Montag, 11.12.2017
StartseiteForschung aktuellTelekinese auf dem Prüfstand10.08.2017

ParawissenschaftenTelekinese auf dem Prüfstand

Viele Menschen behaupten übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften gibt ihnen die Chance, das unter Beweis zu stellen – nach wissenschaftlichen Kriterien. Wem das gelingt, winken 10.000 Euro Preisgeld.

Von Bernd Schlupeck

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Eine junge Frau lässt einen Apfel zwischen ihen Händen schweben (Symbolfoto) (imago stock&people)
Kann man kraft seiner Gedanken Objekte bewegen? Telekinetiker behaupten das zumindest. (imago stock&people)
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Paranormalität
(Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 16.12.2012)

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(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 08.12.2011)

Im Kursraum A 106 am Biozentrum der Universität Würzburg ist kurz vor zehn Uhr morgens fast nichts los. Wo sonst Studenten an einer der 10 Tischreihen das Mikroskopieren lernen, sind an diesem Tag nur einige Wissenschaftler der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, kurz GWUP, zugange. Die Stimmung ist locker. Es ist Tag zwei der Psi-Tests, die die GWUP, die sich selbst Skeptiker nennen, jedes Jahr durchführt.

Übersinnliche Tests an der Uni Würzburg

Der Mann, der gleich seine übersinnlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen will, heißt Marcel Polte. Er will demonstrieren, dass er allein durch die Kraft seiner Gedanken eine Folie auf einer Nadelspitze rotieren lassen kann:

"Dieses Thema, Telekinese, habe ich eher zufällig entdeckt. Man sieht zum Beispiel auf YouTube diverse Menschen, die Telekinese mit einem ähnlichen Versuchsaufbau demonstrieren. Und ich habe es dann einfach probiert und nach relativ kurzer Zeit waren dann auch positive Effekte bemerkbar. In der Tat ist das etwas, dass nicht nur ich habe. Jeder Mensch – das haben Forscher in jahrzehntelanger Arbeit herausgefunden – ist dazu in der Lage."

Ein Rechtsanwalt, der Telekinese betreibt

Marcel Polte sieht nicht aus, wie ein Mann, der an Übersinnliches glaubt. Er ist braungebrannt, sportlich, hat einen fein gestutzten Dreitagebart und ist von Beruf Rechtsanwalt. Im Nebenberuf arbeitet er als Hypnosetherapeut und betont, an der Uni Scheine in Physik erworben zu haben. Um seine telekinetischen Fähigkeiten vorzuführen, holt der 42-Jährige ein handtellergroßes Zahnrad aus seinem Rucksack und stellt eine bauchige Glasvase auf den Tisch.

"Gut, ich baue jetzt hier um sozusagen reinzukommen, mein Rädchen auf, was auch eine sehr geringe Reibung hat. Ich zeige Ihnen das mal kurz. Das ist spitzengelagert, reagiert nicht. Das ist sehr schön, weil mir das Rädchen sehr sympathisch ist."

Parapsychologisches Experiment mit Glasvase

Der Jurist malt einen Punkt auf einen Zacken des Rädchens, damit sich etwaige Rotationen gut erkennen lassen und stülpt die Vase darüber. Um sicherzustellen, dass kein Luftzug den Ausgang des Experiments beeinflusst, schaltet Rainer Wolf die Klimaanlage im Raum ab. Dann geht es los. Marcel Polte sammelt sich kurz mit Atemübungen, setzt sich dann wieder hin und bringt seine linke und rechte Hand im Abstand von zehn Zentimetern in Position – Handflächen nach innen, die Finger leicht gespreizt. Er fixiert das Rad mit seinem Blick. Es ist mucksmäuschenstill. Eine halbe Minute vergeht, nichts passiert. Eine weitere Minute verstreicht, die Hände des 42-Jährigen zittern jetzt leicht.

"Ich nehme jetzt mal kurz die Hände dran. Ich lasse es dann wieder zur Ruhe kommen, weil ich es einfach so geübt habe und deshalb so ansetzen sollte."

Marcel Polte legt seine Hände auf die Vase, die das Rädchen umhüllt. Wieder vergehen 30 Sekunden, eine Minute. Dann, auf einmal, beginnt sich das Rädchen sehr langsam zu drehen, erst ruckweise, dann gleichmäßig. Marcel Polte nimmt die Hände vorsichtig vom Glas, und starrt weiter auf das Objekt. Als der Punkt zweimal im Kreis gelaufen ist, lässt er seine Hände sinken und steht auf. Pause. Er ist zufrieden.

Beweis für Telekinese oder Schummelei?

"Das waren jetzt zwei ganze Umdrehungen. Nach Newtons Gesetz  – dass jeder Körper, in Ruhe oder gleichförmiger Bewegung bleibt, solange keine äußere Kraft auf ihn einwirkt – muss hier also eine Kraft gewirkt haben, die diese Drehbewegung aufrechterhalten hat. Man sieht, jetzt dreht sich nichts mehr. Persönlich würde ich vermuten, dass es hier um eine Art Resonanz geht zwischen Gehirnaktivität und der Schwingung des jeweiligen Objekts. Und wenn man quasi einen Gleichklang der Schwingungsmuster im Gehirn und des Objekts erreicht, dann ist es möglich, einen gewissen Einfluss auf diese Objekte auszuüben."

Für naturwissenschaftliche Laien mag das plausibel klingen, für Rainer Wolf nicht. Während sich der Kandidat über seinen Erfolg freut, inspiziert der Versuchsleiter das Rädchen unterm Mikroskop. Er findet heraus, dass das Rädchen quasi ein Kreisel ist, der in einer Mulde im Unterteil aufliegt, und das es eine Position gibt, in der das Rädchen weniger Reibung ausgesetzt ist als in einer anderen. Die übrigen Wissenschaftler und GWUP-Mitglieder recherchieren inzwischen den Namen des Rädchens im Internet. Rainer Wolf erklärt, worum es sich handelt:

"Das ist das sogenannte Egely-Wheel und das reagiert auf sehr schwache elektrische Felder. Das heißt, wenn ein Gegenstand sich nähert, der ein kleines bisschen elektrisch aufgeladen ist, kann man das Teil in Rotationen versetzen. Ich habe meine Informationen von der Homepage www.psiram.com. Dort wird dieses Gerät als ein Scharlatanerie-Produkt beschrieben. Das heißt, es funktioniert eben durch bekannte physikalische Effekte."

Vom Scharlatenerie-Produkt habe er nichts gewusst

Marcel Polte sagt, davon habe er nichts gewusst. Und behauptet, das Rad auch schon aus zwei Metern Entfernung durch pure Konzentration zum Drehen gebracht zu haben. Beweisen kann er das aber nicht. Nach dieser fehlgeschlagenen Aufwärmrunde folgt nun der zuvor verabredete Test. Der Kandidat soll ein rechteckiges Stückchen Stanniolpapier auf einer Nadelspitze mindestens 90 Grad in eine Richtung drehen und zwar diesmal bitte, ohne die Hände auf die Vase zu legen. Denn wie Rainer Wolf erklärt, wird dadurch ein Temperaturgefälle erzeugt, das Konvektionsströme zur Folge hat, die ein Papier kreisförmig bewegen.

Marcel Polte setzt sich wieder hin, breitet seine Hände aus und nimmt das silberne Papier ins Visier. Eine halbe Minute vergeht, eine Minute, zwei Minuten: die markierte Ecke des Papiers bewegt sich keinen Millimeter. Einige Pressevertreter blicken sich vielsagend an. Schließlich legt Marcel Polte die Hände in den Schoß und lehnt sich zurück:

"Ich glaube nicht, dass sich das jetzt so auf Anhieb hinbekomme, weil ich das, wie gesagt, auch anders geübt habe. Das heißt, wir müssen mit dem leben was wir haben. Man kann sich auch noch mal die Videoaufnahmen anschauen. Was ich auch noch mal jederzeit anbieten kann, in einem Raum ohne Luftzirkulation ohne Abdeckung zu arbeiten. Und was ich vielfach zuhause geschafft habe, von daher kann ich diesen Wärmeeffekt ausschließen, aus einer großen Distanz zu arbeiten."

Kein wissenschaftlicher Beweis, kein Preisgeld

Aus Marcel Poltes Sicht ist sein Versuch, ein Objekt allein mit Gedankenkraft zu bewegen, nicht gänzlich misslungen. Die 10.000 Euro, die die GWUP für einen wissenschaftlich überzeugenden Beweis paranormaler Fähigkeiten ausgelobt hat, bekommt er aber nicht. Denn Rainer Wolf, der seit 1996 Menschen mit vermeintlich außergewöhnlichen Fähigkeiten testet, genügt das Gezeigte nicht:

"Den Versuch nachzuweisen, dass ein paranormales Phänomen vorliegt, halte ich für gescheitert. Es sieht meiner Sicht so aus, dass das Phänomen, das wir gesehen haben, sich mit den bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten erklären lässt."

Marcel Polte ist damit in guter Gesellschaft. Im Lauf der Jahre haben bereits 63 Personen versucht, bei Psi-Tests ihre behaupteten paranormalen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Der wissenschaftlichen Überprüfung hielten sie bislang nie Stand.

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