendet wird.

Manchmal klingt Franziskus wie Bob Dylan, manchmal wie Karl Marx, manchmal wie Katrin Göring-Eckardt, aber eigentlich ist es umgekehrt: Das, worauf er sich bezieht, war früher da als "Blowing in the Wind", früher als der Kommunismus, früher als die Grünen. Wer das Neue Testament liest, kann daraus nun einmal nicht das Recht ableiten, Menschen nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen oder ihrer Nationalität zu bewerten.

Kritiker halten ihn für einen Spinner

In seiner Enzyklika "Laudato Si" verbindet der Papst Schöpfungs- und Klimabericht, Theologie und Naturwissenschaft. Die Goldgräber Perus überzeugt das nicht. Wovon, wenn nicht von dem, was der Papst Raubbau nennt, sollen wir unsere Kinder ernähren, fragen sie. Die Klimawandelleugner vom Schlage Trumps halten Franziskus ohnehin für einen Spinner, der wie sein Namensvorbild Franz von Assisi mit den Vögeln spricht. Ihr Credo: Geht es den Konzernen und der Wallstreet gut, dann sei mehr für das Wohl der Menschheit getan, als wenn ein Papst sich für den Schuppenflügel-Ameisenschnäpper einsetzt.

Beim Thema Missbrauch klaffen Worte und Taten auseinander

Zugegeben, der Mann in Weiß hat, so kurz vor seinem kleinen Amtsjubiläum, keine porentief reine Bilanz. Beim Thema Missbrauch klaffen Worte und Taten auseinander. In Chile hält sich seit Jahren ein Bischof im Amt, dem vorgeworfen wird, sexuellen Missbrauch durch einen Priester gedeckt zu haben. Der Papst hat um Vergebung gebeten, den Zorn auf die Vertuscher-Kirche hat das kaum gemildert. Und bevor nun bei Facebook die ersten Kommentare geschrieben werden von der Art "Beschäftigt euch doch gar nicht mit dem Chef einer Kinderschänder-Sekte!" ein Gedanke:

Wichtige, weithin vernehmbare Stimme

Die mit Geld und Gold haben eine starke Lobby, sie werden sich durch Predigten nicht erschüttern lassen. Sie werden darauf verweisen, dass der Vatikan auch Geld und Gold hat und seine Gärten bei größter Trockenheit bewässern lässt. Aber würden solche Einwände diesen politischen Papst zum Schweigen bringen oder würde sich das katholische Oberhaupt auf Stickarbeiten an der Ehe-Theologie beschränken, dann fehlte eine wichtige weithin vernehmbare Stimme zwischen populistischem Geschrei und diskretem Business-Class-Säuseln.

Franziskus bietet den Zynikern Paroli, indem er - der 81-Jährige - sagt: Hoffnung auf Gerechtigkeit ist weise und nicht naiv. Er bietet den Identitären Paroli, indem er das Christentum nicht abgrenzend versteht. Die Trennlinie verläuft für ihn zwischen barmherzig und unbarmherzig, nicht zwischen katholisch und evangelisch, christlich und muslimisch, gläubig und nicht gläubig. Und er bietet einem Liberalismus Paroli, der die Schwachen, Unflexiblen, Verzweifelten, Unoptimierten zu Schuldigen erklärt. Franziskus passt lieber die Verhältnisse den Menschen an als die Menschen den Verhältnissen.

Der Mann, der in 11.000 Metern Höhe ein Paar vermählte, ist kein Romantiker. Er hat recht sachlich den Ehekonsens erfragt. Was Franziskus am Boden predigt, ist erst recht keine Sozialromantik. Es ist das Evangelium.

Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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