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Peter Pomerantsev über RusslandLand ohne Regeln

"Nothing Is True and Everything Is Possible" - nichts ist wahr und alles ist möglich. So beschreibt der Journalist Peter Pomerantsev in seinem gleichnamigen Buch den aktuellen Zustand Russlands. Pomerantsev gelingt es darin, das System Putin zu beschreiben, ohne auch nur dessen Namen zu erwähnen.

Von Brigitte Baetz

Blick auf Moskau (picture alliance / dpa)
Blick auf Moskau (picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

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Die Motorradfahrer der Nachtwölfe symbolisieren Vieles von dem, was Russlands Gesellschaft heute ausmacht - zumindest muss man das glauben, wenn man Peter Pomerantsevs Buch gelesen hat. Dazu gehören: die Verherrlichung männlicher Stärke, der Glaube an die Russen als einem Volk, das dem dekadenten Westen überlegen ist, das geschickte Spiel mit der modernen Eventkultur. Den kaum zwei Dutzend Nachtwölfen, gerne als "Putins Rockerklub" bezeichnet, gelang es, mit ihren schwarzen Maschinen und in schwarzer Kluft, die russische Fahne an den Lenkstangen, den Siegesweg der Roten Armee bis Berlin nachzureisen und damit Grenzbehörden und westliche Medien in Aufregung zu versetzen. Und sie signalisierten den Russen vor den heimischen Fernsehgeräten, dass "der Westen" kein Verständnis für ihr Land habe, dass Russland und Europa einfach zwei sehr verschiedene Dinge seien - ganz im Sinne der Kreml-Politik.

Peter Pomerantsev wuchs als Sohn ukrainisch-russischer Dissidenten, die nach Großbritannien ausgewandert waren, in England auf. Zu Beginn des Jahrtausends begann er in Moskau als Fernsehproduzent und -journalist zu arbeiten. Sein Buch ist die Geschichte von einem, der auszog, sein Glück zu machen, der aber vor allem falschen Glanz, Willkür und Leere fand. Er schreibt:

"Theatervorstellung - das war wohl das Wort, das die Stadt am Besten beschrieb: eine Welt, in der Gangster sich als Künstler verstanden, in der die Glückssucher Puschkin zitierten und Hell´s Angels glaubten, sie seien Heilige. Russland hatte schon so viele Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle in einer ungeheuren Geschwindigkeit kommen und gehen sehen - Kommunismus, Perestroika, Schocktherapie, Verelendung, Oligarchie, maßloser Reichtum - dass seine neuen Helden glauben mussten, das Leben sei nichts weiter als Maskerade, jede Rolle und jede Überzeugung könne jeder Zeit verändert werden. (...) Als ich zum ersten Mal in Moskau war, dachte ich, das sei nun mal Ausdruck eines befreiten Landes, in dem im Freiheitsrausch neue Kostüme ausprobiert, die Grenzen der Persönlichkeit neu ausgetestet wurden, sodass der Ratgeber des Präsidenten vom neuen Höhepunkt der Schöpfung sprechen konnte. Jahre später begriff ich diese ständigen Veränderungen als eine Form des Fieberwahns, in dem Puppen und Nachtgestalten glauben, sie seien real und der Ratgeber des Präsidenten nun vom 'fünften Weltkrieg' sprechen konnte, 'dem ersten nicht-linearen Krieg Aller gegen Alle'."

Eine Gesellschaft, die keine Maßstäbe und keinen halt kennt

Pomerantsev analysiert nicht, er beschreibt. In einer Mischung aus persönlichem Erlebnisbericht und Reportagen stellt er die phänotypischen Protagonisten der Hauptstadt des Neuen Russland vor: Junge Frauen, deren höchstes Ziel es ist, sich von sogenannten Forbes-Männern, also reichen Geschäftsleuten aushalten zu lassen. Smarte Fernsehmanager, die je nach politischer Großwetterlage Nachrichten inszenieren. Reich gewordene Gangster, die sich ihren Traum von Filmruhm erfüllen. Politische PR-Berater, die an nichts glauben als an den Erfolg. In wunderbar plastischer Sprache, von der man hofft, das sie auch in der künftigen Übersetzung kongenial ins Deutsche übertragen wird, lässt Pomerantsev die große Unsicherheit hinter den einzelnen Geschichten deutlich werden: die Angst, das Erreichte zu verlieren in einer Gesellschaft, die keine Maßstäbe und keinen Halt kennt und deren Sehnsucht nach dem starken Mann verständlich wird. Das neue autoritäre Russland funktioniert dabei anders als der alte Sowjetstaat, schreibt Pomerantsev:

"Statt einfach die Opposition zu unterdrücken, macht es sich alle Ideologien und Bewegungen zu eigen, beutet sie aus und verändert sie ins Absurde."

Es gibt freie Medien, aber die staatlichen Fernsehkanäle beherrschen das Meinungsklima im Land mit einer Mischung aus Unterhaltung und Propaganda. Das Fernsehen will, so sagt Pomerantsev, nicht Spiegel, sondern Fabrikant der Wirklichkeit sein, in einer Welt, in der es eine Justiz, aber keinen Rechtsstaat gibt.

Die Unternehmerin Yana Yakovleva beispielsweise wurde während eines Besuchs im Fitnessstudio verhaftet. Chemikalien, die sie seit Jahren verkaufte, wurden quasi über Nacht als illegale Drogen eingestuft. Auch wer als Ausländer im russischen Geschäftsleben engagiert ist, merkt schnell, dass er keine Rechtssicherheit genießt.

"Man muss Protestierer und Machiavellist sein"

Russland erweist sich für Pomerantsev als ein Land ohne Regeln, in dem die Strippenzieher von heute schon die Verlierer von morgen sein können und die wahren Machtverhältnisse im Kreml noch genau so undurchsichtig sind wie zu Zeiten der Sowjetunion. Dort wird das Buch bislang auch ignoriert, während der Autor in der Ukraine durch sämtliche Talkshows gereicht wird - aus dem selben Grund, warum er in Großbritannien und den USA viel Aufmerksamkeit bekommen hat: Er erklärt, warum die Kreml-Taktik, keine Eingeständnisse zu machen und eigene "Wahrheiten" zu verbreiten, so gut funktioniert. Peter Pomerantsev gelingt es, in seinem Buch "Nichts ist wahr und alles ist möglich" das System Putin zu beschreiben, ohne auch nur diesen Namen zu erwähnen. "Der Präsident", wie er höchstens genannt wird, ist auch so permanent präsent: als Übervater, Projektionsfläche, "Big Brother". Gegen ein solch wenig fassbares Regime kann es kaum eine nennenswerte Opposition geben und man versteht, warum die wenigen Gegenspieler Putins, die zumindest zeitweise über einen gewissen Einfluss verfügten - Chodorkowsky oder Nemzov beispielsweise - selbst keine Engel sind oder waren.

"Um etwas in Russland zum Laufen zu bringen", schreibt Pomerantsev, "muss man sowohl heldenhafter Protestierer als auch Machiavellist sein."

Das Buch endet in London, wo der Autor heute wieder lebt und arbeitet, im Blick all die reichen Russen, die hier ihr Geld waschen und investieren und ihre Kinder auf die besten Schulen schicken. Und so profitiert auch der Westen, so Pomerantsev, von dem System, in dem nichts wahr, aber alles möglich ist.

Peter Pomerantsev: Nothing Is True and Everything Is Possible. The Surreal Heart of the New Russia. Public Affairs, New York 2014, 256 Seiten, 16,95 Euro.

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