• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 06:35 Uhr Morgenandacht
StartseiteBüchermarktPaul Steinberg: Chronik aus einer Dunklen Welt11.06.1998

Paul Steinberg: Chronik aus einer Dunklen Welt

Aus dem Französischen von Moshe Kahn

"Meine Eigenschaft war vielfach: Ich sprach die Sprache, ich war sehr jung", so Paul Steinberg. "Die Tatsache, sehr jung zu sein, erweichete das Benehmen der Nomenklatura mir gegenüber. Ich war als Schüler fasziniert von Chemie und hatte den sonderbaren Gedanken, bei meiner Verhaftung noch ein Chemiebuch zu kaufen, das weit über was ich gelernt hatte, hinausragte. Dieses Chemiebuch habe ich ins Sammellager Drancy mitgenommen, gelesen, wie man Polizeiromane liest, und auswendig gelernt - automatisch. Ich wußte überhaupt nicht, daß eines Tages dieses Buch mir das Leben retten würde, aber das gehört zu den fünfzig Münzen, die ich in die Luft geschmissen habe, und bei welchen ich fünfzig Mal auf die richtige Seite gefallen bin."

Tanya Lieske

Paul Steinberg hat Auschwitz überlebt. Die Geschichte dieses Überlebens ist voller Unwahrscheinlichkeiten. Es ist eine absurde Geschichte, die sich am einfachsten mit der Hilfe von Begriffen wie ”Zufall”, ”Glück” oder auch ”Schicksal” wiedergeben läßt. Paul Steinberg verwendet diese Begriffe sparsam in seinem Auschwitz-Bericht ”Chronik aus einer Dunklen Welt”. Sie tauchen dann auf, wenn es keine logische Erklärung für sein Überleben mehr gibt. Das Vernichtungslager ist für den heute 72jährigen, ein Phänomen, das sich der menschlichen Logik entzieht: "Das Lager an sich, und das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt des Buches, ist etwas Unverständliches. Aus dem einfachen Grund, daß es sich in einer anderen Welt befindet. Das Vernichtungslager ist eine Parallelwelt in einer anderen Dimension, eine Science-fiction Welt. Ich könnte es nicht besser vergleichen als mit diesen schwarzen Löchern, die die Astronomen in entfernten Galaxien suchen, und von denen sie annehmen, daß sie enorme Mengen von Energie verschlingen."

Am 23. September 1943 verhaften zwei französische Polizisten, angeleitet durch den Brief eines Denunzianten, den 17jährigen Paul Steinberg in Paris. Auf dem Weg zur Sammelstelle der Polizeipräfektur bieten sich ihm zahlreiche Fluchtmöglichkeiten, die er nicht nutzt. Er kauft sich aber, mit der Erlaubnis der beiden Polizisten, ein Buch über anorganische Chemie, das ihm später das Leben retten wird. Über das französische Durchgangslager Drancy kam Steinberg im Oktober 1943 nach Auschwitz III Monowitz, das auch ”Buna” genannt wurde. Dort war das Überleben der zumeist jüdischen Häftlinge im Normalfall auf ein paar Monate bemessen, sie mußten schwerste körperliche Arbeit verrichten, bevor sie ins Gas geschickt wurden. Paul Steinberg hat 15 Monate durchgehalten. Er gehört auch zu den Überlebenden des berüchtigten Todesmarsches, den die letzten Häftlinge im Januar 1945 von Auschwitz aus in das Konzentrationslager Buchenwald antreten mußten. Dort wurde Steinberg im April 1945 von russischen Truppen befreit. Heute, mit dem Abstand eines halben Jahrhunderts, sieht er Auschwitz als den Knotenpunkt seines Lebens: "Ich habe keine Liebe in meiner Kindheit genossen. Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben. Die Stiefmutter, die mein Vater mir verschafft hat, und die als meine Mutter beschrieben wurde - ich hab’ erst im Alter von vierzehn erfahren, daß die Frau, die ich haßte, nicht meine Mutter war - also die Stiefmutter war eine Märchengestalt, mein Vater hatte für mich kein Interesse, weil er nur eines seiner Kinder herzlich liebte, das war meine Schwester. Dann sind wir von Land zu Land getrieben worden, von Wohnung zu Wohnung und von Schule zu Schule, ohne daß ich jemals etwas anderes war als der Fremde, der nicht die Sprache sprach, der sich anpassen mußte, der schnell lernen mußte, und der sich keine Freunde verschaffen konnte, weil er niemals lang genug irgendwo blieb, um Freunde zu haben. Und dieses Leben, das sich bis zu meinem zwölften, dreizehnten Lebensjahr so entwickelt hat, war bestimmt eine Vorbereitung auf das Leben im Lager."

Paul Steinberg, Jahrgang 1926, stammt aus einer wohlhabenden, intellektuellen Familie deutsch-russischer und jüdischer Herkunft. Seine Eltern wußten, welche Gefahr ihnen und den Kindern drohte. Einen Sohn und eine Tochter brachten sie in Sicherheit, nicht aber den Jüngsten. Paul Steinberg hat 50 Jahre gewartet, bis er all dies aufschreiben konnte. "Ich wußte von vornherein, seit 1945, daß ich eines Tages schreiben würde, weil ich schreiben mußte. Und dann habe ich es auch versucht, einmal, zweimal, und es ging nicht. Ich kam zur Hälfte von dem, was ich schreiben wollte, was eine andere Form annahm als das Buch, und dann explodierte ich auf dem Wege und wurde unmöglich für meine Entourage und kam zu dem Entschluß, daß ich den Versuch aufgeben und irgendwo in die Schublade stecken und warten mußte, bis die Zeit kommt, wo es endlich möglich wird."

Im Kanon der Auschwitz-Literatur gehört Paul Steinbergs Buch in die Reihe der späten Zeugnisse. Er verweilt nicht bei einer Schilderung der Greuel des Lagers und den Untaten der SS - das, sagt Steinberg, haben andere Überlebende vor ihm getan. Sein Interesse ist erkenntnistheoretischer Natur - was läßt sich von Auschwitz begreifen, und inwiefern ist ein solches Erlebnis mitteilbar. Sein Vergleich der Vernichtungslager mit einem astronomischen Schwarzen Loch erinnert an einen Satz des Ungarn Imre Kertész, der im Zusammenhang mit Auschwitz das Wort vom ”Zivilisationsbruch” geprägt hat. Auschwitz, sagt Kertész, symbolisiere den Zusammenbruch einer ganzen Kultur und ihrer Mythen, darum sei es das wichtigste Phänomen des 20. Jahrhunderts. Beide, Kertész wie Steinberg, sehen Auschwitz als einen Irrläufer der Menschheitsgeschichte, der im Wortsinn ein-malig war. Vor dem Einwand, daß es sich dabei um eine postmoderne Verharmlosung handeln könnte, schützt sie die Tatsache, daß beide Auschwitz überlebt haben. Im Falle des Paul Steinberg kommt die Einsicht hinzu, daß selbst diese biographische Kenntnis der Vernichtungslager keine vollkommene Zeugenschaft garantiert: "Beim Schreiben habe ich alles losgelassen, alles freigelassen, was in meinem Gedächtnis übrig blieb. Was übrigens die Frage stellt, was läßt das Gedächtnis übrig, und auf diese Frage gibt es keine Antwort, denn das Gedächtnis funktioniert auf eine total unlogische Weise. Das Gedächtnis sortiert aus Einzelheiten, die absolut unwichtig sind, die absolut nebensächlich sind, mit ungeheurer Genauigkeit. Und dann kommen Momente von äußerster Wichtigkeit, wo das Leben aufs Spiel gesetzt wird, und da bleibt nur ein Schatten wie auf einem schlechten Foto, und indistinkt sieht man Graues und keine Neuigkeit. Aber warum dies geschieht, ist mir noch immer unklar. Ich glaube, es besteht eine Anarchie in der Arbeit des Gedächtnisses."

Es scheint, als hätten die Überlebenden der Vernichtungs- und Konzentrationslager zwischen zwei Übeln zu wählen, wenn sie ihre Erlebnisse aufschreiben wollen. Haben sie sich entschlossen, mehrere Jahrzehnte zu warten, dann ist ihnen zwar ein distanzierter Blick gewiß, aber das Gedächtnis geht seine eigenen Wege. Davon berichtet unter anderen der spanisch-französische Autor Jorge Semprun in seinem Buch ”Schreiben oder Leben”. Ein halbes Jahrhundert nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald thematisierte Semprun sein jahrzehntelanges Schweigen, und die Tatsache, daß er sich so seine geistige Gesundheit bewahrte. Von dem Moment der Niederschrift an hatte Semprun dann mit den Lücken seines Gedächtnisses zu kämpfen. Einen anderen Weg ist der Italiener Primo Levi gegangen. Levi hat mit seinem Buch ”Ist das ein Mensch?” ein frühes Zeugnis aus Auschwitz abgelegt. Die Last solch authentischer Erinnerungen muß zu groß gewesen sein, 1987 nahm sich Levi in Turin das Leben. "Die Leute, die so energisch, energisch ist kaum ein passendes Wort, so unmenschlich am Leben hingen, sind Menschen von denen man erwarten könnte, daß sie sich, das war mein Fall, als unsterblich betrachten. Es war lange so, daß ich mir gesagt habe, was kann dir passieren. Fünfzig Mal ist es vorgekommen, daß du 95 Prozent Chancen hattest, erledigt zu werden, und jedes Mal ist es in die andere Richtung gegangen. Was kann schon passieren, das gegen dieses Gesetz, diese Probabilität eine Gefahr bedeutet. Und das ist auch für die anderen Überlebenden wahr. Und daß zwischen diesen Überlebenden so viele, Primo Levi, Bruno Bettelheim, Jan Kosiecki, sich ihr Leben genommen haben, ist etwas Furchtbares für die Überlebenden."

Paul Steinberg ist es durch seine zeitliche und innere Distanz zu Auschwitz gelungen, seinen Erinnerungen ein beeindruckendes literarisches Format zu verleihen. Er hat eine Erzählhaltung gefunden, die dem fragmentarischen Charakter seiner Erinnerungen gerecht wird. Dazu gehören der Wechsel zwischen erzählenden und reflektierenden Passagen, das Verschmelzen verschiedener Zeitebenen und Bewußtsseinszustände, das Zulassen offener Fragen dort, wo Antworten unmöglich sind. In drei Einschüben, die er Parenthesen nennt, thematisiert Steinberg zudem den Prozeß der Niederschrift. Dabei lautet sein zentrales Problem: ”Ist man denn derart schuldig wenn man überlebt? Diese Frage richtet er direkt an Primo Levi, der zur gleichen Zeit wie Steinberg in Auschwitz gefangen war. Steinberg sagt heute, daß er sich nicht an seinen Mitgefangenen Primo Levi erinnern kann. Levi hat ihn in seinem Buch als einen Häftling namens Henri geschildert. Dieser Henri sticht durch seine Fähigkeit und seinen Willen zum Überleben hervor. Levi schreibt: ”Hart und unnahbar, verschlossen in seinem Panzer, ein Feind aller, unmenschlich, schlau und unbegreiflich wie die Schlange in der Genesis.” In dieser Beschreibung hat Paul Steinberg sich wiedererkannt. "Man weiß, Primo Levi wußte, ich weiß, die seltenen Überlebenden, mit denen ich manchmal zusammenkomme, wissen auch, daß die Edlen, die Generösen, die Adligen gestorben sind, schnell gestorben sind. Um so schneller als sie edel waren. Und die, die überlebt haben, sind diejenigen, die mehr Glück gehabt haben, die schlauer gewesen sind, die Trümpfe in den Händen hatten, die normale Menschen nicht besaßen, aus Glück, wie ich mit dem Chemiebuch. Und diese Tatsache, so bevorzugt zu sein, durch ein so treues Glück, während so viele, die besser waren als wir, diese Chance nicht gehabt haben und verschwunden sind, dieser Gedanke macht es, daß wir uns unwohl fühlen, und daß wir eine gewisse Culpabilität empfinden.

Primo Levi überlebte genau wie Steinberg als Mitglied des sogenannten ”Chemikerkommandos”, das relativ leichte Arbeit in einem geschützten Raum zu verrichten hatte. Im Unterschied zu Levi war Steinberg aber kein studierter Chemiker. Das Herzstück seines Buches, und das Kernstück seines Überlebens, hat er mit ”Der große Bluff” überschrieben. Es gelang Steinberg nämlich, einen deutschen Chemieprofessor der IG-Farben davon zu überzeugen, daß er, Steinberg, ausgezeichnete Kenntnisse der Chemie besäße. Dabei half ihm all das, was er aus seinem Chemiebuch auswendig gelernt hatte. ”’Ist es nun drei oder fünf’, fragte er mich trocken. ‘Drei’, sagte ich, als verbreitetste Wertigkeit. ‘Und fünf’, als sekundäre Wertigkeit. ‘Ich glaube, es gibt ein Oxyd CR2O3 und ebenso ein Oxyd CR2O5. . . ‘Das scheint mir überzeugend’, fügte ich hinzu, weil es doch in beiden Fällen durch die Abgabe von drei oder die Hinzunahme von fünf eine Ergänzung der peripheren Elektronenschale auf acht gibt.’ Er hob seine Brille in die Höhe, und ich hatte den Eindruck, gewonnen zu haben. ‘Ist gut’, sagte er mir, ‘du kannst gehen.’”

Die Glücksfälle, die das Überleben des Paul Steinberg garantierten, lassen sich kaum beziffern: Zuletzt entging er im KZ-Buchenwald als einziger einer Selektion, die die Juden aus Auschwitz betraf. Doch zum Überleben, das macht Steinberg glaubhaft, gehörte nicht nur Glück, sondern auch eine erlernbare Lager-Strategie. Sie bestand darin, sagt Steinberg, die versteckte Logik dieser Antiwelt zu erraten und ihr gemäß zu handeln: "Ich habe den Lagerältesten besucht. Sagte ihm, ich hätte ein Päckchen erhalten und wünsche nun, es mit ihm zu teilen, wegen der vielen Vergünstigungen, die ich durch ihn erhalten hatte. Ich war mir vollkommen im klaren darüber, daß ich mich wie eine Hure benahm; und gleichzeitig fühlte ich mich in der Haut eines Dompteurs, der, nur mit einem Hocker und einem Stück Fleisch bewaffnet, den Tigerkäfig betritt. Ich habe die Schnurrbarthaare des Tigers gestreichelt. Ich stelle mir vor, daß ihm das den Atem verschlagen haben muß. Daß ein einfacher Häftling ihm ein Geschenk überbringen könnte, während er solche wie ihn täglich mit der Schaufel umbrachte - das ist keine Metapher -, das war sicher noch nie vorgekommen und würde auch so schnell nicht wieder geschehen. Er benahm sich wie eine sich zierende Jungfer - ein Doppelzentner von Jungfer -, akzeptierte aber schließlich doch die Dose mit den Sardinen, nicht ohne darauf zu bestehen, mir als Gegenleistung eine Wurst zuzustecken. Das hat sich als die gewinnbringendste Anlage meines Lebens herausgestellt, die Dividenden sind reichlich geflossen."

Nach der Lektüre von Steinbergs ”Chronik aus einer Dunklen Welt” füllt sich der Satz, daß es aus Auschwitz kein Entkommen gibt, mit neuem Sinn. Selbst wenn es dem Überlebenden gelänge, sich von den Bildern seiner Vergangenheit zu befreien, so bliebe doch der eigene Vorwurf des Überlebt-Habens. Paul Steinberg ist diesem Vorwurf begegnet, indem er Auschwitz als ein Ereignis definiert, das alle Kategorien zur Beurteilung menschlichen Handelns sprengt. Die Metapher vom ”Schwarzen Loch” bezeichnet auch einen Ausnahmezustand des menschlichen Ethos und der Vorstellungskraft. "Das Vernichtungslager ist ein schwarzes Loch, das sich für zwei, drei Jahre auf der Erde aufgehalten hat. Es hat Millionen Leute verschlungen und enorme Energien zu Null gemacht. Und dann ist das schwarze Loch wieder weitergefahren. Es kommt wohl nie wieder zurück, die Probabilitäten sind eins zu hundert Milliarden. Aber die Tatsache, daß es außer unserer Reichweite liegt, ist gerade die Tatsache, die es unmöglich macht, diese Welt wiederzugeben, nicht nur für die, die es nicht erlebt haben, sondern auch für uns, die es erlebt haben. Wir können nicht mehr diese Welt als real beschreiben und empfinden. Wenn wir dazu fähig gewesen wären, wären wir heute nicht mehr da, um als Zeugen zu dienen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk