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StartseiteCorsoDie Wirkkraft von 196808.02.2018

Performance an den Münchner KammerspielenDie Wirkkraft von 1968

Mehrere Künstlergruppen setzen sich in den Münchener Kammerspielen mit der bewegten Zeit um 1968 auseinander. Dramaturg Tarun Kade sagte im Dlf, man wolle die Kraft, mit denen Intellektuelle früher politisch waren, nochmal neu anzapfen. "Damals wurde aggressiv gegen das System gekämpft - heute wird weich für den Einzelnen gekämpft."

Tarun Kade im Corsogespräch mit Adalbert Siniawski

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Dichtgedrängt stehen Demonstranten auf der Fußgänger-Notbrücke über dem Münchner Stachus; die Straßenbahnen wurden von den sitzenden Demonstranten blockiert. Am 29.05.1968, dem Vortag der dritten Lesung der Notstandsgesetze im Bonner Bundestag, demonstrierten in München tausende Studenten, Schüler, Arbeiter und Angestellte.  (picture alliance / dpa )
Demonstration gegen Notstandsgesetze in München 1968. "Für uns war es nicht so wichtig, sich tatsächlich historisch auseinanderzusetzen, sondern zu gucken, was sind da für Themen vorhanden gewesen ´68", sagte Dramaturg Tarun Kade im Dlf (picture alliance / dpa )
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Adalbert Siniawski: Mai 1968: Studentenrevolte, Attentat auf Rudi Dutschke und Martin Luther King, die BRD verabschiedet die umstrittenen Notstandsgesetze. Und die Kammerspiele in München reagieren: Schauspieler unterbrechen eine Aufführung und protestieren zehn Minuten lang mit einer Resolution gegen die Notstandsgesetzgebung – weitere Bühnen in Deutschland schließen sich mit Protesten an.

Und nur zwei Monate später ein neuer Eklat: Nach einer Aufführung des politisch-dokumentarischen Stücks "Viet Nam Diskurs" von Peter Weiss fordert Schauspieler Wolfgang Neuss das Publikum auf, für Waffen an den Vietkong zu spenden. Der Verwaltungsdirektor schäumt; Wolfgang Neuss sieht einen Eingriff in die künstlerische Freiheit und geht, Regisseur Peter Stein wird entlassen, das Stück abgesetzt.

Tarun Kade, Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, was war das für eine Zeit damals, was bedeutete dieser Eklat für Ihr Theater?

Tarun Kade: Ich hab da ja nicht gelebt, insofern weiß ich auch nicht genau, was das für eine Zeit war. Was auf jeden Fall war, dass quasi die Institutionen eher deutlich der Gegner waren. Also die 68er haben Theater auch nicht so gerne im Theater gemacht, sondern sind lieber rausgegangen auf die Straße. Und das, was hier passiert ist, bei dieser Aufführung vom Vietnam-Diskurs, ist, dass, was ästhetische Praxis war - was Theater, was Kunst sein sollte - zu einer politischen Aktion wurde. Und das hat dann gleich einen Skandal ausgelöst.

In totaler Ideologie-Überzeugung völlig aus der Spur gelaufen

Siniawski: Sie sind Jahrgang 1984, haben diese Zeit also nicht miterlebt. Wenn Sie sich mit ihren älteren Kolleginnen und –Kollegen unterhalten: Blicken Sie unterschiedlich auf die Theaterrevolte von '68?

Kade: Wir haben mit dem Dramaturgen dieses Stücks gesprochen, und der hat eigentlich gesagt, dass die Leute, die damals die totalen Hardliner waren, sich viel stärker distanziert haben, und diejenigen, die damals so Mitläufer waren, im Nachhinein eigentlich diese Verklärung dieses Mythos "'68" betrieben haben. Denn er hat gesagt, dass das, was die damals gemacht haben, das war auch total rücksichtslos und brutal z.B. gegenüber Professoren, die sie aufs Tribunal gestellt haben, und die sie so lange nicht aus dem Raum gelassen haben, bis sie sich in die Hose gemacht haben. Also die haben selber festgestellt, dass sie in so einer totalen Ideologie-Überzeugung dann eben auch manchmal völlig aus der Spur gelaufen sind.

Siniawski: Also gibt es da doch eine vielleicht kritische Auseinandersetzung. Zusammen mit Johanna Höhmann haben Sie den Performanceabend "1968 – Eine Besetzung der Kammerspiele" in Erinnerung an den Eklat rund um "Viet Nam Diskurs" konzipiert – heute ist Premiere an den Kammerspielen. Mit dabei sind etwa Elfride Jelinek, das Duo Gintersdorfer/Klaßen und das Kollektiv "Raumlabor Berlin". Was wird heute Abend zu sehen sein? Auch so eine kritische, selbstkritische Auseinandersetzung?

Kade: Also für uns war nicht so wichtig, sich tatsächlich historisch auseinanderzusetzen, sondern zu gucken, was sind da für Themen vorhanden gewesen ´68, auf die wir von heute aus nochmal gucken können. Und zu gucken, wohin kann man das letztlich treiben für eine Zukunft vielleicht auch. Und dafür haben wir acht verschiedene Gruppen, Regisseurinnen und Regisseure eingeladen, jeweils subjektive Perspektiven zu entwickeln. Und was dabei passiert ist, ist, dass da sehr, sehr unterschiedliche Abende bei rausgekommen sind. Und das war uns wichtig, dass man nicht sagt: "Okay, ´68 war das oder ´68 war das", sondern ´68 war eigentlich ziemlich vieles, das aber trotzdem unter diesem Label "´68" zusammengefasst wird und gerade deswegen so eine große Wirkkraft entwickeln konnte, dass da sehr unterschiedliche Gruppen trotzdem gemeinsam sehr stark wurden.

Wir haben noch länger mit Tarun Kade gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Siniawski: Aber wie setzen die Theatermacher das z.B. um? Greifen Sie ein Beispiel heraus vielleicht!

Kade: Zum Beispiel Leonie Böhm, eine junge Regisseurin, setzt sich eben genau mit dieser Spendensammlung nach der "Viet Nam Diskurs" Aufführung auseinander und sie dreht die ganze Sache um und sagt, wir sind eigentlich in einer anderen Zeit. Während damals aggressiv gegen das System gekämpft wurde, wird heute weich für den Einzelnen gekämpft. Und zum Beispiel die Gruppe Gintersdorfer/Klaßen fragen, wie kann man die Kraft, mit denen Intellektuelle früher politisch waren und politisch auf die Straße gegangen sind und aktiv waren, nochmal neu anzapfen.

Siniawski: ´68 wird aus heutiger Sicht gern als Label vor sich hingetragen - Macht-kaputt-was-Euch-kaputt-macht-Graffiti, Che Guevara auf T-Shirts und so weiter. Mit scheint es schon so, als ob sich unsere Generation eher aus Lifestyle-Gründen für ´68 interessiert, während man heute selber träge ist. Gegen die Ausspähprogramme der Geheimdienste zum Beispiel – Stichwort NSA, Snowden, Prism und Tempora – gingen nur wenige junge Leute auf die Straße. Eine Revolte wie '68 blieb aus. Was ist los mit uns? Sie sagten, Sie finden es gut, dass man damals eben zusammen für eine Sache eingestanden ist. Fehlt das nicht heute?

Kade: Ja, absolut! Ich glaube, die Vereinzelung ist das zentrale Problem, dass man nicht gemeinsam diese Kraft entwickeln kann. Und das liegt vielleicht auch daran, dass klassische Institutionen, oder auch die Tageschau oder so, ist eben nicht mehr das zentrale Medium, über das kommuniziert wird. Sondern über Online Medien und Social Media sind das alles so Kleinstkanäle, und deswegen ist das deutlich diverser, würde ich sage. Gleichzeitig, und das ist eben der Versuch von unserem Abend, würde ich sagen, dass man diese verschiedenen Zugänge zusammen bringt. Das war schon unsere Hoffnung, dass darüber eine Kommunikation entsteht, die bestimmt nicht das ganze Land oder die ganze Welt verändert, aber trotzdem einen Einblick dahin bringt, was es heißt, wenn man etwas zusammen macht. Selbst wenn Leute ganz, ganz unterschiedliche Perspektiven auf Theater und die Welt haben.

In den 70er Jahren eine Luxussituation am Theater

Siniawski: Kommen wir nochmal ganz kurz auf die Machart des "Viet Nam Diskurs" zu sprechen. Das war ja dokumentarisches und politisches Theater im besten Sinne. Die Geschichte des Landes vom Altertum bis zum Bürgerkrieg 1955 oder bis zum Beginn des Bürgerkriegs. Peter Weiss hat für das Stück mehr als 100 Bücher gelesen. Ist dieser Ansatz eine Art Vorbild für Sie als Dramaturg?

Kade: Ganz praktisch ist das überhaupt nicht so wie ich arbeite. Es gab in den 70er Jahren auch sowas wie eine Luxussituation am Theater, dass die monatelang geprobt haben und ganz viel Zeit hatten und ganz viel gelesen haben. Und das ist auf diese Art und Weise nicht mehr möglich. Und andererseits bedeutet natürlich diese schnelle Kommunikation eben auch, dass man näher dran ist an dem, was passiert und näher dran ist an den einzelnen Menschen. Ich finde auch das zweischneidig, aber ich würde mir auch wünschen, mich mal ein halbes Jahr mit einem Thema auseinandersetzen zu können.

Siniawski: Tarun Kade zusammen mit Johanna Höhmann hat er den Performanceabend "1968 – Eine Besetzung der Kammerspiele" inszeniert. Heute ist Premiere. Aufführungen dann im Anschluss bis Mitte März in München. Viel Erfolg dabei und herzlichen das für das Corsogespräch!

Kade: Vielen Dank!

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