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StartseiteKommentare und Themen der WocheVon der Revolution zur Kapitulation05.06.2018

Papst Franziskus und die ÖkumeneVon der Revolution zur Kapitulation

Keine Kommunion für nichtkatholische Ehepartner: Mit dieser Entscheidung ziehe sich die katholische Kirche auf ein "leistungsloses Überlegenheitsgefühl" zurück, kommentiert Christiane Florin. Papst Franziskus habe sich gegen seine selbst verkündeten Ideale den konservativen Hierarchen im Vatikan gebeugt.

Von Christiane Florin

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Papst Franziskus spricht am 25.12.2017 vom Balkon des Petersdoms im Vatikan den Segen "Urbi et Orbi". (AP / Alessandra Tarantino)
Nicht für alle, sondern nur für Katholiken, sagt der Vatikan. Und fegt damit eine Intiative der deutschen Bischofskonferenz vom Tisch, die es damit nicht so genau nehmen wollte. (AP / Alessandra Tarantino)
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Gehört der Katholizismus zu Deutschland? Natürlich nicht. Die heilige katholische Kirche, wie es im Glaubensbekenntnis heißt, steht über so vergänglichen Erscheinungen wie Staaten und Staatsformen. Deshalb arrangiert sie sich mit allen Herrschaftssystemen, sogar mit der Demokratie.

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte sich von der deutschen Demokratiepraxis etwas abgeschaut. Per Mehrheitsbeschluss und mit einem theologischen Trick wollte sie auch Protestanten eine Berechtigung zur Kommunion ausstellen. Doch gestern erklärte die römische Zentrale: Die Hostie gehört den Katholiken. Protestanten fehle das Verständnis fürs Allerheiligste und deutschen Bischöfen das Verständnis für die Weltkirche. So denkt die Glaubenskongregation, so denkt auch Papst Franziskus, wie extra dazu gesagt werden musste, weil es so unglaublich scheint.

Still vergnügter Ungehorsam der Basis wird weitergehen

In weltlichen Zusammenhängen nennt man das Identitätspolitik: die Betonung des Eigenen, die Abgrenzung vom Anderen. Identitätspolitik verspricht ein leistungsloses Überlegenheitsgefühl. In diesem Fall: Du bist, was du isst. Und das ist für Katholiken eben nicht nur eine Oblate, sondern der Leib Christi. Also etwas Besseres. Das Beste.

Nun ist der Hunger nach der Hostie unter Kirchenmitgliedern nicht sonderlich ausgeprägt. Aber wer ihn verspürt, soll gesättigt werden. So wiederum denken viele katholische Priester und spenden auch Wiederverheirateten, Protestanten und anderen vom rechten Weg Abgekommenen die Kommunion. Diese Geistlichen werden sich vom neuen Nein aus Rom nicht beeindrucken lassen. Es gibt schon lange keine offene Rebellion gegen die Hierarche mehr, eher so etwas wie still vergnügten Ungehorsam. Lass die oben mal reden, wir hier unten machen, was wir wollen.

Der Papst verabschiedet sich von seinen Ansprüchen

Trotzdem lässt sich das Veto nicht mit der üblichen katholischen Basis-Anarchie ignorieren. Denn vor einer Woche hat die höchste Glaubensbehörde schon einmal Nein gesagt. In Treue zum Plan Christi hieß es da, sei es unmöglich, Priesterinnen zu erlauben. Auch das gehört zur katholischen Identitätspolitik. Wichtig ist nicht nur, was bei der Eucharistie gefeiert wird, wichtig ist auch, wer sie feiert, wer zelebriert. Derzeit sichert die Institution also umfassend ihr Amtsverständnis ab. Kirche ist nicht da, wo zwei oder drei versammelt sind. Kirche ist nur da, wo ein Priester waltet und wandelt.

Papst Franziskus, der oberste Amtsträger, verabschiedet sich gerade von seinen eigenen Ansprüchen. In seiner Bewerbungsrede 2013 wollte er dem theologischen Narzissmus, der Selbstbezüglichkeit, ein Ende bereiten. Er versprach eine Kirche, die sich den Armen und Bedrängten zuwendet. Jetzt haben die theologischen Narzissten ihn davon überzeugt: Wirklich arm dran und bedrängt sind die konservativen Hierarchen. Die franziskanische Revolution wandelt sich zur franziskanischen Kapitulation.

Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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