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StartseiteAus Religion und GesellschaftWeder Ketzer bin ich noch Muslim30.08.2017

Persischer Poet Fariduddin AttarWeder Ketzer bin ich noch Muslim

Er gilt als der "islamische Hiob": der Mystiker und Poet Fariduddin Attar. Er lebte im 12. Jahrhundert in Persien. Seine Gedanken wirken bis heute aktuell. Der Zweifler und Skeptiker wendet sich mit seinen Geschichten immer wieder gegen Gewalt, Intoleranz und religiösen Dogmatismus.

Von Burkhard Reinartz

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Ausschnitt aus dem Buchcover Attar - Das Buch der Leiden, C.H. Beck Verlag 2017 (C.H. Beck Verlag)
Eines der bekanntesten Werke des Mystikers Fariduddin Attar: das "Buch der Leiden". (C.H. Beck Verlag)
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Zornige Gebete

"Du wohnst in meiner Seele immer drinnen;
ich bin die Schale, Du der Kern tief innen.
Das Herz Attars ward voller blutger Wunden
bis er die Einung mit dem Freund gefunden.
Durch Dein Gnade gabst Du Hoffnung mir -
vereine nun in Liebe mich mit Dir!

Oh Wunder, dass Du sichtbar und verhüllt.
Du bist der, der - ohne Herz - den Herzgrund füllt.
Nur Namen hat die Welt von dir, kein Zeichen;
nicht kann dich schauender Verstand erreichen.
Verborgen dem Verstand, im Dasein sichtbar
zeigst du den Abglanz deines Wesens lichtklar."

Der Zyklus "Das Buch Gottes" ist untypisch für den persischen Mystiker und Poeten Fariduddin Attar. So uneingeschränkt und ohne Vorbehalt preist Attar das Absolute nur in wenigen Werken. In vielen anderen Schriften überwiegen Zweifel - bis hin zur Verzweiflung angesichts des Leidens in der Welt. Es ist ein schmerzhafter Weg aus der Dunkelheit ins Licht.

"Alles ist eins, allein ich kenne es nicht.
Wenn es einen Weg gibt, ich kenne ihn nicht.
Je länger der Mensch geht desto ferner rückt sein Ziel,
Verirrt ist er, von Stund' zu Stund' mehr.
Über die Ewigkeit hinaus will der Weg gegangen sein,
Muss waten die Menschheit in Blut."

Der Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi (Deutschlandradio / Volker Finthammer)"Attar beherrscht alle Kunstformen der klassischen persischen Poesie", so Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi. (Deutschlandradio / Volker Finthammer)

"Attar ist ein unheimlich tiefgründiger Dichter", sagt Milad Karimi. "Er beherrscht alle Kunstformen der klassischen persischen Poesie. Er ist durchströmt von Wortspielen, die kaum übersetzbar sind. Und zugleich ist er ein Dunkler, ein Düsterer, der die dichterische Form nutzt, um etwas zu sagen, was prosaisch kaum sagbar wäre. Insofern ist er nicht so zugänglich wie ein Rumi, der in seinem Divan gleichsam Formulierungen findet, die wir beim ersten Lesen auswendig können. So ist Attar nicht."

Schwarze, düstere, pessimistische Mystik

Milad Karimi ist seit 2016 Professor für islamische Philosophie und Mystik an der westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Mit 13 Jahren flüchtete er mit seiner Familie aus den Wirren des afghanischen Bürgerkriegs nach Deutschland.

"Es ist so, dass die islamische Mystik die spirituelle Seite der Religion des Islams darstellt. Die Besonderheiten sind im Kleinen zu finden. Was das Islamische bei allen Mystikern ist, ist die Sehnsucht, die sie trägt. Leben wird übersetzt als eine Reise zu Gott, als eine Reise zum Ursprung und man will mit diesem Weg die Nähe Gottes erreichen."

Geschichten für die spirituelle Heilung

Über das Leben Attars ist relativ wenig bekannt. Gesichert scheint zu sein, dass er Mitte des 12. Jahrhunderts im persischen Nischapur geboren wurde. Eine Legende erzählt, er sei von den Mongolen Dschingis Khans getötet worden, als sie Teile der islamischen Welt eroberten. Der Name Attar bedeutet Drogist. Fariduddin Attar handelte - wie alte Chroniken berichten - mit Duftstoffen und Heilmitteln. Der Legende nach gab er seinen Kunden nicht nur materielle Mittel mit auf den Weg, sondern Geschichten, die sie zu dem führen sollten, was für Attar das höchste spirituelle Ziel ist: eine im Meer der Seele verborgene Perle, in der Mensch und Gott sich vereinen. Attars Interesse für Themen und Motive der islamischen Mystik, dem Sufismus, begann schon früh.

"Von Kindheit an habe ich mich ohne Grund zu den Sufis hingezogen gefühlt. Die Zeit und die Freude meines Herzens gehörten schon damals ihren Worten."

Typisch für Attar: seine kritische Haltung gegenüber allen Pervertierungen und Verkrustungen von Religion - und auch gegenüber allen Heucheleien:

"Heute gebärdet sich jeder Dahergelaufene als Mystiker."

Oder in Anspielung auf die heiligen Tänze der Sufis:

"Den Knoten löst du niemals auf,
Sinn weder im Leben noch im Tod.
Das weiß ich nur, soviel ich mich auch drehe, drehe, drehe,
Dass ich nichts weiß, nichts weiß, nichts weiß.
Und wenn ich alles weiß, ich wüsste dennoch nichts."

Tanzende Derwische treten in der Tanzhalle des Mevlana Mausoleums in Konya in der Türkei auf. (dpa/ picture-alliance/ epa/ Kerim Okten)"Das weiß ich nur, soviel ich mich auch drehe, drehe, drehe, dass ich nichts weiß, nichts weiß, nichts weiß." In Anspielung an tanzende Derwische. (dpa/ picture-alliance/ epa/ Kerim Okten)

Attar hat ein umfangreiches Werk hinterlassen. Neben dem frühen "Diwan", sechs Versepen, den "Masnawis", und dem "Buch Gottes" sind seine bekanntesten Werke das "Buch der Leiden" und die "Vogelgespräche". Seit dem Altertum gilt der Vogel als archetypisches Seelentier, das im Tod seinen körperlichen Käfig verlässt und ewige Freiheit findet - so wie es auch etliche Mythen des islamischen Kulturraums besingen. 

Wiedehopf (Upupa epops) beim Anflug auf seine Nisthoehle mit Kaefer im Schnabel, aufgenommen in Ungarn (imago/blickwinkel)Der Wiedehopf ist in Attars "Vogelgesprächen" der König der Vögel. (imago/blickwinkel)

Milad Karimi:

"In seinem Werk "Die Vogelgespräche" beschreibt Attar die Reise der Vögel zu einem Königsvogel. Die Vögel aller Welt versammeln sich und entscheiden, zu ihrem König zu gelangen. Der Weg ist dann in Stationen, in Tälern aufgebaut, um dort unterschiedliche Erfahrungen zu machen, die Attar bildreich beschreibt, und am Ende bleiben von so vielen 1.000 Vögeln nur 30 übrig und auf Persisch heißt 30 Vögel si murgh, die zum Königsvogel dann gelangen, der auch Simurgh heißt, nur zusammengeschrieben."

Die Faszination der "Vogelgespräche" liegt nicht zuletzt daran, dass Attar es verstand, die unterschiedlichsten Charaktereigenschaften von Menschen durch verschiedene Vogeltypen darzustellen: Stolz, Schwäche, Hochmut, Angst. Künstler aus aller Welt wie der englische Theaterregisseur Peter Brook brachten Attars Werk auf die Bühne: die beschwerliche Reise durch sieben Täler, um sich von den eigenen Vorstellungen und Wünschen zu lösen und zu reinigen.

"So gingen sie durch Tal und Hänge,
und aufgebraucht war ihres Lebens Länge.
Was ihnen auf dem Wege da erschien -
wie kennt ich die Antwort auf die Frage?
Wenn eines Tages du den Weg betrittst,
siehst du die Pässe dieses Weges alle
und weißt dann auch, was jene dort erlebten
und dir wird klar, wie viel sie Blut getrunken!
Und schließlich fanden aus dem ganzen Heer
nur wenige den Weg bis an das Ziel.

Was sie getan, und was sie nicht getan, ach:
von ihrer Brust ward alles ausgewischt!
Die Nähe Gottes strahlte ihnen auf,
und ihre Seele leuchtete von Strahlen.
Von ihrer Wangen Widerschein erblickten
die 30 Vögel Simurghs Angesicht!
Als diese Vögel um sich schauten,
da waren sie, si murgh, der Simurgh selbst!
Vor Staunen dreht ihnen sich der Kopf,
sie wussten nicht - war dieses Er, waren sie's?
Sie sahen sich als Simurgh ganz und gar
und auch als si murgh, 30 Vögel, klar!
Denn der war jener, jener war auch diese -
so etwas hörte nie man in der Welt.

Und Antwort kam vom König ohne Wort:
Die HOHEIT ist ein Spiegel, wie die Sonne,
denn wer hierher kommt, sieht sich selbst in ihm.

Hier ist der Worte Ende nun genaht -
kein Wandrer blieb, kein Führer und kein Pfad."

Die Suche nach Selbsterkenntnis endet niemals

"Diese Reise zeigt, dass, wenn sie am Ende vor dem majestätischen Königsvogel stehen, im Angesicht des höchsten Vogels sich selbst erkennen, sodass man mit dem prophetischen Wort sagen kann - Muhammed hat es einmal gesagt: Gotteserkenntnis ist Selbsterkenntnis."

Auch wenn Attar in den "Vogelgesprächen" die Geschichte zu einem guten Ende kommen lässt, spricht er sich deutlich gegen die Idee aus, der Mensch könne in einer letzten Erkenntnis ankommen.

"Attar schreibt einmal expressis verbis, dass das Suchen niemals enden kann. Wir sind immer auf der Suche."

Um die Gedankenwelt Attars zu verstehen, empfiehlt der Islamwissenschaftler Milad Karimi die "Reise der Vögel" und das extrem düstere "Buch der Leiden" parallel zu lesen, Schriften die zwei ganz unterschiedliche Reisen beschreiben. Einmal die Reise der Vögel,

"… die eine gelingende, eine schöne Reise ist. Sehr beschwerlich die einzelnen Wege, aber es ist dennoch ein ganz eigener Weg, da die Sehnsucht der Vögel am Ende im höchsten Sinne gestillt wird. Aber die andere Reise, die innere Reise der Seele, beschreibt eine ganz andere Frage, wo auch die altgriechische Frage zur Entscheidung steht, ob das Leben eine Komödie oder eine Tragödie ist. Und wir tun gut daran, uns die Welt nicht vereinfacht vorzustellen. Wir leben in einer Welt von Schmerz, von Elend, von Ungerechtigkeit. Und wir stehen hier und meinen, wir sind religiös und haben einen guten Gott, der alles zum Guten erhebt. Aber zu erkennen, dass jedes Leid auch mein eigenes Leid ist, könnte eine gute religiöse Perspektive sein, die die religiösen Menschen zur Verantwortung bringt, sich zu mobilisieren für das Gute."

Das völlige Verbrennen auf dem spirituellen Pfad

Eines der Bilder, das Attar auf der Reise zum Göttlichen immer wieder gebraucht, ist das Gleichnis vom Falter und der Flamme.

"Als schließlich seines Gesichtes Kerze entflammte,
verbrannten wir gleich wie Falter unsere Schwingen.
All die Liebenden, die
gleich wie der Falter, der schwache,
geben ihr Leben aus Sehnsucht
nach deines Angesichts Flamme,
sagten zu mir: "Oh, entwerde
doch deiner Existenz;
denn wenn du so entwirst,
werden dir Herzen geschenkt."

Für Attar zählt nur das völlige Verbrennen auf dem spirituellen Pfad. Nur die Schönheit der Flamme zu schauen und sich an ihr zu wärmen, genügt nicht. Nur wer sich ganz dem Verbrennen des "Entwerdens" hingibt, erlebt das, was Johann Wolfgang von Goethe Jahrhunderte später mit den Worten "Stirb und werde" ausgedrückt hat. Attar beschreibt in seinem Werk diesen Prozess in immer neuen Variationen, so in dem Bild vom Meer und dem Tropfen im Ozean:

"Verschwinden im Verschwinden ist meine Religion.
Und Nicht-Sein im Bestehen, das ist mein Ritus, ja!
Ich verlor mich in mir so,
dass ich von mir selbst verschwand,
war ein Tropfen aus dem Meer und versank im Ozean.
Fiel in ein Meer, dessen Strand ich nicht sehe;
mich traf solch ein Schmerz, dass ich Heilung nicht sehe.

Du, der ganz ohne Zeichen -
wo such' dein Zeichen ich?
Verloren sich die Welten in Dir - wo such ich Dich?

So sehr ich nachgedacht, so viel ich Dein gedacht,
solang ich auf dem Weg war - hab nichts
als dich gesehen!
Ich bin so gänzlich nun von meinem Selbst entworden,
Entwerdens Süße fand ich nur im Bleiben Deiner Liebe.
Ich weiß nicht, bin ich - oder bin ich nicht?"

"Es kommt am Ende doch die wandernde, die denkende Seele, zu ihrem Ursprung, erkennt sich selbst, aber diesen Weg dahin beschreibt Attar unglaublich düster, sodass wir einfach auf uns gestellt sind in dieser Welt und in dieser Welt gibt es keine erlösende Formel, wie alles gehen kann. Und ich sehe in Attar einen vorzüglichen muslimischen Denker, der für uns heute wichtig sein kann, weil er eine ganz bestimmte Perspektive auf Religion hat. Er ist jemand, der innerhalb der Religion Religions-Kritik betreibt. Und das ist Attars Lektion: Nur jemand kann Gott schmecken, der die Welt geschmeckt hat; nur wer die Welt schmeckt, weiß, dass sie nicht nur süß ist."

Islamischer Hiob

Faridduddin Attar betont das Leiden. Deshalb geht Milad Karimi so weit, Attar als einen islamischen Hiob zu bezeichnen.

"Hiob als Inbegriff eines Menschen, der an Gott glaubt, aber an Gott verzweifelt. Diese einseitige, diese glättende, diese nahezu infantile Weise, Religion als eine rosarote Gemeinschaft sich vorzustellen, wo alle sich lieb haben und Gott nur barmherzig ist, das ist das, wogegen Attar rebelliert. Das Leid in der Welt erkennen und sich fragen, was das heißt, überhaupt religiös zu sein."

In der islamischen Welt des Nahen Ostens seien Klagen und Zweifel weit verbreitet.

"Im Unterschied zu einer christlichen Denkgeschichte, wo Religionskritik vor allem aus der atheistisch geprägten Position im 18. und 19. Jahrhundert erhoben wird, aber nicht innerhalb der Religion diese Gottanklage und -verzweiflung laut wird. Immer dann, wenn man meint, man hätte Gott, dass wir über ihn verfügen, dass wir wissen, wohin die Reise des Lebens führt, dann ist das eine pervertierte Form der Religiosität. Religiös zu sein, heißt immer auch mit Gott zu hadern, dass man vor ihm wie Navid Kerami einmal sagte, "bangend liebend" steht und nicht nur in infantiler Geborgenheit. Attar sagt ja, ich bin weder Ketzer noch Muslim, eine Aussage, die später Rumi nahezu eins zu eins übernimmt. Der sagt, ich bin weder Christ noch Jude noch Feueranbeter noch Muslim. Und beide Mystiker meinen dasselbe: es geht nicht um Namen und Etiketten, die wir vor uns her tragen. Es geht darum, zu erkennen, was es heißt, ein Christ, ein Muslim zu sein. Und das ist weit mehr als bloß der Name. Und in diesem Sinne ist Attar einer, der ein Zwischenweltler ist, einer der zwischen allem steht, der innerhalb der Religiosität ein großer Religionskritiker ist - und indem er Gott liebt, sich auch vor Gott fürchtet."

"Euch fesselt Brauch, Würde und Amt"

In vielen Lehrgeschichten vergleicht Attar religiöse Würdenträger mit Menschen aus dem einfachen Volk - etwa mit einem Latrinenputzer. Und er empfiehlt den Mullahs, sich an der Armut und Barmherzigkeit dieser Menschen ein Beispiel zu nehmen.

"Schlösser habt ihr wie die Kaiser,
Gewänder habt ihr hübscher als die Damen.
Eure Eigenschaften, würdig des Königs Schaddad.
Größenwahn, Gier und zu gefallen der Welt.
Dies alles sind eure Merkmale und schlimmeres noch.
Nur eines ist euch fremd: der Glaube Mohameds.
Euch fesselt Brauch, Würde und Amt, ob Tag oder Nacht.
Nur von einem seid ihr frei: vom Glauben Mohameds."

Für Milad Karimi ist Attar gerade heute ein wichtiger muslimischer Denker, weil er radikale Fragen gestellt hat, die an die Substanz des Nachdenkens über Transzendenz gehen. Heute könnten Fragen im Geiste Attars so lauten:

"Wo ist der Raum des Religiösen? Was bringt die Religion überhaupt, was wir sonst nicht haben können, wenn wir uns nur in Events verlieren? Denken Sie an Kirchentage und so weiter. Das ist alles wunderbar, aber wo ist im Alltag die Religion zuhause und wer braucht die heute noch im 21. Jahrhundert? Und da ist Attar wichtig, der von innen heraus die Religion entfaltet."

Mystik als wichtiger Impulsgeber für einen modernen Islam

Auch angesichts fanatischer Fundamentalisten stellt sich für Milad Karimi die Frage, was für einen Islam Muslime heute brauchen.

"Da merken Sie, dass gerade die pervertierten Strömungen religiöser Prägung, die Extremisten, die Salafisten, Wahabisten und wie sie alle heißen mögen, dass sie zutiefst unmystisch sind. Das sind gerade diejenigen, die ganz genau wissen, was Gott ist und was Gott von ihnen will. Sie sind nahezu der manifestierte Wille Gottes in Person. Vor denen habe ich Angst, weil sie zu sehr überzeugt sind von sich selbst und ihrem eigenen Gott, während die Mystik wäre heute ein wichtiger Impulsgeber eines modernen Islams, weil wir erkennen, dass wir zutiefst in unserer Tradition verankert sind. Traditionsbruch ist das, was die Extremisten betreiben."

Selbst ein großer Zweifler und Skeptiker wendet sich der düster-schwarze Mystiker Attar in seinem Werk immer wieder gegen Gewalt, Intoleranz und religiösen Dogmatismus. In einer Lehrgeschichte bezieht er sich wahrscheinlich auf gewaltsame Konflikte zwischen Hanafiten und Schafiiten im 12. Jahrhundert im persischen Eschapur. Dabei wurden mehrere Moscheen zerstört. Attar stellt den Streit zwischen Rechtsschulen oder Konfessionen infrage - und zwar grundsätzlich. Eine Position, die gerade erstaunlich aktuell wirkt.

"Ein Schiit wird gefragt, zu welcher islamischen Konfession er sich bekenne, welchen Ritus er ausübe."

"Fragt man nach so etwas, du widerlicher Kerl?!
Religionen gibt es zahllos, Wege und Völker,
Dein Leben reicht nicht aus, sie zu zählen.
Magst du auch nicht gemein werden mit allen,
Laß ab, dein Schwert gegen jeden zu zücken,
Du bist nur einer, versetz dich in die anderen,
auf das in Eintracht lebe der eine mit dem anderen!"

"Der Weg zur Seele hat ein Ende nicht;
ihn zu erklären, hat darum Grenzen nicht.
Was du dort an Mysterien erblickst,
kannst du nicht in sagen in Millionen Jahren."

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Literatur:
Attar: "Vogelgespräche und andere klassische Texte" - vorgestellt von Annemarie Schimmel, C.H.Beck Verlag München, 2. Auflage 2014
Attar: "Das Buch der Leiden", C.H. Beck Verlag München 2017

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