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Paris, Mai `68

Olivier Rolin über die Jahre der Militanz

Kreisen der Erinnerung, kreisen über den Périphérique, die Pariser Ringautobahn. Wir schreiben die ersten Tage des 21. Jahrhunderts. Das stimmt melancholisch, zumal der Erzähler Martin von der Feier des 50. Geburtstages seiner Ex-Geliebten kommt. Neben ihm sitzt die 24jährige Marie, die Tochter seines toten Freundes Treize. Rechts und links fliegen die Orte vorbei, an denen sie aktiv gewesen sind: politisch aktiv, im Untergrund, unter falschem Namen. Mehr als 30 Jahre ist es her. Mao, "der Große Steuermann", war das Maß der Dinge, der Feind die Imperialisten, die Faschisten, die Bürgerlichen.

Christoph Vormweg

Olivier Rolin, "Die Papiertiger von Paris", Coverausschnitt (Karl Blessing Verlag)
Olivier Rolin, "Die Papiertiger von Paris", Coverausschnitt (Karl Blessing Verlag)

Man darf nicht übertreiben. Wir sind keine Helden gewesen. Wir wollten welche sein, gut - und unser Leben war ja auch gefährlicher als das der Allgemeinheit, wir hätten sterben können. In jedem Fall: wir lebten am Rande der Gesellschaft, in der Illegalität. Wir waren kleine Robin Hoods, die gefährliche Sachen machten und sich nicht um ihre Zukunft scherten. Das war unsere Art des Heldenmuts: wir waren bereit zu sterben, wir wollten heroisch sein. Aber wir haben das nicht geschafft. Deshalb auch der Titel meines Buches: "Die Papiertiger von Paris". Wir wollten Tiger sein, aber wir waren nur "Papiertiger", wir wollten Helden sein, aber wir waren keine. Verachten kann ich unseren damaligen Wunsch aber nicht. Er war, wie ich finde, schöner als der heute herrschende Zynismus, als die bloße Suche nach individuellem Profit, nach Karriere etc.

Olivier Rolins literarischer Motor ist die Suche nach der verlorenen Zeit . Auch in seinem bei uns leider kaum beachteten, in Afrika spielenden Liebesroman Meroe hat er Vergangenes verarbeitet. In Die Papiertiger von Paris sind es die Jahre vor und nach der 68er Revolte, die Jahre seines militanten Engagements für die proletarische Linke. Allerdings sollte man sich davor hüten, wie die Mitarbeiter der Blessing Verlags blind vom Erzähler Martin auf den Autor zu schließen. So enthält Olivier Rolins Klappentext-Vita ein fiktives Roman-Motiv: den frühen Tod des Vaters im Jahr der eigenen Geburt. Für die politische Radikalisierung des Erzählers Martin ist das nicht unwichtig. Denn anders als Olivier Rolins Vater, der Anfang der 1980er Jahre starb, fällt jener als Kolonialoffizier in Vietnam. Aus dem aufrechten Résistance-Kämpfer, der mithalf, die Nazis aus Frankreich zu vertreiben, war selbst ein Besatzer geworden, ein Unterdrücker und Ausbeuter.

Auch mit den Intellektuellen der Vätergeneration geht Olivier Rolin in seinem Roman "Die Papiertiger von Paris" hart ins Gericht:

Denn die französischen Intellektuellen sind im 20. Jahrhundert der Rolle, die ihnen die Gesellschaft zuschrieb, oft nicht gerecht geworden. Ich finde, während des Zweiten Weltkriegs, während der deutschen Besatzungsherrschaft, der Zeit der Résistance und des Kampfes gegen die Nazis sind sie, von Ausnahmen abgesehen, nicht auf der Höhe gewesen. Es gab nicht viele unter ihnen, die gekämpft, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Wenn sie geistige Vorbilder gewesen wären, hätten sie da ein Beispiel geben müssen.

Später dann, in den 60er und 70er Jahren, als es all diese radikalen Bewegungen gab, von denen ich in meinem Roman erzähle, waren sie, wie ich finde, auch nicht recht auf der Höhe. Sie neigten zur Demagogie. Sie sympathisierten mit uns, weil sie das mitriß, weil sie das aufreizte. Dabei hätten sie ein bißchen auf Distanz bleiben, ein bißchen skeptischer, kritischer uns gegenüber sein sollen. Ich kann da wirklich keine Bewunderung empfinden für die Rolle, die Jean-Paul Sartre damals gespielt hat. Also, ich finde, die Intellektuellen haben im 20. Jahrhundert, von einigen wenigen bedeutenden Ausnahmen abgesehen, nicht gezeigt, dass sie intelligenter sind als der Durchschnittsbürger. Manchmal sind sie sogar schlimmer.

Auch gegenüber der eigenen Generation, den rebellierenden, linksradikalen 68ern verliert Olivier Rolin nie die kritische Distanz. "Sehr hart" seien sie gewesen, schreibt er in seinem Roman "Die Papiertiger von Paris", "aber auch sehr kindisch", "starrsinnig und schrecklich unwissend." Doch führt er - bei aller Selbstkritik - keinen jener Reue-Tänze auf, mit denen sich Ex-Radikale wie Bernard-Henri Lévy mediengewandt als korrekte Denker in Szene gesetzt haben. Schreiben ist für Olivier Rolin, der als Lektor im Pariser Verlagshaus "Editions du Seuil" arbeitet, kein kommerzielles Anliegen:

Ich glaube, man schreibt, weil man uneins ist, weil etwas nicht stimmt. Ich zitiere oft den Satz von Chateaubriand aus den "Memoiren von Jenseits des Grabes": "Warum bin ich in eine Zeit hineingeboren, in die ich so schlecht passe?" Man schreibt immer, weil man sich deplaziert fühlt: in der falschen Zeit, im falschen Land, in der falschen Gesellschaft, in der falschen Familie. Man schreibt, weil man sich nie bei sich fühlt. Diese Verletzung, diese Zerrissenheit ist der Grund. Fühlten wir uns wohl und zufrieden, dann würden wir nicht schreiben. Dann könnten wir die Dinge nicht so gut darstellen. Dann würden wir ein kleines, ruhiges Leben führen.

Mehr als 10 Runden kreist der Erzähler Martin über die Pariser Ringautobahn und lässt noch einmal die revolutionären Tänze der 68er-Zeit Revue passieren, Traumtänze von einer besseren Welt, die man mit Gewalt erzwingen wollte, ohne sich jedoch zum Mord hinreißen zu lassen. Die Tochter seines toten Freundes hört willig zu. Denn sie will wissen, wie er ums Leben gekommen ist. Der Monolog des Erzählers ist so hin und her gerissen zwischen Ansprache und Selbstgespräch, zwischen Erklärung und Selbstvergewisserung. So entfacht der Roman "Die Papiertiger von Paris" einen abgründigen, mitreißend assoziativen Erzählsog von großer Dichte. Und Olivier Rolin lässt keinen Zweifel, was den Militanten von damals fehlte.

Aber ja, sicher: Der Humor hätte uns aufhalten müssen. Wenn man aber Humor hat, kann man kein Aktivist sein. Wenn man ein Gespür für Ironie hat, kann man nicht blind den Worten des Führers glauben. Wenn wir Humor gehabt hätten, hätten wir die Gedanken des Präsidenten Mao nicht für den Gipfel der menschlichen Intelligenz gehalten. Wir wären also bissiger, kritischer, ironischer, skeptischer gewesen: das wäre völlig anders verlaufen.

Olivier Rolin
Die Papiertiger von Paris
Karl Blessing Verlag, 252 S., EUR 20,-

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