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StartseiteSport am WochenendeWas Deutschland im inklusiven Sport von Kanada lernen kann18.03.2018

ParalympicsWas Deutschland im inklusiven Sport von Kanada lernen kann

2006 verabschiedeten die Vereinten Nationen das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung“. Der Oberbegriff heißt „Inklusion“. Und seitdem sucht auch der Sport nach einer angemessenen Haltung. Welche Chancen und Rückschläge gibt es?

Von Ronny Blaschke

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Forster liegt auf dem weißen Schnee in der Kurve. In den Händen hält sie kurze Stöcke mit Laufflächen. (AP / Lee Jin-Man)
Die deutsche Skifahrerin Anna-Lena Forster am 10.3.2018 beim Abfahrtsrennen in der sitzenden Klasse bei den Paralympics in Pyeongchang, Südkorea. (AP / Lee Jin-Man)
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Kanada war dem Zeitgeist voraus. 2005, ein Jahr vor der UN-Behindertenrechtskonvention, wurde dort "Own the Podium" gegründet, zu Deutsch: Hol’ dir das Treppchen. Mit Blick auf die Winterspiele 2010 in Vancouver sollte die Organisation auf eine höhere Medaillenausbeute hinwirken. Durch den Austausch von Trainern, Forschern, Medizinern und Sponsoren. Die ehemalige Schwimmerin Anne Merklinger ist Geschäftsführerin von "Own the Podium".

"Jeder Service und jedes Angebot unserer Organisation richtet sich an olympische und paralympische Sportarten. Ob Taktiklehre, Motivationsseminar oder Materialschulung: Wir machen keinen Unterschied. Und die Regierung unterstützt uns großzügig. Diese Augenhöhe prägt unsere Sportkultur. Auf nationaler und regionaler Ebene gibt es bei uns viele integrierte Wettbewerbe."

Gleiche Vorstellung für behinderte und nicht-behinderte Sportler

Deutlich wird das in der beliebtesten Sportart Kanadas. In Broschüren und Werbevideos stellt der Eishockeyverband seine paralympischen Schlittenhockeyspieler im gleichen Umfang dar.

Diesem Modell folgte auch Großbritannien mit Blick auf die Sommerspiele 2012 in London. An der Leistungsspitze sammelte "Team GB" bei den Paralympics 2016 mehr Medaillen als 2012, das war einem vormaligen Gastgeber zucor nicht gelungen. Ähnliche Ansätze verfolgen Verbände in Australien und den Niederlanden. Andrew Parsons ist Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees. Er sagt:

"Ich mag die Idee, dass sich nicht behinderte und behinderte Athleten in ihren nationalen Verbänden näher kommen. Aber dieses Prinzip funktioniert nicht überall automatisch. Wir können  zum Beispiel Olympische und Paralympische Spiele nicht einfach zusammenlegen. Eine solche Veranstaltung wäre logistisch nicht zu bewältigen. Und auch für unsere Mitgliedsverbände gibt es keinen allgemeingültigen Weg. Das hängt immer auch von der Kultur des Landes ab."

Hervorragende Bedingungen - in getrennten Zentren

In Peking finanzierte die Regierung das weltweit größte Trainingszentrum für Paralympier. In São Paulo wurde ein moderner Bau durch den bestdotierten Sponsorenvertrag möglich. In beiden Beispielen haben Paralympier hervorragende Bedingungen. Aber sie bleiben unter sich.

Kurz nach der UN-Resolution hatte auch das Internationale Paralympische Komitee den Beschluss gefasst, spätestens 2016 nicht mehr als Fachverband zu wirken. Aber noch immer muss das IPC etliche Weltmeisterschaften selbst ausrichten. Auch in Skisport und Schlittenhockey, denn deren internationale Verbände sträuben sich noch. Und wie sieht es in Deutschland aus?

"am Ende der Skala"

Friedhelm Julius Beucher ist Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes sagt: "Inklusion im Gesetzestext ist noch keine Inklusion vor Ort. Wir haben Fachverbände, da sind unsere Leute gleichberechtigt und gut aufgehoben. Und wir haben Fachverbände, da stehen wir als Neuhinzugekommene, auch das ist normal im Leben, am Ende der Skala. Wir haben Fachverbände, die haben einen offenen Blick und ein offenes Auge, aber ein geschlossenes Portemonnaie. Aber nicht, weil sie uns nichts geben wollen. Sondern weil sie auch Mühe und Not haben, ihren eigenen Sport zu finanzieren. Das geht nicht durch Federstrich. Das muss erst gelebt werden."

Stützpunkte wollen nicht paralympisch sein

Es gibt inklusive Musterzentren: Für Skisport in Freiburg, Leichtathletik in Leverkusen, Schwimmen in Berlin. Beim FC St. Pauli hat das Blindenfußballteam eine eigene Abteilung. Auf Landes- und Bezirksebene finden gemeinsame Veranstaltungen im Tischtennis, Kanu oder Triathlon statt. Doch es bleibt auch Distanz. Es kursieren Geschichten über Stützpunkte, die den Namenszusatz "paralympisch" ablehnen.

Es wird über Funktionäre getuschelt, die das Fördervolumen des Innenministeriums für den Behindertensportverband für unangemessen halten. Und wie reagieren darauf Trainer und Betreuer aus dem paralympischen Bereich?

"Übungsleiter muss fit sein"

Der langjährige Fechter Lars Pickardt ist Vorsitzender der Deutschen Behindertensportjugend. Er sagt: "Also ich glaube, wir brauchen definitiv die Zusammenarbeit mit den Fachverbänden, da kommen war gar nicht drum rum. Weil vor Ort, die gehen in den Leichtathletikverein, die gehen in den Schwimmverein. Und machen da mit. Und da muss der Übungsleiter fit sein, die eben nicht nach Hause schicken, sondern mit denen was zu machen. Es gibt aber auch bei uns die berechtigte Sorge, wenn man es komplett in Fachverbände überführt, dass man dann wirklich ein Stück weit untergeht. Oder das Interesse nicht mehr da ist, da ein Auge drauf zu haben. Man muss da vieles kritisch sehen. Ich glaube, das Argument, zu sagen, bevor wir irgendwie olympische und paralympische Fachverbände inkludieren, müsste man erstmal diese ganzen Behindertensportverbände zusammenführen." 

Chance für Barrierefreiheit vertan

Der aus der Versehrtenbewegung entstandene Behindertensport hatte sich ab den 1970er Jahren aufgefächert. Neben dem DBS gibt es den Rollstuhl-Sportverband, den Schwerhörigen Sport-Verband, den Gehörlosen-Sportverband und Special Olympics für geistig behinderte Sportler. In Kanada und Großbritannien haben heimische Paralympics einen grundsätzlichen Wandel angestoßen. In Deutschland entschied sich zuletzt die Hamburger Bevölkerung gegen eine Bewerbung für Olympia 2024. Und damit auch gegen Paralympics.

Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Paralympics-Team, sagt: "Vor allen Dingen diese Idee des wirklich inklusiven Dorfes. Oder inklusiver Stadtteil, wie wir das genannt hatten. Das wäre eine super Sache geworden. Weil das wäre in der Tat mal was ganz neues gewesen. Wo nicht mal gucken muss: da ist ein Apartment, da kann man Rollstuhlfahrer unterbringen oder in dem Haus oder da. Sondern das ganze Ding wirklich barrierefrei."

Es ist nicht die einzige Chance, die dem deutschen Behindertensport verloren geht. Im August finden in Berlin kurz nach einander die Europameisterschaften der nichtbehinderten und der behinderten Leichtathleten statt. Sie werden allerdings getrennt organisiert.

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