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StartseiteEine WeltPatient Nigeria03.04.2010

Patient Nigeria

Der exemplarische Exitus des öffentlichen Gesundheitssystems in einem Entwicklungsland

Im westafrikanischen Nigeria sterben jedes Jahr 60.000 Frauen bei der Geburt; über eine Million erleiden schwere Verletzungen. Auch in anderen afrikanischen Ländern ist die Müttersterblichkeit wieder gestiegen, in den letzte 15 Jahren um durchschnittlich 50 Prozent.

Von Thomas Kruchem

Kinder werden in einem Flüchtlingslager in Biafra versorgt (AP Archiv)
Kinder werden in einem Flüchtlingslager in Biafra versorgt (AP Archiv)

Damit rückt auch das "Fünfte Milleniumsziel", nach dem die Müttersterblichkeit weltweit bis 2015 um 75 Prozent sinken soll, in noch weitere Ferne.

Warum sich die Situation in den letzten Jahren noch verschärft hat, hat unterschiedliche Gründe: der wichtigste ist sicherlich die Misswirtschaft: so sind in den 80er- und 90er-Jahren gut ausgestattete Krankenhäuser jetzt nur noch leere Baracken ohne Medikamente, sterile Instrumente oder qualifiziertes Personal.

Und während Nigerias Regierung seit Jahren in wohl formulierten Programmen Besserung gelobt, gehen praktische Initiativen vorwiegend von ausländischen Helfern aus. Von der Aufklärung und Schwangerschaftsvorsorge bis zur Versorgung der Neugeborenen: Doch diese Initiativen können nicht das ganze Land versorgen.

Gelber Putz bröselt von den Wänden des kleinen Zimmers; es riecht nach Urin. Auf einem Bett ohne Laken ein kleiner Junge mit einer Infusion an der Schläfe. Auf Bastmatten am Boden drei junge Frauen: zwei mit fiebrigen Babies, eine hochschwanger.

Kano, Nordnigeria, das "Kura General Hospital" außerhalb der Stadt. Hier hat vor einigen Monaten auch Binta Abdel Lahi gelegen - eine 22jährige Bauersfrau, die ihr fünftes Kind erwartete:

"Die Wehen begannen abends um sechs. Als ich um elf Uhr nachts dann Krämpfe bekam und fast bewusstlos wurde, brachte mich mein Mann ins Distriktkrankenhaus. Dort hängten Sie mich an eine Infusion; aber das Kind kam nicht - bis es am nächsten Abend zwei Hebammen tot aus mir herausdrückten."

Das Baby hätte überlebt und Binta wäre nicht beinahe gestorben - wenn die Ärzte im "Kura General Hospital" einen Kaiserschnitt vorgenommen hätten. Kein Problem eigentlich in einem Distriktkrankenhaus, das nach Vorgaben des Gesundheitsministeriums über 75 ordentliche Betten verfügen sollte, über Röntgen- und Ultraschallgerät, einen voll ausgestatteten Operationssaal, sowie über - für mehrere Monate reichende - Vorräte an Anästhetika, Infusionen und Medikamenten. Tatsächlich gibt es fast nichts von all dem hier. Verlegen öffnet Pflegeleiter Abu Bakar einen Operationssaal, in dem vor weißen Kacheln nur ein verrosteter Metalltisch steht - unter einer Lampe ohne Birnen. Und in der Medikamentenkammer findet sich nicht eine Tablette; dafür stehen neben dem geöffneten Kühlschrank allerlei Schrubber, kaputte Stühle und Kartons voller Unrat:


"Uns fehlen eine Menge Dinge hier. Unser Material und unser Budget sind so karg bemessen, dass wir damit das Krankenhaus nicht ordentlich betreiben können. Medikamente, Betttücher, Matratzen, Moskitonetze - alles fehlt. Auch Decken brauchen wir und nicht zuletzt einen Krankenwagen."

"So wie im 'Kura General Hospital‘ sieht es in fast allen Krankenhäusern Nigerias aus", sagt in Kano Andrew Karlyn, Vertreter der etablierten amerikanischen Hilfsorganisation "Population Council". Seit Jahren steige die Todesrate unter Menschen, die qualifizierter medizinischer Behandlung bedürfen - die Todesrate insbesondere unter Frauen. Tatsächlich ist die Müttersterblichkeit in Nigeria seit 1995 um ein Drittel gestiegen; desgleichen die Zahl der Frauen, die bei der Geburt schlimme Verletzungen erleiden und danach nicht ordentlich versorgt werden. Die öffentliche Gesundheitsfürsorge, meint Karlyn, sei zusammengebrochen:

"Die Basisgesundheitsversorgung in Nigeria befindet sich de facto außer Betrieb - und das, obwohl der Bedarf rapide zunimmt. Das erscheint besonders tragisch angesichts der intensiven Bemühungen vor 15, 20 Jahren, als man versuchte, ein rational konzipiertes Gesundheitswesen einzuführen. Im Laufe der Zeit aber ging das Konzept einfach verloren: Die Krankenhäuser zumindest im ländlichen Raum haben heute fast keine Ausrüstung mehr, keine Medikamente, keine Infrastruktur. In vielen Fällen existiert nur noch die leere Hülle eines heruntergekommenen Gebäudes. Und die Patienten strömen jetzt in große städtische Krankenhäuser, die eigentlich schwer zu behandelnden Kranken vorbehalten sind. Die großen Kliniken degenerieren nun zu Zentren der Grundversorgung - was natürlich das ganze System ad absurdum führt."

Die Ursachen der heutigen Misere liegen, sagt der US-Experte, auf der Hand: Missmanagement und Misswirtschaft in höchstem Maße.

Dabei hatte es anfangs vielversprechend ausgesehen: In den 80er- und 90er-Jahren war in Nigeria ein ordentliches System der Basisgesundheitsversorgung entstanden - mit viel Hilfe ausländischer Fachkräfte, die sich dann mehr und mehr aus Krankenhäusern und Gesundheitsstationen zurückzogen, mit dem Ziel: Die Eigenverantwortung der Partner zu stärken.

Unter der ausschließlichen "Obhut" des nigerianischen Staates jedoch verfielen die gerade erst geschaffenen Strukturen jedoch in atemberaubendem Tempo; endemische Korruption und Schlamperei lähmen heute das System von oben nach unten. Seit Jahren verspricht zum Beispiel Nigerias Regierung, die über gewaltige Öleinnahmen verfügt, 15 Prozent ihres Budgets ins staatliche Gesundheitswesen zu stecken; tatsächlich wurden es nie mehr als fünf Prozent. Stattdessen transferieren Nigerias Politiker, nach Schätzungen der Weltbank, Jahr für Jahr zehn Milliarden Dollar auf Auslandskonten. Viele Mitarbeiter von Krankenhäusern wirtschaften in die eigene Tasche; andere handeln ausschließlich auf Befehl; die wenigen guten Gesundheitsexperten wandern ab in private Praxen oder ins Ausland.

Dass es nach wie vor anders geht, zeigen Einzelprojekte:

Eine Entbindungsstation in der Kleinstadt Wudil. Ein zweckmäßig eingerichteter Operationssaal, eine gut gefüllte Medikamenten-kammer, sauber bezogene Betten. Die Station ist Teil eines Projektes deutscher und österreichischer "Rotary-Clubs", die zehn Entbindungsstationen in den Bundesstaaten Kano und Kaduna saniert und in deren Einzugsgebiet eine Gesundheitsberatung etabliert haben. Das Personal ist sorgfältig ausgebildet, die Richtlinien der Krankenhausführung sind klar, Qualitätssicherung, also eine gute Behandlung der Kranken, ist das Ziel. Das erklärt Projektinitiator Professor Robert Zinser, früher Spitzenmanager eines deutschen Chemiekonzerns:

"Wir haben festgestellt, dass das Training, die Qualität, die Arbeit im Krankenhaus nicht angemessen ist und haben also Qualitätssicherung eingeführt. Wir erheben Daten, regelmäßig; wir analysieren sie, evaluieren sie. Wir kommen zusammen mit den Ärzten und den Hebammen dieser Krankenhäuser, und in einem "Benchmarking"-Prozess werden Stück für Stück die Ursachen der Müttersterblichkeit abgearbeitet."

Benchmarking - das ist der systematische Vergleich von Leistungs- und Erfolgsdaten. Um derlei im konservativen Nordnigeria durchzusetzen, mobilisierte Zinser - mit Hilfe lokaler Rotarier-Freunde - die hier sehr populären traditionellen Eliten. Und seit der deutsche Professor offizieller Berater des Emirs von Kaduna ist, sehen Krankenhausverwalter und Dorfälteste in seinen Vorschlägen Ideen des Emirs. Während nun ein pensionierter deutscher Gynäkologe die Entwicklung der Entbindungsstationen im Auge behält, kümmert sich Hebamme Zainab Pawa, die nigerianische Chefin des Projekts, vor allem um die Frauen in den Dörfern.

Im Dorf Sibri etwa, einem Weiler aus strohgedeckten Lehmhütten, lauschen Männer und buntgekleidete Frauen mit turbanähnlichen Kopftüchern einem Vortrag Zainabs. Eine Frau bleibe länger gesund, wenn sie frühestens mit 16 ein Kind bekomme, erfahren die Dorfbewohner; sie könne besser für ihre Familie sorgen, wenn sie nur alle drei Jahre schwanger werde; sie werde Geburten weit besser überstehen, wenn sie schon zur Schwangerschaftsvorsorge das Krankenhaus besuche. Nach dem Vortrag zeigt sich Kadima Ahmed, der Dorfälteste, stolz, dass man in seinem Dorf bereits aufgeklärt ist:

"Natürlich wollen wir nicht, dass unsere Töchter sterben. Deshalb werden wir sie künftig erst verheiraten, wenn sie ausgewachsen sind - manche also mit 13, andere erst mit 17. Und wir bringen unsere Töchter auch, wenn sie krank sind, ins Hospital von Wudil Ja, Sie können es mir glauben: Die Gesundheit unserer Töchter liegt uns genauso am Herzen wie die unserer Söhne. Und auch die Schwiegereltern unserer Töchter wollen in der Regel das Beste für die Frau ihres Sohnes. Immerhin haben sie ja einiges bezahlt für sie und eine Hochzeit ausgerichtet. Das alles wäre umsonst gewesen, wenn die Frau stirbt."

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