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StartseiteInterview "Patriotismus gestehe ich allen zu. Nur ich selber muss das nicht haben"02.07.2010

"Patriotismus gestehe ich allen zu. Nur ich selber muss das nicht haben"

Hans-Christian Ströbele über deutsche Fahnen als Zeichen der Fußball- und Heimatliebe

Er fühlt sich nicht wohl beim Anblick des Meers von Deutschlandfahnen, sagt Hans-Christian Ströbele (Bündnis90/Grüne). Er denkt dabei an ein Deutschland, dass viele gar nicht kennen - dennoch gönnt er - mit Abstrichen - allen Fans ihre Begeisterung.

Flaggenmeer in Frankfurt (AP Archiv)
Flaggenmeer in Frankfurt (AP Archiv)

Stefan Heinlein: Nun flattern sie wieder, die schwarz-rot-goldenen Fähnchen, an Autofenstern und Häuserfassaden. Ein ganzes Land schmückt sich in den Nationalfarben, während dieser WM tragen viele den Adler auf der Brust und singen an Spieltagen laut und unverkrampft die Hymne. Was vor vier Jahren bei der WM im eigenen Land begann, setzt sich also fort. Man hat wieder Spaß, die Erfolge der eigenen Mannschaft zu feiern.
"Schland, oh Schland", manche rümpfen die Nase über so viel Schwarz-Rot-Gold und warnen vor dem Wiedererstarken chauvinistischer Tendenzen in unserer Gesellschaft. Darüber habe ich vor dieser Sendung mit dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Hans-Christian Ströbele, gesprochen und ihn gefragt, ob an seinem Fahrrad auch ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen flattert.

Hans-Christian Ströbele: Der Herr bewahre, nein! Ich habe das schon bei der letzten Weltmeisterschaft deutlich gemacht, dass ich mich angesichts des Meers an Deutschlandfahnen an Häusern und Autos gar nicht besonders wohl fühle.

Heinlein: Warum sind Sie so verkrampft, wenn es um deutsche Nationalsymbole geht? Ist das eine Spätfolge Ihrer links-alternativen Sozialisation?

Ströbele: Das hat mit links-alternativ nichts zu tun; das hat vielleicht tatsächlich mit Erfahrungen zu tun, die ich nun als alter Mensch gemacht habe, die viele junge nicht haben, und mir kommen da schon Bilder, die ich nicht so gerne im Kopf habe, wobei ich natürlich mich für Fußball und für die Fußballspiele trotzdem genauso interessiere wie alle anderen auch.

Heinlein: Haben Sie denn Verständnis dafür, dass gerade die junge Generation jetzt damit selbstverständlicher und unverkrampfter umgeht?

Ströbele: Ich nehme natürlich zur Kenntnis, dass die ganz jungen Leute, jedenfalls sehr viele, diese Probleme nicht haben, die ich habe, und ich nehme auch zur Kenntnis, wenn die sich sogar das Gesicht mit den Farben der Deutschlandfahne oder auch die Haare oder manchmal sogar die Brust damit anmalen, dass das auch schon wieder ein bisschen dem die Würde nimmt. Das stellt doch etwas infrage. Das heißt, es ist durchaus widersprüchlich zu sehen.

Heinlein: Aber ist das nicht einfach, Herr Ströbele, die Rückkehr zur Normalität, denn wenn man nach Großbritannien, Frankreich oder Italien guckt, wo auch immer hin, die machen das schon seit Jahrzehnten.

Ströbele: Ja, die anderen Völker haben ein anderes Verhältnis, jedenfalls viele Menschen dort, zu ihren nationalen Symbolen, zu ihrer Nation, als die Deutschen. Das hat ja Gründe.

Heinlein: Aber kann man nicht sagen, Deutschland ist inzwischen erwachsen geworden und geht jetzt unverkrampfter damit um, mit der eigenen Geschichte und Gegenwart, als noch vor Jahren?

Ströbele: Na ja, ob das nun unverkrampfter ist, was man da so sieht, anlässlich der Spiele, das weiß ich nicht. Ich habe auch ein völlig unverkrampftes Verhältnis und trotzdem muss ich das nicht gut finden. Aber das sehen wir ja gerade zum Beispiel bei Einwanderern aus der Türkei, oder auch aus anderen Ländern, dass die natürlich auch diese Gefühle, die ich damit verbinde, nun überhaupt nicht haben.

Heinlein: Sie sagen es: In manchen Teilen von Berlin macht ja derzeit die autonome Szene Jagd auf deutsche Fahnen, auf deutsche Flaggen, die gerade zum Teil von Ausländern, von Türken, von Arabern rausgehängt werden. Was halten Sie denn von diesen Aktionen der linken Szene?

Ströbele: Ich kann verstehen, dass Leute sich darüber ärgern, wenn überall in ihrem Stadtteil, oder auch in ihrem Wohngebiet, in der Straße die Deutschlandfahnen hängen, aber ...

Heinlein: Warum können Sie das verstehen?

Ströbele: Das habe ich ja schon zum Ausdruck gebracht. – Trotzdem habe ich was dagegen, wenn man nun diese Fahnen runterreißt, zerstört, oder auch an Autos. Das ist nicht die richtige Art der Auseinandersetzung. Man sollte darüber diskutieren, aber auch dabei zur Kenntnis nehmen, dass es natürlich den anderen nicht zu verdenken ist, dass die dazu ein ganz anderes Verhältnis, ein viel unverkrampfteres Verhältnis haben. Gerade bei den Einwanderern hat das natürlich auch die positive Seite, ein Zeichen von Integration. Wenn die gerade die Deutschlandfahne an ihr Auto, oder an ihr Haus machen, das zeigt ja, dass sie hier voll angekommen sind.

Heinlein: Also die deutsche Flagge vor dem türkischen Kiosk, das ist ein Stück gelebte Integration?

Ströbele: Das ist gelebte Integration und darüber müssen dann die Leute, die Probleme mit der Fahne haben in unseren Straßen, sich mit denen auch auseinandersetzen, darüber diskutieren.

Heinlein: Diskutieren, aber auch tolerant sein?

Ströbele: Auch tolerant sein, selbstverständlich.

Heinlein: Herr Ströbele, die deutsche Elf in Südafrika, das ist ja in der Tat eine Multi-Kulti-Truppe, mit Özil, Khedira, Boateng oder auch Gomez. Müsste es nicht gerade den Links-Alternativen dann leichter fallen, sich zur Mannschaft, zur Flagge, zur Nation zu bekennen?

Ströbele: Ja, ich habe das auch körperlich erlebt. Nachdem der Özil da dieses entscheidende Tor gegen Ghana geschossen hat, war ich in Berlin, mitten in der Szene, in der Oranienstraße, und bin da Abends mit dem Fahrrad nach Hause gefahren, habe noch ein Brot eingekauft, und da fielen mir eine ganze Reihe von offenbar Migranten richtig um den Hals und sagten, wir haben gewonnen, unser Özil hat das Tor geschossen, und das zeigt doch, dass wir zusammen jetzt feiern müssen, wir gehen jetzt auf die Straße.

Heinlein: Und haben Sie mitgefeiert?

Ströbele: Das war natürlich liebenswert, gar keine Frage. Ich war darüber froh und begeistert. Aber das nimmt mir ja nicht trotzdem mein Unwohlsein beim Anblick der Deutschlandfahne.

Heinlein: Gibt es denn positiven Patriotismus, den auch Sie gut finden?

Ströbele: Natürlich! Patriotismus gestehe ich allen zu. Nur ich selber muss das nicht haben. Natürlich habe ich Heimatgefühle, aber die deutsche Nation zu feiern, dafür habe ich wenig Verständnis, vor allen Dingen, wenn das jetzt manchmal so ausartet, wie dass man im Fußball sagt, wir wollen die Engländer oder andere eliminieren. Da zucke ich dann doch etwas zusammen.

Heinlein: Sehen Sie schon wieder die Gefahr von chauvinistischen, von nationalistischen Tendenzen in unserer Gesellschaft durch dieses exzessive Fahnenschwenken?

Ströbele: Das gibt es bei einigen, das ist ja unübersehbar, hoffentlich bei nicht vielen. Ich kann das selber nicht untersuchen.

Heinlein: Frage zum Schluss, Herr Ströbele. Drücken Sie denn morgen der deutschen Elf die Daumen während dieser WM, wenn es gegen Argentinien geht, oder schlägt Ihr Herz für Entwicklungsländer wie Ghana oder Paraguay?

Ströbele: Natürlich wünsche ich auf jeden Fall, dass Ghana weiterkommt. Ich hoffe, dass der afrikanische Kontinent da voll dabei ist und das Fußball-Engagement belohnt wird, was die ja seit vielen Jahren oder Jahrzehnten auch haben. Andererseits freue ich mich über jedes Deutschlandspiel, und jedes Mal müssen allerdings die Jungs, die jetzt die deutsche Nationalmannschaft bilden, meine Unterstützung immer wieder durch gutes Spiel erwerben.

Heinlein: Sie freuen sich über das Deutschlandspiel, oder freuen Sie sich auch, wenn die Deutschen gewinnen?

Ströbele: Dann freue ich mich auch, wenn sie gewinnen. Wenn sie wirklich die Besseren waren, wie zum Beispiel im ersten Spiel, dann bin ich voll dabei, oder auch jetzt in dem letzten Spiel gegen England. Wenn das mit dem nicht gegebenen Tor nicht gewesen wäre, hätte ich mich noch mehr gefreut.

Heinlein: Schwarz-Rot-Gold – der WM-Patriotismus in Deutschland. Dazu heute Morgen bei uns der Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele. Wir haben das Gespräch kurz vor dieser Sendung aufgezeichnet.

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