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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteInterviewParteien nutzen Online um offline zu mobilisieren13.07.2013

Parteien nutzen Online um offline zu mobilisieren

Politikberater über die Stärken und Schwächen des Onlinewahlkampfs

Spannend und innovativ sei der Ansatz von SPD und Grünen, über Onlinekampagnen die eigenen Anhänger offline zu aktivieren, meint der Politikwissenschaftler und -berater Andreas Jungherr. Hierin bestehe für Parteien in der Zukunft die größte Herausforderung, sagt das Mitglied im Arbeitskreis Netzpolitik der CDU.

Andreas Jungherr im Gespräch mit Thielko Grieß

Bildschirmfoto mit den Wahlkampfauftritten von CDU, SPD, Grünen, Linke, FDP und Piratenpartei (im Uhrzeigersinn) (Deutschlandradio - Sven Töniges)
Bildschirmfoto mit den Wahlkampfauftritten von CDU, SPD, Grünen, Linke, FDP und Piratenpartei (im Uhrzeigersinn) (Deutschlandradio - Sven Töniges)

Thielko Grieß: Was vermitteln uns die Parteien dort und wen erreicht das eigentlich? Das wollen wir jetzt diskutieren mit Andreas Jungherr, Politikwissenschaftler an der Universität Bamberg und früher auch schon einmal Teil von verschiedenen Wahlkampfteams, zum Beispiel als Jürgen Rüttgers 2010 versucht hat, in NRW Ministerpräsident zu werden. Er ist aktuell noch im Arbeitskreis Netzpolitik der CDU, ihn erreichen wir in Bamberg. Ihnen einen guten Morgen!

Andreas Jungherr: Guten Morgen, Herr Grieß!

Grieß: Schauen wir doch einmal auf das, Herr Jungherr, was CDU und SPD online tun und lassen. Was haben die beiden seit dem letzten Bundestagswahlkampf 2009 vor vier Jahren gelernt?

Jungherr: Ich glaube, das, was man sagen kann, dass sowohl CDU als auch SPD in der aktuellen Wahlkampfsaison sehr viel bewusster oder auch durch ihre Personalstärke sehr stark das Internet in ihrer Kampagne integriert haben. Aber dennoch kann man, glaube ich, bei beiden Parteien unterschiedliche Ansätze oder eine unterschiedliche Philosophie sehen, also was sie aus ihrem letzten Wahlkampf gelernt haben und auch was sie in dem Moment aus anderen, internationalen Wahlkämpfen gelernt haben.

Grieß: Worin besteht die unterschiedliche Philosophie zwischen den beiden?

Jungherr: Ich glaube, das Spannende ist das, wenn man die CDU sich anschaut, sehen wir hier einen Wahlkampf, der sehr stark auf Emotionen setzt, sehr stark auf Content-Produktion im Netz, auch eine hochqualitätige Produktion von Content, was man zum Beispiel daran sieht, dass die CDU mit CDU-TV eine Art Internetfernsehen versucht zu gestalten, also regelmäßig versucht, relativ hochqualitätige Videos ins Internet zu stellen. Also, Ziel der CDU scheint es zu sein, emotionalen Kampagnen-Content im Internet zur Verfügung zu stellen, sodass er dort sichtbar wird. Das sehen wir auch, wenn man sich das Design der Webpage anschaut. Wenn man sich die SPD hingegen anschaut, da scheint der Ansatz momentan eher zu sein zu sagen, wir nutzen das Internet, um unsere Unterstützer oder um unsere Freiwilligen mit Wahlkampfinformation zu versorgen, und auch, um es diesen möglich zu machen, halt selber vor Ort Wahlkampf zu machen. Also, dass man hier quasi so eine Art Philosophie fährt, ich nutze Online, um offline aktiv zu werden.

Grieß: Lassen sich denn Inhalte eigentlich online auch vermitteln? Sie haben ja bisher von Unterstützern und Emotionen gesprochen, Inhalte kommen da gar nicht vor!

Jungherr: Ich glaube, das hängt einfach davon ab, wie die Gesamtstrategie der Kampagne zu sehen ist. Also, wenn man sich jetzt die CDU-Strategien anschaut, hier sehen wir eine Partei, die in dem Moment aus einer Perspektive mit einer sehr, sehr starken Kandidatin kommt, mit sehr hohen Zustimmungswerten, die aber inhaltlich jetzt, sagen wir, in den letzten Jahren nicht das Kernwählerpotenzial angesprochen hat, sondern sich versucht hat in eine breitere Basis zu stellen. Das heißt also, dass für die CDU momentan in der aktuellen Kampagne nicht die Inhalte das einende Element sind, sondern eher die Kandidatin. Und in dem Moment wird natürlich dann auch online stärker die Kandidatin oder stärker die Emotion oder stärker die Regierungstätigkeit betont als jetzt konkrete Inhalte einfach, weil da nämlich diese vielleicht recht brüchige Wählerkoalition der CDU unter Umständen auseinanderbrechen würde, wenn man sich halt überlegen würde, wen wähle ich denn hier eigentlich, für welche Inhalte steht diese Partei jetzt. Auf der anderen Seite haben wir eine Partei, die SPD, die jetzt mit einem Kandidatenmalus, wenn Sie so wollen, ins Rennen geht, also einem Kandidat, der das letzte halbe Jahr über hauptsächlich durch Fehler im Wahlkampf oder persönliche Fehler aufgefallen ist, und hier haben wir eine Partei, die in dem Moment dieses Loch, was in dem Moment die andere Partei, also die CDU, lässt, versucht zu füllen. Also zu sagen, wir konkurrieren jetzt nicht um den Kandidaten, also, wir sagen nicht, dass unser Kandidat der bessere ist, wir sorgen dafür, dass wir über Inhalte reden, über die die andere Partei nicht redet. Und insofern, glaube ich, hängt dieser Fokus auf den Webseiten auch einfach mit der Gesamtstrategie von Kampagnen zusammen.

Grieß: Bei dem, was Sie gerade gesagt haben, Herr Jungherr, hat mich doch eines überrascht: Sie haben gesagt, die CDU versucht, mit Emotionen im Internet zu überzeugen. Das steht irgendwie diametral dem Erscheinungsbild der Kanzlerin gegenüber, die sich selbst ja doch eher weniger emotional präsentiert. Versucht man hier, etwas auszugleichen oder einen Blickwinkel zu liefern, den die Kanzlerin selber nicht gibt?

Jungherr: Das glaube ich nicht. Also, ich glaube, auch wenn Angela Merkel eine Kanzlerin ist, die betont sachlich und betont pragmatisch in ihrer Politik auftritt, ist sie doch eine Kanzlerin, die Emotion auslöst, die Zustimmung auslöst. Und ich glaube, das ist die Emotion, in die die CDU versucht oder an der die CDU versucht anzudocken. Also ein Gefühl der Sicherheit zu geben, bei uns ist die Regierung in guten, ruhigen Händen, und in dem Moment quasi da Zustimmung auszulösen.

Grieß: Nun gibt es ja die Seiten von CDU und SPD, es gibt die Facebook-Auftritte, es gibt Twitter, es gibt auch die Seiten der Kanzlerkandidaten selber beziehungsweise der Kanzlerin selber. Was ist Ihr Eindruck oder was sagen auch Ihre Forschungen, wen erreichen die Parteien damit?

Jungherr: In der Regel, also, das, was die Forschung sagt, ist, in der Regel erreichen wir oder erreichen die Parteien in Deutschland da mit ihren Webseiten, sagen wir mal, in der längeren Wahlkampfvorzeit in der Regel Unterstützer. Also Menschen, die halt in dem Moment sagen, mich interessiert, was die CDU macht, mich interessiert, was Angela Merkel macht. Das verändert sich in dem Moment, je näher dann der Wahltermin kommt, also je näher der Wahltermin kommt, desto mehr Menschen suchen kurzfristig Information im Netz. Und hier haben natürlich die Parteien dann auch die Möglichkeit, diese Nutzer zu erreichen. Das hängt aber ein Stück weit auch damit zusammen, wie geschickt oder wie professionell die Webseiten designt sind, also wie gut sie tatsächlich findbar sind zu aktuellen Suchbegriffen, sodass dann auch sichergestellt wird, dass Menschen, die nach politischen Themen oder nach dem Begriff Wahlkampf suchen, eben auf die Seite geführt werden. Und da muss man leider zurzeit noch sagen, dass hier viele Parteien noch erhebliche Defizite haben.

Grieß: Also, Sie sagen, die Parteien erreichen vor allem Bürgerinnen und Bürger, die von sich aus suchen und Interesse zeigen. Aber das ist ja nicht der Zweck von Werbung, Werbung dient doch dazu, die Leute zu interessieren, die ich bislang noch nicht interessiert habe!

Jungherr: Das ist im Internet sehr, sehr schwierig. Also, wir sehen und wir werden jetzt auch in dem aktuellen Wahlkampfzyklus eine stärkere Betonung auf Bannerwerbung sehen, also dass Parteien auch quasi dynamische Wahlplakate auf Nachrichtenplattformen schalten werden, mit denen sie dann tatsächlich Leute auf sich aufmerksam machen, die jetzt nicht notwendigerweise zu ihrer Seite gekommen sind. Aber das Internet ist in der Regel ein Medium, was erst mal Intention voraussetzt, also was erst mal voraussetzt, dass Sie sich an Google setzen und sagen, ich möchte zu einem bestimmten Thema etwas wissen. Und insofern ist es für Parteien sehr, sehr wichtig, zu tagesaktuellen Themen genau hier auch Inhalte zu liefern, damit sie eben Leute finden, die nicht nur nach Angela Merkel oder Peer Steinbrück oder SPD oder CDU suchen.

Grieß: Das ist ein Punkt, der besser laufen könnte. Sehen Sie andere Punkte, die besser sein könnten?

Jungherr: Ich glaube, dass, was wir momentan vonseiten der Grünen und der SPD sehen, ein sehr, sehr spannendes Element ist. Also der Versuch, online Menschen, die sich in dem Moment schon zu der Kampagne oder zum Kandidaten bekannt haben, offline aktiv zu machen. Also, ich glaube, dass das im Moment die größte Herausforderung der Kampagnen in den nächsten Jahren sein wird, in Deutschland auch dieses Element in Online-Kampagnen stärker umzusetzen. Ich glaube, wir alle wissen inzwischen oder die Parteien wissen inzwischen alle, wie man Webseiten ansprechend designt, man weiß, wie man Webseiten fürs iPad aufbereitet, man weiß, wie man Videos dreht, aber ich glaube, dass das Experiment, was momentan von Grünen und SPD gemacht wird, das eigentlich Spannende und in dem Moment hier der Punkt ist, der der Kampagne, in dem Innovationsmöglichkeiten liegen.

Grieß: Andreas Jungherr war das, Politikwissenschaftler an der Universität Bamberg, über den Online-Wahlkampf und wie er besser gemacht werden könnte. Danke schön für das Gespräch und einen schönen Samstag!

Jungherr: Ja, ich bedanke mich!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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