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StartseiteThemen der WocheParade der Schuldigen31.07.2010

Parade der Schuldigen

Wer trägt die Verantwortung für die Toten von Duisburg?

Jetzt fehlt nur noch die politisch scheinheilige und hinhaltende Formel von einer "brutalst möglichen Aufklärung". Zu Trauer und Entsetzen nach der vermeidbaren Katastrophe der Loveparade von Duisburg kommt das Trauerspiel um die politische und moralische Verantwortung.

Von Rainer Burchardt, freier Journalist

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland.  (AP)
Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland. (AP)

Und parallel zu ihrem Versagen bei der Planung bieten die mittelbar und unmittelbar Beteiligten dieser Tage ein würdeloses Hin- und Hergeschiebe der Verantwortlichkeit für dieses Desaster mit bislang 21 Toten und mehr als 500 zum Teil schwerverletzten Ravern im Ruhrgebiet.

Erster Gipfel der Rat- und Tatenlosigkeit: Eine Pressekonferenz der Hauptbeteiligten, die mit "peinlichem Schweigen der Belämmerten" bei den einfachsten Fragen noch freundlich umschrieben ist. Übernahme von Verantwortung? Fehlanzeige. Stattdessen "Spielen auf Zeit", wie die taktisch-zynische Variante bei den sogenannten Polit-Profis in solchen Fällen lautet. Soll doch die Justiz erst einmal klären, wie es wirklich war. Das ist bodenlos.

Wie es wirklich war, das belegen kritik- und fragwürdige Planungsdokumente aus den Amtsstuben von Duisburg, Fotos, Filme, Schilderungen von Beteiligten, und nicht zuletzt, leider: die Toten! Und dafür soll niemand die Verantwortung tragen? Ein skandalöser Vorgang, eine politisch-moralische Katastrophe in der Katastrophe.

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und amtierender Ratsvorsitzender der EKD, Schneider, beklagte soeben bei seiner Trauerpredigt in Duisburg zu Recht und verbittert, dass Leute, wie versteinert, die Verantwortung von sich wegschieben.

Natürlich, mit Rücktritten wird kein Toter mehr lebendig. Doch welch eine Amtsauffassung steht hinter der feigen und widerlichen Ausrede des Oberbürgermeisters, er sehe keine persönliche Verantwortung und wolle nicht zurücktreten? Selbst eigene Parteifreunde des CDU-Politikers schütteln über ein solches Ausmaß an Ignoranz und Inkompetenz die Köpfe. Wieder einmal verwechselt einer Person und Amt. Dieser Mann ist Amtsträger, und er ist somit dafür politisch verantwortlich, was in seinem Bereich geschieht und was nicht.

Und das erfordert im Zweifel auch die persönliche Konsequenz aus Achtung und Verantwortung für das Amt. Das hat mit Schuld oder Unschuld am Geschehenen nicht das Geringste zu tun. Insofern gibt es auch keinen Grund, sich hinter möglichen Ermittlungsergebnissen der Staatsanwaltschaft zu verstecken.

Die politische Konsequenz eines Rücktritts auch als Symbol für die moralische Kategorie des Trauerns und Mitleidens mit den Hinterbliebenen der Opfer ist unausweichlich. Wer das nicht begreifen will, der zeigt, dass er mit seinem Amt offenbar prinzipiell überfordert ist. Und das gilt nicht nur für den Oberbürgermeister. Dass in diesem Zusammenhang die Pensionsfrage eine Rolle spielen soll, mag man glauben oder nicht glauben.

Es ist augenblicklich ein interessantes Phänomen in der politischen Klasse dieses Landes zu beobachten. Flucht vor und Verweigerung von politischer Verantwortung. Ein Bundespräsident und Ministerpräsidenten, die ganz plötzlich von heute auf morgen von der Fahne gehen, und dann wieder Sesselkleber in den Kommunen wie Duisburgs Oberbürgermeister. In beiden Fällen kann man von Verantwortungslosigkeit im Wortsinne sprechen.

Natürlich muss auch geklärt werden, ob in Duisburg dem Veranstalter Profit vor Sicherheit gegangen ist. Und natürlich muss auch dort die Frage nach der Verantwortung gestellt werden. Und auch hier ist es ebenso erbärmlich, wenn der Hauptinitiator flugs die Schuld auf die Polizei schiebt.

Ohne ins Einzelne gehen zu wollen und zu können, darf auch hier gesagt werden: Natürlich besteht auch dort, bei den sogenannten Event-Managern, die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sich zu ihrer Verantwortung zu bekennen. Das ist mit einer grundsätzlichen Erklärung für ein "Aus der Loveparade" keineswegs getan. Die Scheu vor Verantwortung sei eine Krankheit dieser Zeit. Das hat nota bene anno 1870 Otto von Bismarck in einer Rede vor dem norddeutschen Reichstag formuliert. Daran hat sich bis heute offenbar nichts geändert.

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