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StartseiteBüchermarktDoppelte Lovestory voll Sinnlichkeit und Wehmut23.04.2014

Peter HenischDoppelte Lovestory voll Sinnlichkeit und Wehmut

Die Wiener Psychologiestudentin Julia und der angehende Turiner Arzt Marco lernen sich in Siena kennen. Bei einer Fahrt durch die Toskana stoßen sie auf die Geschichte von "Mortimer & Miss Molly". Peter Henisch hat mit Ironie und federleichter Wehmut zwei Lovestorys verwoben.

Von Michaela Schmitz

Grüne Hügel in der Toskana, Italien (Stock.XCHNG / Marcello Gambetti)
Die Toskana bildet die Kulisse für den Roman "Mortimer & Miss Molly". (Stock.XCHNG / Marcello Gambetti)
Weiterführende Information

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Ist eine Liebesgeschichte weniger wahr, wenn sie nur erfunden ist? Für Julia und Marco nicht. Zunächst nicht. Die Wiener Studentin der Psychologie und der angehende Turiner Mediziner lernen sich in Siena kennen. Bei einer Fahrt ins Blaue landen Julia und Marco im kleinen Örtchen San Vito. Und stoßen dort auf die Geschichte von Mortimer & Miss Molly. Der Amerikaner Mortimer wohnt im gleichen Dorfhotel, nur zwei Zimmer weiter.

Im Mai 1944 sei er, so Mortimer, als junger Soldat bei einem Aufklärungsflug mit seinem Jagdbomber von den deutschen Faschisten unmittelbar über San Vito abgeschossen worden. Sein Fallschirm landete mitten im Zentrum des Renaissancegartens der Familie Bianchi. Nur wenige Schritte entfernt habe er sich in das Gewölbe eines kleinen Häuschens geflüchtet – die Wohnung von Miss Molly, der englischen Gouvernante der Bianchis. Als einzige nicht im Luftschutzkeller, beobachtete sie seine Landung. Einem Schutzengel gleich sei Miss Molly die Treppe herabgestiegen und habe ihn unter Gefahr ihres eigenen Lebens bei sich versteckt. Im Schutz des Gartenhauses hatte sich zwischen der fast doppelt so alten Molly und ihm eine Liebesbeziehung entwickelt. Miss Molly ist nun schon lange Jahre tot. Der Amerikaner kehrt trotzdem immer wieder nach San Vito zurück.

"Eine so haltbare Liebe ... Un amour tellement durable? ... Oder vielleicht besser: Un amour tellement résistant.
Ja, dachte sie, das ist das richtige Wort. Dabei ging ihr zum ersten Mal auf, dass Liebe vielleicht etwas mit Widerstand zu tun hatte. Mit Widerstand gegen alle widrigen Umstände. Und letzten Endes mit Widerstand gegen die Zeit. Doch was dachte sie da? Wieso kam sie auf solche Gedanken? Die Beziehung zu Marco war doch wahrscheinlich nichts als eine Sommerliebe."

Doppelte Liebesgeschichte

"She gave me a love, I had not experienced before", sagt Mortimer an jenem gemeinsamen Abend, bevor er abreiste, ohne seine Geschichte zu Ende zu erzählen. Was bleibt Julia und Marco anderes übrig, als diese selber weiter zu fantasieren? Also setzen sie sich Tag für Tag in den benachbarten Park mit den alten Steineichen und schreiben ein Drehbuch. Eine Lovestory, die sie durch ihre eigene Liebe selbst täglich neu mit Leben und Sinnlichkeit füllen. Doch kaum sind sie wieder im Alltag zurück – sie in Wien, er in Turin – werden sie von Zweifeln und Eifersucht geplagt. Aber Sommer für Sommer treffen sie sich in der paradiesischen Landschaft von San Vito wieder. Dort träumen sie ihre doppelte Liebesgeschichte weiter, angeregt und zugleich beschützt von der Aura des geheimnisvollen Gartenhauses. Bis ein weiterer Zufall ihren Traum zerplatzen lässt. Nach einem Gespräch mit einem Zeitzeugen aus San Vito kommen vor allem Marc Zweifel an der Liebe von Mortimer & Miss Molly. Julia ist wütend.

"Weißt du, was du jetzt für mich bist? Ein Revisionist! Ein Scheißrevisionist! Du willst unsere Geschichte revidieren.
Rekapitulieren wir, sagst du. Für mich klingt das wie: Kapitulieren wir. Aber nicht mit mir, sagte sie. Nein. Ich werde das nicht mitmachen ...
Aber wenn die Wirklichkeit nun einmal etwas anders aussieht als die Illusion?, sagte er.
Umso schlimmer für die Wirklichkeit, sagte sie."

Wiedersehen nach 13 Jahren

Es ist das Ende ihrer Sommerliebe. Julia fährt endgültig zurück nach Wien, Marco reist erst mal in die USA. Ganze dreizehn Jahre später wird Julia von Marcos Stimme auf ihrem Anrufbeantworter überrascht. Er bittet sie, nach San Vito zu kommen. Er habe Neuigkeiten zu Mortimer & Miss Molly. Julia schließt tatsächlich für ein paar Tage ihre Praxis für Paartherapie und trifft den deutlich gealterten Freund im Caffè Italiano. Beide sind geschieden und haben Kinder. Marco, er ist jetzt Augenarzt in Mailand, verspricht ihr eine Überraschung: Er hat das Gartenhäuschen gemietet und dort noch einen Liebesbrief von Mortimer an Miss Molly gefunden. Doch Julia zweifelt an seiner Echtheit. Hat Marco den Brief vielleicht gefälscht, weil er sie noch immer liebt? Aber ist die wahre Geschichte immer die wirkliche Geschichte? Oder andersherum gefragt: Ist die wirkliche Geschichte immer die wahre Geschichte, wirft der Erzähler vermittelnd ein. Eins ist jedenfalls klar: Egal, ob wirklich oder erfunden – ohne Mortimers & Miss Mollys Liebesgeschichte hatte ihre keine Zukunft. Etwas fehlte. Etwas, das eine Berührung zu mehr als nur einer Berührung und Mollys und Mortimers Liebe unsterblich macht:

"Can a touch last so long? Lässt sich eine Berührung so lange spüren? Indeed. Was denn sonst? What Else is there To last? ()
Missversteh mich nicht: (...) Was bleibt, ist ja durchaus körperlich spürbar. (...) Aber das ist ja nicht totes Fleisch, in dem du lebst, in dem du liebst, solang du lebst, solang du liebst, sondern beseeltes."

Himmlische Parabel

Mollys und Mortimers Lovestory ist eine "himmlische" Parabel". Molly heißt nicht zufällig in ihrem von den Bianchis zum Schutz vor den Deutschen gefälschten Pass "Maria". Wie die "Heilige Madonna" steigt sie zum schutzsuchenden Mortimer herab. Die völlig aus der Zeit gefallene, meist in Weiß gekleidete Molly ist bis dahin überzeugte Jungfrau. Wie die Gottesmutter gibt sie ihm Schutz, Obdach und Nahrung, aber vor allem Liebe. Und Mortimer landet nicht ohne Grund genau im Zentrum eines streng geometrisch angelegten Renaissancegartens. Der amerikanische Soldat steht für den neuzeitlichen Menschen, der Körper und Geist nicht mehr als Einheit sieht. Die Vernunft, und damit die Zerstörung im Gepäck, setzt er sich in den Mittelpunkt seiner von ihm selbst geschaffenen rationalen Ordnung. Doch ohne göttlichen Schutz ist er dem Tod geweiht. Ein "Wink des Himmels" rettet ihn: das schützende "Gewölbe" im Haus von Miss Molly.

Der Himmel ist überhaupt sehr nah in Henischs sinnlicher und zugleich tiefsinniger Liebesgeschichte. Und das nicht nur, weil sie in Italien spielt. Wo die paradiesische Landschaft der Toskana häufiger als woanders vom Himmelsblau überwölbt wird. Und wo in der italienischen Provinz vielleicht wie nirgends sonst Liebe und Lust, Glauben und Realität, christliche und kommunistische Überzeugungen auf so entspannte und liebevoll chaotische Weise miteinander gelebt werden. Peter Henisch entwirft mit "Mortimer & Miss Molly" eine Utopie von einem Leben und einer Liebe, die erst als zweifache vollkommen wird. Entstanden sind zwei Liebesgeschichten von federleichter Wehmut und sinnlicher Ironie, die ohne einander nicht hätten erzählt werden können; eine vergnügliche Doppelerzählung, die sich wie ein himmlisches Schmunzeln über das oft graue Gesicht des Alltags legt.

Peter Henisch: Mortimer & Miss Molly
Deuticke Verlag 2013; 320 Seiten, 19,90 Euro

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