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Seit 14:30 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heutePaukenschlag bei Musiker-Löhnen25.09.2013

Paukenschlag bei Musiker-Löhnen

Bundesarbeitsgericht lehnt automatische Tariferhöhungen ab

Die etwa 8500 Staats- und Kommunal-Orchestermusiker in Deutschland werden künftig nicht die Tariferhöhungen des Öffentlichen Dienstes erhalten: Das Bundesarbeitsgericht hat diesem Quasi-Automatismus einen Riegel vorgeschoben. Gerald Mertens von der Deutschen Orchestervereinigung prophezeit harte Tarifauseinandersetzungen.

Das Gespräch führte Karin Fischer

Im Tarifstreit um Musikerlöhne drohen Streiks (picture alliance / dpa /Patrick Pleul)
Im Tarifstreit um Musikerlöhne drohen Streiks (picture alliance / dpa /Patrick Pleul)

Karin Fischer: In Salzburg sitzen hoch bezahlte Spitzenmusiker wie die Wiener oder Berliner Philharmoniker im Orchestergraben der Felsenreitschule. Orchestermusiker sind, abhängig vom Instrument, den Berufsjahren oder der Größe des Orchesters auch in den 131 deutschen Kulturorchestern nicht schlecht gestellt – allerdings haben die meisten von ihnen seit Januar 2010 keine Gehaltserhöhung erhalten. Damals hatte der Bühnenverein, also die Arbeitgeberseite, die quasi automatische Koppelung des Tarifvertrags für Orchestermusiker an den des Öffentlichen Dienstes ausgesetzt. Die Deutsche Orchestervereinigung, also die Musiker-Gewerkschaft, ging vor Gericht, um gegen diese Abkoppelung zu klagen. Heute fiel vor dem Bundesarbeitsgericht in Erfurt in dritter und letzter Instanz nun die Entscheidung: gegen die DOV und gegen einen Tarif-Automatismus, der die Musiker mit städtischen Beamten gleichziehen ließe. - Frage an Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung: Was bedeutet diese Entscheidung?

Gerald Mertens: Diese Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts vom heutigen Tage ist für die Musiker in Deutschland erst mal ein schlechtes Signal, weil wir seit Jahrzehnten in den Orchestern immer davon ausgehen konnten, dass die jeweiligen Tariferhöhungen des Öffentlichen Dienstes dann auch mit einem Federstrich sozusagen auf die Musikerinnen und Musiker übertragen wurden. Deswegen hat es auch in den vergangenen Jahrzehnten hier relativ selten offene Auseinandersetzungen gegeben, weil es eben diese Anpassungsklausel gab. Das hat das Bundesarbeitsgericht heute für die Zukunft dann gestoppt und das ist jetzt eine schwierige Situation für alle Orchester in Deutschland.

"Das ist jetzt eine schwierige Situation für alle Orchester in Deutschland"


Fischer: Der Bühnenverein hat ja nun nicht gegen die Musiker, sondern sozusagen für die Kultur insgesamt argumentiert, weil ja bekannt ist, dass kleinere Bühnen in ärmeren Gegenden die Lohnerhöhungen für die Musikerinnen und Musiker nach einem Flächentarifvertrag einfach so nicht verkraften können.

Mertens: Da bin ich anderer Meinung, weil auch in kleineren Stadttheatern steht in der Regel eine Kommune dahinter, auch wenn wir in die neuen Länder schauen, und die Erhöhungen, die auch die Musiker bekommen sollen, sind im Öffentlichen Dienst auch in dieser angeblich ärmeren Kommune schon gezahlt worden. Schauen Sie sich einen Zahlenvergleich an: Wir haben 2,2 Millionen Beschäftigte im Öffentlichen Dienst in Deutschland und wir reden hier gerade über 8500 Orchestermusiker in den Staats- und Kommunalorchestern. Für die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst waren die sehr hohen Gehaltserhöhungen des Öffentlichen Dienstes in den vergangenen Jahren da und für diese 8500 Musikerinnen und Musiker sollen sie nicht da sein, das kann mir ja keiner erzählen.

Fischer: Bis zu 8,8 Prozent Nachzahlung wären zum 1. August fällig gewesen, wenn die Gehälter wie beim Öffentlichen Dienst erhöht hätten werden müssen. Und nur manche Theater haben in Erwartung dieses Urteils schon Rücklagen gebildet. Was passiert eigentlich jetzt?

Mertens: Na ja, es wird am 1. Oktober eine Fortsetzung der Tarifverhandlungen geben, die im Sommer 2010 ja ausgesetzt wurden. Dann kam es zum Gerichtsurteil. Heute ist quasi diese Zäsur beendet. Wir steigen jetzt am 1. Oktober mit weiteren Terminen im Oktober wieder in Tarifverhandlungen mit dem Deutschen Bühnenverein ein. Wir sind jetzt quasi genau dort, wo andere Gewerkschaften wie die IG Metall oder die ver.di mit ihren öffentlichen oder auch privaten Arbeitgebern im Metallbereich ohnehin stehen. Wir werden dann ganz normale Tarifverhandlungen führen müssen, aber mit allen Folgen, die das dann auch bei härteren Auseinandersetzungen hat. Man muss auch dann zukünftig – das bedauere ich sehr – mit verstärkten Auseinandersetzungen, auch Arbeitskämpfen in diesem Bereich rechnen.

Fischer: Der Deutsche Bühnenverein möchte ja flexiblere Modelle installieren, um auf die unterschiedlichen Situationen der Musiker und Musikerinnen vor Ort einzugehen. Welche von diesen flexibleren Modellen würden Sie denn befürworten?

Mertens: Ich weiß noch nicht, welche konkreten Forderungen der Deutsche Bühnenverein jetzt erheben wird, aber wir haben mit dem letzten Flächenabschluss – es gibt ja für die Orchestermusiker einen bundesweit geltenden Flächentarifvertrag – sehr weitgehende Flexibilisierung bereits eingeführt. Es gibt inzwischen so etwas wie eine Halbjahresarbeitszeit, es gibt auch andere große Flexibilisierungen, es gibt die völlige Adaption der Orchestertätigkeiten mit dem Bühnenbereich. Viele Dinge sind hier schon 2009 flexibilisiert worden und ich weiß nicht, wo die Reise noch hingehen soll, denn Orchestermusiker haben eine Sechs-Tage-Woche, Orchestermusiker sind immer an die Hauptschulferien gebunden und es gibt verschiedene andere Dinge, auch die sehr, sehr lange Ausbildung und die Belastung eines Musikers, der ja bis 65 oder jetzt auch bis 67 spielen muss und dort immer Höchstleistung bringen muss. Das sind Dinge, die sind mit anderen Berufen so nicht vergleichbar, und deswegen sind wir der Meinung, muss das dann auch angemessen vergütet werden.

Fischer: Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung, mit einer Einschätzung zum Erfurter Urteils. Vielen Dank! Dieses Urteil besagt: Es gibt keinen Rechtsanspruch auf die automatische Übertragung von Lohnabschlüssen von Ländern und Kommunen auf Staats- und Kommunalorchester.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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