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StartseiteSport am WochenendeAntidopingpolitik in der Kritik11.03.2018

Paralympics 2018Antidopingpolitik in der Kritik

Die Teilnahme russischer Sportler als „Neutrale Paralympische Athleten“, die Nachnominierung von Michalina Lisowa, deren Name im McLaren-Report über systematisches Doping in Russland steht: Es gibt viel Enttäuschung über die Antidopingpolitik des Internationalen Paralympischen Komitees.

Von Ronny Blaschke

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Die russische Biathletin Michalina Lisowa bei den Paralympics in Pyeongchang (imago sportfotodienst)
Die sehbehinderte russische Biathletin Michalina Lisowa bei den Paralympics in Pyeongchang (imago sportfotodienst)
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In Pyeongchang sind 600 Dopingkontrollen geplant, im Schnitt etwa eine pro Athlet, so viele wie noch nie bei Winterspielen. Jenseits dieser Rekordmeldung offenbart das Internationale Paralympische Komitee allerdings wenig Substanz zum Thema. Deutlich wird das besonders an der Russin Michalina Lisowa. Ihre Urinproben sollen eine Manipulation bei den Spielen 2014 in Sotschi nahelegen. Trotzdem gewann sie nun in Südkorea gleich bei ihrem ersten Start über sechs Kilometer Gold.

Ole Schröder, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium, brachte die deutsche Kritik auf den Punkt: "Die Auswirkungen für den paralympischen Sport sind gravierend. Der paralympische Sport hat seine Unschuld verloren. Und der paralympische Sport wird jetzt natürlich noch viel stärker ins Visier genommen werden."

Zunächst war das Internationale Paralympische Komitee nach Bekanntwerden des Dopingsystems auf Distanz zum Internationalen Olympischen Komitee gegangen und schloss Russland für die Sommerspiele 2016 komplett aus. Ole Schröder war in Rio als Beobachter mit dabei: "Da war es ja so, dass der paralympische Sport die olympische Bewegung quasi mitgerettet hat. Weil der paralympische Sport sich bisher dadurch ausgezeichnet hat, dass diese Nulltoleranz gegenüber Doping auch wirklich gelebt wurde und nicht nur immer davon gesprochen wurde."

Will sich das kleine IPC dem mächtigen IOC andienen?

Doch dieser Eindruck hat sich hinter den Kulissen schon früh als einseitig erwiesen. Zwischen 2012 und 2015 waren 643 positive Proben verschwunden, um russische Athleten zu schützen, darunter 35 aus dem paralympischen Sport. Später stellte sich heraus, dass 18 Proben von Medaillensiegern manipuliert waren. Während etliche olympische Sportler gesperrt und deren Medaillen aberkannt wurden, gab es im Internationalen Paralympischen Komitee keine ernsthafte Debatte, sagt Karl Quade, Chef de Mission der deutschen Paralympier.

Bei der Generalversammlung des IPC im September in Abu Dhabi stellte sich Quade zur Wahl ins Governing Board auf, das mit 15 Mitgliedern höchstrangige Gremium des IPC. Er scheiterte, vielleicht auch, weil er zu kritisch war: "Das war schon beschämend eigentlich für diese ganze Veranstaltung, dass ich von diesen zwanzig Kandidaten der einzige war, der die Worte Integrität und Antidoping überhaupt in den Mund genommen hat. Da hat keiner einen Ton von gesagt."

So wachsen in der Branche Spekulationen, ob sich das kleine IPC unter seinem neuen Präsidenten Andrew Parsons dem wirtschaftlich mächtigen IOC wieder andienen möchte. Am Samstag verkündeten Parsons und IOC-Präsident Thomas Bach die Verlängerung ihrer Kooperation, mindestens bis 2032 sollen Olympische und Paralympische Spiele am selben Ort stattfinden. Auch bei der Eröffnungsfeier am Tag zuvor wirkte Bach auf der Ehrentribüne gut gelaunt. 2016 in Rio war er der paralympischen Feier noch ferngeblieben.

"Man muss Fragen stellen"

Und wie nehmen die Sportler die wochenlange Debatte wahr? "Jeder redet natürlich darüber. Und die Sportler belastet das aber auch, das finde ich so schade. Ich habe gesagt: Leute, macht euch eine Meinung, aber geht nicht jede Nacht schlafen mit diesem Thema, das hilft ja alles nicht. Das schmälert ja eure Leistung nicht vor Ort, wenn die vor euch platziert sind."   

Die Russen, die nun nicht so heißen dürfen, stellen in Korea mit dreißig Sportlern die sechsgrößte der 49 Delegationen. Es sei aber auch wichtig, nach der aktuellen Aufregung das Gefälle im Antidopingsystem abzubauen, findet Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes: "Es gibt viele Länder - und dazu zählt eben auch China, Kasachstan und auch afrikanische Staaten - wo man sich wundert, dass auf einmal Athleten da sind, wo vorher nie jemand von gehört hat oder was gesehen hat. Da muss man Fragen stellen, wenn man nicht naiv ist. Und deshalb sind wir ja auch gnadenlos Anhänger eines weltweiten, überschaubaren, vergleichbaren Antidopingsystems."    

Bei Paralympics werden Dopingproben seit 1984 durchgeführt. Oft wurden positive Proben wieder aufgehoben, weil den Sportlern Medikamente gestattet sind, die auf der Verbotsliste stehen. Das System wurde stetig verbessert, doch perfekt scheint es noch lange nicht zu sein.

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