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StartseiteAus Religion und GesellschaftDer Dichter und der ferne Gott29.03.2017

Paul Celan und die ShoahDer Dichter und der ferne Gott

Czernowitz war der jüdisch-christliche Schmelztiegel schlechthin. Hier ist der Dichter Paul Celan groß geworden. Seine Eltern wurden von den Nazis ermordet. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland", das ist einer der berühmtesten Sätze Celans. Die Shoah hat auch sein Nachdenken über Gott geprägt. Paul Celan lästert Gott und hinterfragt den "fernen Gott".

Von Burkhard Reinartz

Paul Celan, deutschsprachiger Lyriker rumänischer Herkunft, geboren am 23.11.1920 in Tschernowzy, gestorben am 20.4.1970 in Paris. Celan zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern. (picture alliance / dpa)
Der Lyriker Paul Celan. (picture alliance / dpa)
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Celan war "sehr, sehr feinfühlig"

Einmal    
da hörte ich ihn,
da wusch er die Welt,
ungesehn, nachtlang,
wirklich.

Eins und Unendlich,
vernichtet,
ichten.
Licht war. Rettung.

Paul Celans spätes Gedicht "Einmal" - Zeilen hart an der Grenze zum Verstummen.

"Die Arbeit von Paul Celan ist nicht zu verstehen, ohne dass man seine Geschichte kennt, die Geschichte eines Menschen jüdischer Herkunft. Seine beiden Eltern sind in einem Konzentrationslager ermordet worden. Er selber ist diesem Schicksal knapp entkommen und wenn es einen Dichter gibt, der Konsequenzen zieht aus dieser abgründigen Lebenserfahrung, dann ist es Paul Celan."

Karl-Josef Kuschel hat sich intensiv mit Paul Celan und seinem Werk auseinander gesetzt. Bis zum Jahr 2013 lehrte er Theologie des interreligiösen Dialogs an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen.

"Ich habe nie eine Zeile gedichtet, die nichts mit meiner Existenz zu tun gehabt hätte. Ich bin, Du siehst es, Realist auf meine Weise", schreibt der Dichter in den 1960er Jahren an einen Freund.

Geboren im Schmelztiegel Czernowitz  

Paul Antschel, erst nach 1945 nennt er sich Celan, wird am 23. November 1920 im rumänischen Czernowitz geboren, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs  zur Österreichisch-Ungarischen-Monarchie gehörte.(*) Die Stadt gilt als Zentrum deutsch-jüdischer Kreativität. Künstler, Philosophen, Musiker und Schriftsteller prägen die kulturelle Stimmung der vielsprachigen Stadt. Ein Schmelztiegel aus Deutschen, Ukrainern, Juden und Rumänen.

Kuschel: "Czernowitz war eine Stadt mit einem hohen Anteil jüdischer Bevölkerung; und die jüdische Bevölkerung war ja damals schon nicht einheitlich, sie war plural. Da gab es die Orthodoxen, die ein entsprechendes Leben führten nach dem Religionsgesetz, der Halacha. Da gab's aber auch ein kulturoffenes, halb assimiliertes Judentum. Man ging nicht auf Talmudschulen wie die orthodoxen Juden, sondern man ging auf öffentliche Gymnasien."

Ein alter Bus fährt durch die Straßen der Stadt (dpa)In Czernowitz - in der heutigen Ukraine - ist Celan geboren und aufgewachsen (dpa)

Pauls Eltern leben in bescheidenen Verhältnissen. Der Junge wächst als Einzelkind in einer deutsch sprechenden, orthodox-jüdischen Familie auf. Sein strenger Vater Leo ist Vertreter einer Holzfirma. Mit der Mutter Fritzi teilt der Junge die frühe Begeisterung für deutsche Dichtung.

"Ich war sechs Jahre und konnte "Das Lied von der Glocke" aufsagen. Wer weiß, ob das nicht alles weitere ausgelöst hat."

Kein jüdischer Gottesdienst mehr nach der Bar-Mizwa

Die enge Bindung zu seiner Mutter wird den Jungen sein Leben lang prägen. Oft steht Fritzi Antschel im Zentrum seiner Gedichte. Der Schulbesuch des jungen Paul spiegelt auch das politische Durcheinander in und um Czernowitz wider: Zunächst besucht Paul die deutsche, dann die hebräische Volksschule, von 1930 an ein rumänisches, später ein ukrainisches Staatsgymnasium. Mit vierzehn Jahren feiert er Bar-Mizwa, vergleichbar mit der protestantischen Konfirmation im christlichen Kulturraum. Danach wird er nie wieder einen jüdischen Gottesdienst besuchen. Nach dem Abitur beginnt der junge Mann im französischen Tours das Studium der Medizin. Als sein Schnellzug auf dem Weg nach Frankreich Berlin erreicht, hatte die Stadt gerade die Reichspogromnacht hinter sich, von Nationalsozialisten "Reichskristallnacht" genannt. In einem Gedicht erinnert sich der junge Mann später an diesen Augenblick.

Über Krakau
bist du gekommen, am Anhalter Bahnhof
floss Deinen Blicken ein Rauch zu,
der war schon von morgen

Wegen des beginnenden Krieges kehrt er nach Czernowitz zurück und studiert dort Romanistik. 1940 besetzen sowjetische Truppen die Stadt. Im Hitler-Stalin Pakt hatte Deutschland der Annexion von Teilen Rumäniens, auch von Czernowitz in der Bukowina, durch die Sowjetunion zugestimmt.(**) Ein Jahr später trifft die SS-Einsatztruppe D in Czernowitz ein. Die inzwischen mit Deutschland verbündeten rumänischen Einheiten besetzen die Stadt. Im Oktober 1941 beginnt die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

DER ÖLBAUM:

Die Hörner der Hölle, im Ölbaum verklungen:
stießen sie Luft durch sein Herz, dass es leer ward und schrie?
Einst als wir Finsternis festlich begingen,
kam er zu uns in den Abgrund und sang.
Nun, da ihn frierende Hörner umfingen,
ließ er uns schlummern und zittert am Hang.
Dürfen wir, licht, wenn die Brände beginnen,
wandernder Ölbaum, hinauf zu dir gehen?
Dass deine Zweige, süß und von Sinnen,
mit uns im Feuer, im riesigen, stehen?

Das Judenviertel wird zum Ghetto erklärt. 55.000 Juden werden in die Vernichtungslager Transnistriens deportiert. Fast alle verhungern, werden ermordet oder sterben an Cholera und Typhus. Im Ghetto überlebt nur eine Minderheit von 5.000 Menschen.

Der 21jährige wird vierhundert Kilometer südlich von Czernowitz als Straßenbauer eingesetzt - in einem von den Rumänen eingerichteten Arbeitslager. Dadurch entgeht er der Deportation nach Transnistrien oder in ein deutsches Konzentrationslager. Als er im Juni 1942 seine Eltern in Czernowitz besuchen will, findet er die Wohnung leer vor. Sie waren noch am gleichen Tag nach Transnistrien deportiert worden. Sein Vater stirbt dort kurz darauf an Cholera, seine Mutter wird im folgenden Winter mit einem Genickschuss umgebracht.

Celan verlor seine Eltern in einem Konzentrationslager - er selbst entgeht der Deportation durch die Arbeit als Straßenbauer in Rumänien (picture alliance / dpa / Fritz Schumann)Celan verlor seine Eltern in einem Konzentrationslager - er selbst entgeht der Deportation durch die Arbeit als Straßenbauer in Rumänien (picture alliance / dpa / Fritz Schumann)

Kuschel: "Das Schicksal beider Eltern traumatisiert ihn zutiefst, dass er dann in der Tat kein Lebensvertrauen mehr hatte, Sprachvertrauen ist nichts ohne Lebensvertrauen und das war ihm zerstört worden durch die brutale Rassenpolitik der Nazis, deren Opfer er war."

Flucht nach Paris in der Nachkriegszeit

Nach Kriegsende nennt Paul Antschel sich Paul Celan. Er zieht von Czernowitz nach Bukarest, arbeitet als Übersetzer und Lektor. 1947 flieht er über Ungarn nach Wien und lässt sich ein Jahr später in Paris nieder. 1948 erscheint - von der Kritik begeistert aufgenommen - sein erster Gedichtband  "Sand in den Urnen". Inhalt und Form seiner Gedichte ändern sich radikal. Die Todesthematik, das Schicksal des jüdischen Volkes und der ferne Gott durchziehen bis zum Todesjahr sein Werk - selbst die Liebesgedichte. Der Reim verschwindet immer mehr aus seinem Werk.

Und duldest Du, Mutter, wie einst ach daheim
den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim?

"Diese Dialektik von Muttersprache und Mördersprache ist einer der Schlüssel, um zu verstehen, wie er seine Gedichte schreibt. Die Muttersprache ist gleichzeitig auch die Sprache der Mörder - und das will er signalisieren in seinen Gedichten. Die deutsche Sprache ist nicht mehr unschuldig, sie ist kontaminiert mit diesem einzigartigen Verbrechen." Der katholische Theologe Karl-Josef Kuschel.

Ich ritt durch den Schnee, hörst du,
ich ritt Gott in die Ferne - die Nähe,
er sang,
es war
unser letzter Ritt über
die Menschen - Hürden.    

Kuschel: "Wirklichkeit will gewonnen und gefiltert sein. Das ist ein Schlüsselsatz bei ihm. Denn durch den Zivilisationsbruch der Shoah ist alles zerbrochen. Alle konventionellen Redeweisen stehen gewissermaßen auf dem Prüfstand und deshalb muss sie zurück gewonnen werden."

Im Jahr 1945 schreibt Paul Celan ein Gedicht, das zum Inbegriff der Dichtung nach Auschwitz wird: Die "Todesfuge". Das verstörende Gedicht erweist sich als das "Guernica" der Nachkriegsliteratur. Wie kaum ein anderer Text der Moderne wird er auch international öffentlich wahrgenommen. Im Jahr 1988 wird die Todesfuge im Bundestag rezitiert - zum 50. Jahresgedenken der Novemberpogrome.

Schwarze Milch der Frühe, wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken

ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
 
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts

wir trinken dich mittags  der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland  sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau

ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet
der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Paul Celan lebt jetzt in Paris. Er schlägt sich als Fabrikarbeiter und Dolmetscher durch, übersetzt Texte von über vierzig Autoren in sieben Sprachen und begegnet der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, mit der ihn eine kurze Liebesbeziehung und später eine schwierige Freundschaft verbindet. 1952 heiratet er die französische Malerin Gisèle Lestrange. Ihr erster Sohn Francois stirbt bald nach der Geburt. 1955 wird Claude Francois geboren. Celan freundet sich mit dem deutsch-französischen Schriftstellerpaar Yvan und Claire Goll an. Nach dem Tode ihres Mannes erhebt Claire Goll 1960 öffentlich Plagiatsvorwürfe, auch gegen die "Todesfuge". Der Dichter wird zwar später von den Anklägern vollständig rehabilitiert, aber seine Psyche erleidet durch die "Plagiatsaffäre" dauerhaften Schaden.

"Bei Paul Celan kann man große Leseerfahrungen machen"

Kuschel: "Selbst gutwillige Leser können nicht leugnen, dass sich seine Gedichte dem Zugriff erst mal entziehen. Wenn man sich auf sie einlässt, sie im Akt der Meditation auf sich wirken lässt, dann kann man bei Paul Celan ganz große Leseerfahrungen machen."

Die Klagemauer in Jerusalem mit dem Felsendom im Hintergrund. (picture alliance / Mika Schmidt)Celan setzt sich in seiner Lyrik zeitlebens mit dem Holocaust auseinander. (picture alliance / Mika Schmidt)

In seinen Gedichten versucht Celan, die Shoah einzubetten in die geistigen Traditionen des Judentums der letzten dreitausend Jahre. Er verbindet den Massenmord der Nationalsozialisten thematisch mit religiösen Motiven, vor allem aus dem Alten Testament. Seine Zweifel, sein Glauben-Wollen, aber nicht können, werden ihn bis zu seinem Tod begleiten.

TENEBRAE:

Nah sind wir, Herr,
nahe und greifbar.

Gegriffen schon, Herr,
ineinander verkrallt, als wär
der Leib eines jeden von uns
dein Leib, Herr.

Bete, Herr,
bete zu uns,
wir sind nah.     

Zur Tränke gingen wir, Herr.
Es war Blut, es war,
was du vergossen, Herr.
Es glänzte.

Es warf uns dein Bild in die Augen, Herr.
Augen und Mund stehn so offen und leer, Herr.
Wir haben getrunken, Herr.
Das Blut und das Bild, das im Blut war, Herr.

Bete, Herr.
Wir sind nah.

Kuschel: "Der Titel des Gedichts verweist ja auf die Sterbestunde Jesu, den Einbruch der Dunkelheit, Tenebrae. Und diese Sterbestunde wird jetzt gewissermaßen übertragen auf diejenigen, die diesem grauenhaften Schicksal ausgesetzt sind. Und indem sie Opfer dieser Verhältnisse werden, tauschen Gott und die Opfer sich hier aus. 'Bete, Herr, wir sind nahe', kann nur der derjenige sagen, der in dieser radikalen Auslöschungssituation ist.

SPÄT UND TIEF:

Wir schwören bei Christus dem Neuen, den Staub zu vermählen dem Staube,
die Vögel dem wandernden Schuh,
unser Herz einer Stiege im Wasser.
Sie rufen: Ihr lästert!
Wir wissen es längst.
Wir wissen es längst, doch was tuts?
Ihr mahlt in den Mühlen des Todes das weiße Mehl der Verheißung,
ihr setzet es vor unsern Brüdern und Schwestern -
Wir schwenken das Weißhaar der Zeit.

Der Refrain des Gedichts: "Sie rufen: Ihr lästert" erinnert deutlich an die Zeile Meister Eckarts "Wer Gott selbst lästert, lobt Gott".

Kuschel: "Das Eckart-Wort kann man ohne weiteres auf Celan übertragen, denn er war ein glänzender Kenner der Schriften Eckarts. Wer Gott lästert, bleibt ja mit Gott verbunden. Nur wer jede Hoffnung auf Gott verloren hat, kappt die Beziehung zu Gott, interessiert sich nicht mehr für Gott, wendet sich ab. Nur wer lästert, hat ja noch Erwartungen an Gott. Er bleibt mit Gott verbunden auch im Akt der Lästerung. Wenn er überhaupt die Gottessuche anspricht, dann in diesem Sinne. Insofern vergleichgültigt er sie nicht, sondern hält sie in diesem Sinne lebendig."

Verschlechterter psychischer Zustand und Sinnkrise

In den 1960er Jahren erscheinen weitere Gedichtbände, die Celan weltberühmt machen. Etwa "Die Niemandsrose", "Atemwende" oder "Fadensonnen". Gleichzeitig verschlechtert sich der psychische Zustand des Dichters, was zu mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken führt. Dann keimt Hoffnung auf, so der Theologe Kuschel:

"1967 im Juni: Israel hat überraschend einen Sieg über die arabischen Nachbarn errungen, und es keimt plötzlich in Paul Celan die Hoffnung auf, dass Israel doch eine Zukunft hat. Und dann im Oktober 1969 die eigene Reise nach Israel. Und die ist zutiefst ambivalent. Als Jude geboren, in Paris lebend, kommt er jetzt in die Stadt zurück, die das Zentrum des Judentums bildet; und die Frage, wohin er denn gehört, verschärft sich in ihm, dass er hart mit der Frage konfrontiert wird: Könnte ich in Israel leben?"

Es entstehen die zwanzig "Jerusalem-Gedichte".

Nah, im Aortenbogen,
im Hellblut:
das Hellwort.

Mutter Rahel weint nicht mehr.
herübergetragen
alles Geweinte.

still, in den Kranzarterien,
unumschnürt:
Ziw, jenes Licht.

"Ziw" ist ein Begriff der jüdischen Mystik. Ziw meint einen überirdischen Lichtglanz, in dem sich die Anwesenheit Gottes zeigen kann. "Unumschnürt" und "still" scheint dieses Licht für Celan vielleicht doch verborgen unter allem Grauen zu liegen.

Kuschel: "Die Jerusalem-Reise scheitert am Ende. Er sieht sich nicht in der Lage, sich mit einem Leben in Jerusalem zu identifizieren."

Vereinsamt in Paris

Und fühlt sich in seiner Pariser Exilheimat zunehmend einsam. Schwer trifft ihn auch der Rückzug seiner Familie. An seine Jerusalemer Freundin Ilana Schmueli schreibt er:

Die Basilica minor Sacré-Cœur de Montmartre in Paris. (imago / PanoramiC)Paul Celan verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Paris, wo er sich 1970 vermutlich das Leben nahm (imago / PanoramiC)

"Ich muss täglich in meine Abgründe hinab. Jeder Tag ist eine Last. Das, was Du "meine Gesundheit" nennst, kann es wohl nie geben. Die Zerstörungen reichen bis an den Kern meiner Existenz. Man hat mich zerheilt."

Am 1. Mai 1970 findet ein Fischer den Leichnam Paul Celans in der Seine - zehn Kilometer abwärts von Paris. Wahrscheinlich hat er sich in der Nacht vom 19. auf den 20 April am Pont Mirabeau in der Nähe seiner Wohnung in den Fluss gestürzt. Einen Abschiedsbrief gibt es nicht.

Kuschel: "Das Faszinosum ist für mich: Da vertraut einer der deutschen Sprache, obwohl es die Sprache der Mörder ist und hinterlässt ein einzigartiges Werk. Jedes Gedicht muss man mehrfach meditieren; und diese ungeheure Sprachverdichtung verdanken wir dem Werk Paul Celans. Er ist ein Dichter, der Lesewiderstände erzeugt, aber heilsame Lesewiderstände."

Fadensonnen
über der grauschwarzen Ödnis.
Ein baumhoher Gedanke
greift sich den Lichtton: es sind
noch Lieder zu singen jenseits
der Menschen.


Anmerkung der Redaktion

Ein Hörer hat uns auf zwei Fehler aufmerksam gemacht, die wir im Text korrigiert haben:
(*)  Czernowitz gehörte bei der Geburt Celans im November 1920 zu Rumänien.
(**) Im Hitler-Stalin Pakt hatte Deutschland der Annexion von Teilen Rumäniens zugestimmt.

 

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