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StartseiteTag für TagIm Reich des Katzengottes05.06.2018

PeruIm Reich des Katzengottes

Riesige Zeichnungen von Tieren und Menschen, in den Wüstenboden geritzt, kennzeichnen die Nasca-Kultur. Esoteriker halten Außerirdische für die Schöpfer. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass diese Geoglyphen religiösen Ritualen dienten. Die Bundeskunsthalle Bonn erinnert an die prähispanische Kultur.

Von Rocco Thiede

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Typische Landschaft des Nasca-Gebiets, Peru (Wolf-Dieter Niemeier)
Tiefe Muster aus rituellen Linien durchziehen die Nasca-Region in Peru (Wolf-Dieter Niemeier)
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Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn NASCA. "IM ZEICHEN DER GÖTTER - Archäologische Entdeckungen aus der Wüste Perus" ist noch bis zum 16. September 2018 zu sehen.

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"Good morning. This is our Aircraft. This is Cessna 172, for two passengers and two Pilots. Today we are going to overflight the Nasca Lines."

Der Pilot begrüßt uns in gebrochenem Englisch auf dem Rollfeld des Regionalflughafens von Nasca.

Nasca ist eine peruanische Kleinstadt etwa 450 Kilometer südlich von Lima und weltweit bekannt, da nach ihr eine ganze Kultur benannt wurde. Zwischen 200 vor bis 600 nach Christus lässt sich die Nasca-Kultur mit ihren Zeugnissen wie Keramiken, Pyramiden, Textilien, Mumien und Schmuck nachweisen. Zum Highlight dieser untergegangenen indigenen Zivilisation gehören die Geoglyphen - Erdzeichnungen: riesige, in den steinigen Wüstenboden eingescharrte, etwa 30 bis 40 Zentimeter tiefe Linien. Sie stellen geometrische Formen oder Umrisse von Tieren und Menschen dar und gehören seit 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

"Dieser wunderschöne Kolibri, der Affe ist ganz nett und ein Hund, ein Fröschchen und schöne Muster. Die Nasca-Linien von oben zu sehen, das ist doch was ganz anderes. Was Ehrfürchtiges, was man da so empfindet."

Ulrike Riesterer aus dem Schwarzwald gerät ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Flug über Nasca spricht.

Die Bodenzeichnungen waren Orte ritueller Handlungen

"Das sind große Zeichnungen auf dem Wüstenboden. Wobei, der Begriff Zeichnungen impliziert ja immer, dass das Bilder sind, die gesehen werden sollten. Und man weiß ja, dass die Figuren, von denen es ja gar nicht so viele gibt, am besten aus der Luft zu betrachten sind."

Erklärt Markus Reindel vom Deutschen Archäologischen Institut in Bonn.

"Nach langen Jahren der Forschung sind wir der Meinung, dass das nicht der Hauptzweck dieser Bodenzeichnungen ist, sondern diese Geoglyphen genutzt wurden für rituelle Handlungen - und zwar von den Menschen, die unmittelbar dabei gelebt haben."

Der Spaceman in der Wüste

Mit dem kleinen Sportflugzeug fliegt man etwa 35 Minuten. Auf dem 525 Quadratkilometer großen Hochplateau mit über 500 Darstellungen werden den Gästen 14 der bekanntesten Figuren präsentiert. In etwa in 300 Meter Höhe dreht der Pilot einmal von links und dann von rechts eine Runde, so dass man ohne Probleme die Zeichnungen mit bloßem Auge unter dem Flügel der kleinen Cessna erkennt.

Ein Blick aus der Luft auf den Spaceman, eine menschliche Figur, die aus großer Höhe im Nasca-Gebiet sichtbar ist  (imago stock&people)Die Figur des Spaceman im peruanischen Nasca-Gebiet (imago stock&people)

Zur Rechten sind Dreiecke und Trapeze zu erkennen. Einige Linien sehen wie Landebahnen aus. Die erste von oben sichtbare Figur ist der sogenannte Astronaut: 2500 Jahre alt, erklärt der Pilot über Mikrophon und Kopfhörer. Ob durch dieses Bild der Schweizer Bestsellerautor Erich von Däniken zu seiner prähistorischen Astronautik inspiriert wurde? Seiner Meinung nach haben Außerirdische diese Zeichnungen als Botschaft hinterlassen. Aber bei der Interpretation der Bilder haben pseudowissenschaftliche Theorien keine Bedeutung, wie Markus Reindel erklärt:

"Also Erich von Däniken spielt für uns eigentlich keine große Rolle, das wäre auch mit wissenschaftlichen Argumenten leicht zu widerlegen. Aber wenn man sich ein bisschen in die Nasca-Kultur reinvertieft, dann merkt man, dass doch die Religion eine ganz große Rolle spielt."

"Wir sind bei der Bildanalyse noch relativ am Anfang"

Der Altamerikanist Markus Reindel beschäftigt sich seit Jahrzehnten als Wissenschaftler mit der Nasca-Kultur.

"Wenn man mal in dem Gebiet gereist ist, da ist man doch fasziniert und in den Bann gezogen von dieser Landschaft. Wir sind ja in einer der trockensten Wüsten der Welt. Wasser spielt sicher eine ganz große Rolle. Und die Menschen haben in ihrer Religion bestimmt um dieses Wasser gefleht. Darum drehte sich die Religion und das sehen wir in allen Darstellungen und auch in den Grabungsbefunden. So können wir auch die Darstellungen interpretieren und die Gottheiten, die als eine Art Fruchtbarkeitsbringer, die Bringer des Wassers betrachtet werden."

"You can have a photo of the fish and the catfish on the right side. The Spider: 46 meters."

Von oben entdeckt man einen Affen, kurz darauf taucht unten der Kolibri auf. Dann der Orca und wenig später die Spinne.

Schriftliche Zeugnisse gibt es von der Nasca-Kultur nicht. Wissenschaftler wie Reindel, der mehr als 20 Jahre im Süden Perus forschte, interpretieren ihre Keramikfunde sowie die beeindruckenden Bodenzeichnungen im Wüstensand:

"Wir sind bei der Bildanalyse noch relativ am Anfang. Das wichtige zentrale Wesen, was immer wieder dargestellt wird und was offenbar die oberste Gottheit darstellt, das bezeichnen wir ganz trocken als das mythisch-anthropomorphe Wesen - Katzengott genannt, weil diese Darstellung hat immer Attribute von Felinen, also Schnurrhaare, Krallen und so weiter."

Mensch und Natur sind "eng miteinander verwoben"

Für Menschen, die im Monotheismus groß wurden, mögen die polytheistischen Religionen einfach und kindlich-verspielt wirken. Aber sie sind viel komplexer, wie Markus Reindel klarstellt:

"Wir können davon ausgehen, dass diese Religion der andinen Völker insgesamt sehr animistisch war. Das heißt, man betrachtet die Umwelt als beseelt. Es gibt Berge, die eine Seele haben. Das Wasser ist nicht nur ein physisches Element, sondern dem wohnt eine Seele inne. Was ganz spezifisch bei der Nasca-Kultur ist, dass man die Möglichkeit schafft, in diese beseelte Welt einzudringen. Das tut man in Form von schamanistischen Praktiken. Man versetzt sich in Trance. Ein Element der schamanistischen Praxis ist die Seelenwanderung, also dass die Seele von einem Priester in die eines Tieres übergehen kann. Und das sind Elemente, die wir zu sehen glauben in der Ikonographie, wo zum Beispiel fliegende Gestalten dargestellt werden und wir immer wieder diese Vermischung haben zwischen Mensch und Tier.  Also diese natürliche und die menschliche Welt sind ganz eng miteinander verwoben."

Auch für Ulrike Riesterer ist der religiöse Aspekt der Nasca-Geoglyphen unbestritten. Sie sieht darin eine Gabe der Menschen an ein höheres Wesen:

"So nach dem Motto: Siehst Du mich, Du Schöpfer, Du Schöpferin? Ich schenk dir was Schönes!"

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