Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteBüchermarktPaul Devrient. Mein Schüler Adolf Hitler08.08.2003

Paul Devrient. Mein Schüler Adolf Hitler

Universitas-Verlag, 188 S., EUR 19,90

Schon lange, bevor es so etwas wie die heutige Mediengesellschaft gab, wussten Politiker, dass bei öffentlichen Auftritten das Wie mehr zählt als das Was; Pose und Tonfall sind oft wichtiger als die eigentlichen Inhalte. Und so ging Bert Brecht in seinem Stück "der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" von 1941 davon aus, dass Adolf Hitler Schauspielunterricht nahm, um seine Wirkung auf das Publikum noch zu steigern. Tatsächlich galt Hitler als ein von Natur aus begabter Redner, der bei Massenauftritten eine geradezu unheimliche demagogische Wirkung hatte. Selbst seine Gegner konnten sich dieser Wirkung teilweise kaum entziehen; so berichtete es etwa die antifaschistische Schriftstellerin Karen Boye; Peter Weiss schildert das in seinem Hauptwerk, der "Ästhetik des Widerstands".

Sabine Peters

Aber Hitler war nicht nur ein propagandistisches "Naturtalent", man weiß aller Geheimhaltung zum Trotz längst, dass er tatsächlich Unterricht nahm: Ein Arzt hatte ihm gegen drohende Stimmbandlähmung infolge von Überanstrengung empfohlen, einen Stimmbildner und Sprechlehrer zu engagieren. Paul Devrient war in den zwanziger und dreißiger Jahren ein bekannter Operntenor; er begleitete Hitler zwischen April und November 1932 auf seinen zahlreichen Reisen und gab ihm in Hotelzimmern und Gastwirtschaften Schauspiel- und Rhetorikunterricht. Während dieser Zeit führte Devrient ein Tagebuch, und nach seinem Tod 1973 stellte sein Sohn es dem 1922 in Ostpreußen geborenen Werner Maser zur Verfügung. Professor Maser hat nicht nur zahlreiche Titel zu Hitler veröffentlicht, sondern auch Bücher wie "Hermann Göring. Hitlers janusköpfiger Paladin" oder "Wilhelm Keitel. Mein Leben. Pflichterfüllung bis zum Untergang." Werner Maser veröffentlichte Devrients Aufzeichnungen erstmals 1975. Jetzt hat der Universitas-Verlag, der unter anderem auch die Erinnerungen eines, wie es heißt, "erfolgreichen Jagd- und Kampffliegers im 2. Weltkrieg" herausgibt, jetzt also hat der Universitas-Verlag das Tagebuch von Devrient erneut publiziert, versehen mit Masers eigenen Kommentaren.

Warum muss so ein Buch erscheinen? Als nach ’45 eine Fülle von Erinnerungen an die Person Hitler herauskamen, nannten kritische Leser diese Veröffentlichungen die "Ich-war-Hitlers-Zahnbürste"-Bücher. Vermittelt das jetzt von Maser noch einmal publizierte Dokument "Mein Schüler Adolf Hitler" irgendetwas, das, wenn nicht den Nationalsozialismus, dann immerhin die Person Hitler unter einem noch nicht bekannten Aspekt zeigt? Das geschieht nicht. Hitler wird in Devrients Tagebuch einmal mehr so beschrieben, wie viele Zeitzeugen ihn erlebten, einerseits als ungelenk und linkisch, andererseits als fanatisch, herrisch, bedrohlich.

Devrient wurde für seinen Unterricht mit tausend Reichsmark monatlich bezahlt, was seinerzeit viel Geld war; mag sein, auch das war ein Grund für seine Unterwürfigkeit dem Schüler gegenüber. Maser nennt Devrient einen mehr oder weniger naiven Schöngeist, der überhaupt kein Interesse an den Inhalten von Hitlers Reden hatte; der Theater und Realität ineins brachte und sich angesichts des Beifalls für die Reden gelegentlich fragte, wie viel "Vorhänge" sein Schüler auf der Bühne wohl bekommen würde. Bei der Lektüre der Tagebuchaufzeichnungen des "Lehrers" stellt sich schnell heraus, wer das Sagen hat. Immer wieder stößt man auf Formulierungen, wie die folgenden: Devrients Schüler Hitler, Zitat, "befiehlt, beharrt, spottet, droht, grollt, wehrt schroff ab". Devrient dagegen "rechtfertigt sich, schwächt ab, entschärft, weicht aus, zieht sich aus der Affaire, verteidigt sich; lobt ihn, Hitler, neidlos."

Devrient scheint nichts im Sinn gehabt zu haben, als seinem Schüler seine Verkrampftheit, seine Fuchtelei, sein Schmierentheater, seine nasse Aussprache und sein abgeschmacktes falsches Pathos abzugewöhnen; mit nicht sonderlich großem Erfolg - und doch ist die fatale Wirkung der Hitler-Reden hinlänglich bekannt. In der Einleitung schreibt Maser, der Operntenor habe sein Tagebuch zu Lebzeiten nicht zuletzt deshalb geheim gehalten, weil er von dem, Zitat, "absurden Trauma" geplagt gewesen sei, durch seinen Unterricht Hitler zur Macht verholfen zu haben. Nun kann man sagen, dass Hitler im April 32 schon derartig erfolgreich war, dass es den von ihm so unwillig angenommenen Unterricht nicht noch obendrein gebraucht hätte. Trotzdem hat Devrient eine Entscheidung getroffen, indem er Hitler unterrichtete. Seine Schuld- oder Schamgefühle sind also durchaus nachvollziehbar. Sie ein "absurdes Trauma" zu nennen, ist schon der Wortwahl nach eine Ent-Schuldung durch Maser, um die ihn keiner gebeten hat; ganz abgesehen davon, dass es kein "absurdes Trauma" gibt. Das Machwerk, das Werner Maser jetzt erneut herausgegeben hat, stößt einen im Verlauf der Lektüre immer mehr ab: Nicht nur, dass die Bedeutung der Industrie, die Hitler unterstützte, ganz nebenbei heruntergespielt wird. Seitenlang zitiert Maser, das Tagebuch paraphrasierend, aus "Mein Kampf" und aus dem "Völkischen Beobachter". Diese Zitate sind optisch kaum von Devrients Tagebucheintragungen und Masers eigenen Kommentaren abgesetzt; immer wieder fragt man sich, wer hier spricht.

Maser verwandelt sich seinem Gegenstand an, er schreibt im teilnehmenden Präsens, um, wie er behauptet, die "Unmittelbarkeit" zu erhalten. So kann er mitteilen, dass Hitler 1932, Zitat, "fürchten muß, von der Zeit schon überholt zu sein und ... Anhänger zu verlieren". Oder Maser erklärt, Hitler, Zitat, "fühlt...instinktiv, dass sein Glanz und seine Anziehungskraft verblassen müssen, wenn sie nicht bald durch die Übernahme der Macht auf eine neue Ebene gehoben werden können". Man sieht, wie sich diese Kommentare affirmativ und ohne jede Distanz ins Ganze einschmiegen. Das Ganze aber ist hohl, verquast, Schmierentheater übelster Sorte.

Oder soll man das Alles amüsant finden? Oder vielleicht skuril? Soll man seinen Voyeurismus befriedigen, unter anderem auch mithilfe einiger Fotografien, die Hitler in den hinlänglich bekannten extremen Positionen zeigen, also einmal mehr halb lächerlich, halb bedrohlich? Bitter fällt einem ein, dass die Person Hitler offenbar nach wie vor gut ist für noch einen weiteren schlechten Titel mehr. Die Berührung mit dem "großen Bösen" scheint kein Makel zu sein, sondern Glanz zu verleihen; die Berührung mit dem "großen Bösen" fasziniert. Und so also werden Hitler und seine Zahnbürsten ungerührt weiter verwertet.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk