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StartseiteBüchermarktPermanente Information als Lebensprinzip18.03.2009

Permanente Information als Lebensprinzip

Manfred Faßler: "Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie". Wilhelm Fink Verlag.

Manfred Faßler, geboren 1949, lehrt seit dem Jahr 2000 am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Künstliche Intelligenz, Kommunikationstheorie und Netztechnologien. Sein vorliegendes Werk will nun die Argumentation für die Existenz des infogenen Menschen führen.

Rezension von Bernd Mattheus

Zugang zur Information, überall, immer (AP)
Zugang zur Information, überall, immer (AP)

Die These als Buchtitel fordert zu der Frage heraus, inwieweit dem Autor der Beweis gelungen ist. "Infogen" meint zunächst nur "zur Information befähigt oder disponiert", quasi ein Synonym des Homo sapiens sapiens. Faßlers multidisziplinärer Ansatz – Informatik, Neurobiologie, Soziologie, Anthropologie einschließend -, zielt auf die Ergründung der "infogenen Lebensbedingungen des Menschen."

Sein Menschenbild beschreibt besagten Homo sapiens als "Informationsproduzenten" sowie "Informationskonsumenten", und dies praktisch seit mehr als 20 000 Jahren, der Epoche der Höhlenzeichnungen. Infogen sei das Grundprinzip "dynamischer Wechselwirkungen von Mensch und Umwelt", anders gesagt: "Permanente Information" sei das "Lebensprinzip" per se. Einstmals nannte man dies den Imperativ zur Kommunikation. Zur enthusiastischen Affirmation des Primats der Information zählt konsequenterweise die Konvergenz von Mensch und Maschine beziehungsweise Rechner. Es sei "nicht ausgeschlossen", lesen wir, "dass der digitale Menschenkörper zum Mischprodukt von Naturwissenschaften, Medizin und Informatik wird, eine Art Wahrnehmungshybrid, ein datentechnisches Supermodell." Wie man sich den geklonten "digitalen Menschenkörper" vorzustellen habe, verrät der Autor nicht. Ich vermute einen Anthropos, erweitert, optimiert dank intelligenter Computer, wie ihn Oswald Wiener vor bald 40 Jahren imaginierte.
Möglichen Einwänden an diesem reduktionistischen Modell des Menschen, ein von Input und Output konditioniertes Neutrum, sucht Faßler vorzubeugen. Bündig heißt es:

Ganz gleich, wie weit manche versuchen, den Daten-Programmen und Informations-Systemen entgehen zu wollen: wir treffen uns immer wieder am Daten- und Informations-Stammtisch des Menschen, sekündlich." Weiter, wider die nostalgischen Feingeister und Kulturkritiker: "Die normativen, ökonomischen, ja auch philosophischen und soziologischen Verteidigungsgesten vergreisen.

Den Vergleich von Denken und Rechnen, ein beliebtes Paradigma in der Schule des logischen Positivismus, verwarf Ludwig Wittgenstein ab dem Augenblick, als er das Problem des Schmerzes reflektierte sowie dessen sprachliche Nicht-Mitteilbarkeit. Gleichwohl zitiert Faßler Søren Brier, einen späten Anhänger dieser Lehrmeinung: "Leben heißt also, eine Realität errechnen." Dieser armselige Mensch wäre also darauf beschränkt, die Sorge um Gegenwart wie Zukunft kalkulierend in Schach zu halten. In einer solchen beschränkten, rationalistischen Ökonomie gibt es keinen Platz für Wünschen und Begehren, Fantasien, Poesie, Kunstübungen, Wachträume oder Irrationales.

In seinem "Entwurf einer Anthropologie" postuliert der Autor eine "zutiefst unaufgeklärte Welt", der mit "Erleuchtung 2.0" abgeholfen werden soll. Faßlers Buch enthält einiges an utopischem Potenzial und wandelt sich in den entsprechenden Passagen zum Pamphlet. Als antiquiert abgehakt werden Großtheorien, die wir mit den Namen Marx, Freud, Oswald Spengler, Kritische Theorie, Frankfurter Schule, Semiologie und so weiter verbinden. Die "Anthropologie des Unbeständigen" beende nicht allein die "Gutenberg-Galaxis", sie verspricht darüber hinaus die Abschaffung von "territorialer Gesellschaft und Kultur", des weiteren nichts weniger, als dass die tradierten ökonomischen und politischen "Betriebssysteme" des Kapitalismus obsolet werden. Faßler konstatiert das Ende "sozialer Permanenz", erklärt folglich jeglichen "Sozialzentrismus" für überholt. Der identitätsstiftende Zusammenhang ist nicht mehr zu haben. Das offene System der latenten oder "unbeständigen Anthropologie" mache Prophezeiungen und Utopien sinnfällig. Dennoch wartet der Optimist mit solchen auf. Notfalls sollen Zahlen schwache Argumente stützen. Nach nur 25 Jahren PC sind global eine Milliarde Menschen vernetzt, etwa zwei Milliarden unterwegs, die Billion ist absehbar, in Sicht. Massenhafte Mediennutzung lässt Rückschlüsse auf Faszination zu, nicht aber auf Inhalte oder qualitative Veränderungen des geistigen Horizonts der User, würde ich einwenden.

Wenn sich philosophisches Denken, sei es auch explizit anti-metaphysisch, auf die Einführung neuer Begriffe reduzieren ließe, erfüllte "Der infogene Mensch" dieses Kriterium vollkommen. Faßler aber möchte durch den inflationären Gebrauch des Terminus "Information" lediglich seine These zementieren. Unfreiwillig oder nicht formuliert der Verächter von Schrift, Vorschrift und Gesetz eine neue Doxa. Dabei werden sowohl kognitive als auch emotionale Prozesse übersetzt in Termini der Informatik. So ist die Rede von "informationeller Intelligenz", nicht von Insight oder etwa Weisheit. "Geist" verkommt zu "Informationen", das Gehirn mutiert zum "High-End Monitor". Die überlebensnotwendige Kooperation zwischen den Sterblichen schrumpft zum ungeschminkt zynischen "egoistischen Altruismus". Welch treffliche Zeitdiagnose! Chapeau. Zu Makulatur geworden sind Empathie, Solidarität, Verbundenheit.

"Ich verwende Information als Entstehungsprinzip menschlicher Ordnung, als Prinzip der infogenen Realität."

Abstrahierend können wir durchaus von einer Welt ohne Grenzen durch das WorldWideNetwork (www) sprechen. Wie aber die "globale Raum-Guerilla" Faßlers das archaische, darwinistische Kampf-Bild vom "survival of the fittest" ersetzen will durch das Konzept der Koordinierung und Kooperation, bleibt unklar. Ermöglicht andererseits nicht erst die Digitalisierung die perfekteste, klandestine Überwachung aller Netz-Teilnehmer, begünstigt sie nicht auch autoritäre Herrschaft, Macht, Kontrolle seitens des Staates? Sind nicht vom einstigen Video-hype nur die Überwachungskameras allerorten geblieben, die uns zu unfreiwilligen Statisten machen? Ist der Konflikt technokratischer "Nihilismus" versus fundamentalistischer "Obskurantismus" nicht virulenter denn je? In der Formel von "informationeller Koevolution von Denken, erfundene(r) Umwelt, gemachte(r) Umwelt und Naturgesetzen" ist bezeichnenderweise kein Raum für Vorstellungen wie Glück, Sakrales oder Ekstase. Die bessere Welt in Reichweite per Mausklick? Das Spiel-Programm "Second Life" verspricht immerhin ein virtuelles Agieren jenseits der Beschränkungen der realen Welt. Evident die pseudoreligiösen Konnotationen, denn nur im paradiesischen "Zweiten Leben" gelten wahrscheinlich keine Schranken mehr. Ein Doppel- oder Mehrfachleben, mehr oder weniger infantile Rollenspiele waren allerdings vor aller digitalen Revolution möglich.

Formal ist Faßlers Buch leider eine Katastrophe. Abgesehen von zahllosen Redundanzen fallen unangenehm banale Web-Bildchen auf, absurde Verweise auf Web-Sites, da vergänglich, tabellatorische, nicht ausformulierte Themenskizzierungen. Schweigen wir von der fast abwesenden Orthographie: Autor und Lektorat - falls überhaupt vorhanden – hätten mit etwas mehr Sorgfalt ein lesbares Werk zustandebringen können.

Manfred Faßler: Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie.
Wilhelm Fink Verlag, München 2008. 336 S., Euro 29,90

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