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StartseiteBüchermarktPetersburg in der Literatur10.07.2003

Petersburg in der Literatur

Aus dem Russischen übertragen und mit einer Nachbemerkung von Peter Urban

Es war ein lautes, wenig geschmackssicheres Geburtstagsfest, das der russische Staatschef Putin seiner Heimatstadt Ende Mai ausrichtete. Nun ist der Spuk vorbei, die Wolken über Petersburg und die Bürger unter ihnen dürfen wieder ungehindert ihrer Beschäftigung nachgehen. Und falls die 300-Jahr-Show den Petersburgern die Freude an Jubiläen nicht gründlich ausgetrieben hat – zu feiern gäbe es durchaus noch etwas in diesem Jahr: die Gründung des berühmten Petersburger Verlagshauses M.O. Wolff vor 150 Jahren, als das Unternehmen mit einer Buchhandlung auf dem Nevskij Prospekt eröffnete und daran ging, seine Geschichte mit der Stadt und der russischen Literatur zu verknüpfen.

Brigitte van Kann

Mavrikij Osipovič Wolff, so der russifizierte Name des aus Polen gebürtigen Verlegers, war einer der Großen seiner Zunft: Mit seinen Klassikerausgaben sind ganze Generationen russischer Leser aufgewachsen, am bekanntesten wohl – der berühmte Wolffsche Puškin, der in keiner privaten Bibliothek fehlte. Wolff gab die schönsten Kinder- und Märchenbücher heraus, er machte Russland mit den neuesten wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten aus Polen und Westeuropa bekannt, aus seinem Hause stammt das "Erklärende Wörterbuch der lebendigen großrussischen Sprache" von Vladimir Dal, mit dem Grimmschen Wörterbuch vergleichbar und unübertroffen bis auf den heutigen Tag.

Die Revolution bedeutete das Ende des Verlagshauses, die Wolffs mussten aus Russland fliehen, die Liebe zu den Büchern nahmen sie mit. Katharina Wagenbach-Wolff, eine Urenkelin des Petersburger Verlegers, gründete 1980 in Berlin den Verlag "Friedenauer Presse", in dem die russische Literatur, nicht zuletzt durch die tätige Mitwirkung des Übersetzers und Herausgebers Peter Urban, ein deutsches Zuhause gefunden hat. Der Stadt ihrer Vorväter gratulierte Katharina Wagenbach-Wolff in diesem Frühjahr mit gleich drei Büchern zum 300sten Geburtstag.

Natürlich ist ein Gogol dabei, wie könnte es anders sein: Schließlich ist der gebürtige Ukrainer und Wahlpetersburger der Erfinder unseres Bildes von der Stadt als Reich der Schemen und Schatten. Angesichts der ungeheuren linearen Pracht der Anlagen und Paläste verlieren sich sich Gogols Helden irgendwo zwischen Wirklichkeit und Wahn; sie werden irre an dieser Stadt, deren Riesenkulisse den kleinen Menschen noch einmal schrumpfen lässt und ihm die seltsamsten Phantasien eingibt:

Am 25. März ereignete sich in Petersburg eine ungewöhnlich-sonderbare Begebenheit. Der Barbier Ivan Jakovlevič, wohnhaft auf dem Voznesenskij-Prospekt (sein Familienname ist verloren, und sogar auf seinem Aushängeschild – wo ein Herr mit eingeseifter Wange abgebildet ist sowie die Aufschrift: "auch läßt man zur Ader" – ist nichts weiter angezeigt), der Barbier Ivan Jakovlevic erwachte recht früh und vernahm den Geruch von heißem Brot. Ein wenig im Bett aufgerichtet, sah er, daß seine Gemahlin, eine recht ehrenwerte Dame, die sehr gern Kaffee trank, frisch gebackene Brote aus dem Ofen holte. (...) Ivan Jakovlevič zog der Schicklichkeit halber den Frack über das Nachthemd und schüttete, am Tisch sitzend, Salz aus, putzte zwei Köpfchen Zwiebel, nahm das Messer und machte sich, eine bedeutsame Miene aufgesetzt, daran, das Brot zu schneiden. – Als er das Brot in zwei Häften geschnitten hatte, blickte er in die Mitte und sah zu seiner Verwunderung etwas Weißliches. Ivan Jakovlevič stocherte vorsichtig mit dem Messer darin herum und befühlte es mit dem Finger. "Was Festes?" – sagte er zu sich: "was könnte das sein?"

Ein Petersburger Barbier findet eines Morgens eine Nase in seinem Brot, während ihr Besitzer sie schmerzlich vermisst und ihr nachsetzt, als sie ihm in Gestalt eines Staatsrates in der Stadt begegnet... bis die Nase eines schönen Tages wieder an ihrer angestammten Stelle sitzt, als wäre nichts gewesen.

Das also ist die Geschichte, die sich in der nördlichen Hauptstadt unseres ausgedehnten Reiches ereignet hat! Erst jetzt, da wir alles überblicken, sehen wir, daß sie vieles Unwahrscheinliche enthält. (...) Aber was noch sonderbarer, was noch unbegreiflicher ist als alles: wie können Autoren derartige Sujets wählen. Ich gebe zu, das ist schon völlig unfaßlich, das ist wirklich... nein, nein, ich begreife es nicht! Erstens bringt es dem Vaterland keinerlei Nutzen; zweitens ... aber auch zweitens bringt es keinerlei Nutzen. Ich weiß einfach nicht, was das soll.

Nicht "Die Nase" gilt als die beste der Petersburger Novellen, sondern "Der Mantel", von dem Dostojevskij sagte, aus ihm sei die ganze russische Literatur hervorgegangen. Derart schöne Formulierungen verbieten sich natürlich bei der "Nase", für deren Neuübersetzung Peter Urban im übrigen einen anderen Grund nennt:

Einen ganz privaten – dass nämlich meiner verehrten Verlegerin und mir "Die Nase" besonders gut gefällt in ihrer Doppeldeutigkeit, die ja auch etwas Obszönes hat... Und zum anderen ist "Die Nase" die erste Geschichte in der russischen Phantastik, wo das Geschehen nicht motiviert wird durch einen Traum oder irgendwelche äußeren Einflüsse, sondern Gogol behauptet schlicht: So war das!

Und doch, obwohl man, bei alledem, natürlich, sowohl das eine zulassen kann, als auch das andere, sogar ein Drittes, man könnte sogar... aber wo kämen keine Ungereimtheiten vor? – Und dennoch, wenn man es sich genau überlegt, so ist an alledem etwas dran. Man sage, was man will, solche Begebenheiten kommen vor auf der Welt; selten, aber sie kommen vor.

Zur Vorbereitung seiner Neuübersetzung der "Nase" hat Peter Urban weniger in bereits existierende Übersetzungen als in zeitgenössische deutsche Prosa hineingeschaut:

Der Übersetzer soll nicht historisieren, aber er soll die Sachen auch nicht modernisieren – dazu muss man sich ein Gogol angemessenes Vokabular bereitlegen. Und da wird man eben doch bei den deutschen Romantikern fündig, bei Hauff zum Beispiel, "Zwerg Nase", wo man ein paar sprachliche Anleihen machen kann, um dem Leser anzudeuten: Das ist kein heutiger Text. Mit dem Übersetzen, das nicht nur den Inhalt und den einigermaßen stimmigen Wortlaut übersetzen will, sondern auch der Form versucht gerecht zu werden – da stehen wir ja eigentlich erst am Anfang. Die meisten Übersetzer haben nur versucht, den Inhalt möglichst griffig ins Deutsche zu bringen, und die Haken und Ösen... eine Übersetzung, die das alles wegbügelt, zum Beispiel vielleicht ungeschickt erscheinende Wiederholungen – dagegen bin ich. Ich achte sehr darauf, dass der Form Genüge getan wird. Gogol hat kein reines Russisch geschrieben, er hat ja noch viele Anleihen aus dem Ukrainischen gemacht. Puškin hat das immer wieder vermerkt, wenn er sagt:

Wie staunten wir über ein russisches Buch, das uns zum Lachen brachte, uns, die wir seit Fonvizins Zeiten nicht mehr gelacht haben! Wir waren diesem jungen Autor so dankbar, daß wir ihm die Unausgeglichenheit und die Fehlerhaftigkeit seines Stils gern verziehen, die Zusammenhanglosigkeit und Unwahrscheinlichkeit einiger Erzählungen, indem wir diese Mängel der Kritik zur Beute überließen. Der Autor hat diese Nachsicht gerechtfertigt. Er hat sich seither unablässig entfaltet und vervollkommnet. ( ... ) Hr. Gogol schreitet voran.

Ein Zitat aus dem Band "Gogols Petersburger Jahre", dem zweiten Buch der Friedenauer Presse zum Jubiläum der Stadt: Es präsentiert Gogols Briefwechsel mit Aleksandr Puškin sowie weitere Dokumente ihrer literarischen Freundschaft, zusammengestellt von Peter Urban.

Verbunden hat die beiden der Kampf um eine genuin russische Literatur, denn in Rußland, vornehmlich in Petersburg, wurden Romane nach ausländischem Vorbild fabriziert: französische Gesellschaftsromane, Sir Walter Scotts historische Romane wurden einfach imitiert und notdürftig mit russischen Namen versehen – und das war‘s! Dagegen hat sich Puškin gewandt in den "Erzählungen Belkins" und ebenso der junge, aus der Ukraine kommende Geschichtsstudent Nikolaj Gogol. Aleksander Puškin war zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Zenit seiner Reife und seines Ruhms. Er hatte den "Jevgenij Onegin", sein opus magnum, abgeschlossen, während Gogol noch ein Anfänger war. Und das in einem Briefwechsel zu zeigen, hat besonderen Spaß gemacht. Die Briefe an sich sind eigentlich alle bekannt, aber sie sind beerdigt in irgendwelchen Gesamtausgaben, und es hatte sie eben noch niemand in Bezug zueinander gesetzt. Es ist schon sehr spannend zu sehen, wie Puškin Gogol gefördert hat – er ließ ihn zum Beispiel im ersten Heft seiner Zeitschrift Sovremennik/Der Zeitgenosse drei Beiträge publizieren.

Ein Stück russischer Literaturgeschichte "in Briefen" also, das im Jubiläumsprogramm der Friedenauer Presse eine Art Scharnier bildet zwischen Gogols "Nase" und Puškins Novelle "Das einsame Häuschen auf der Basilius-Insel". Der Verlag hat den schönen Presse-Druck der schaurigen Geschichte zur Feier des Stadt-Geburtstags wieder aufgelegt, mitsamt einer Petersburg-Karte aus dem Jahre 1744, damit der Leser auch eine Vorstellung bekommt, wo die Basilius-Insel eigentlich liegt, und illustriert mit allerlei Teufelszeichnungen, genialen Kritzeleien aus Puškins Notizbüchern. Im "Einsamen Häuschen auf der Basilius-Insel" stattet der Teufel Petersburg einen Besuch ab und stürzt drei Menschen ins Unglück, indem er, wie es seine Art ist, als großer Verführer auftritt. Der erste Besuch Satans in der russischen Literatur sollte nicht der letzte bleiben: Seinen prominentesten Auftritt hat er vielleicht in Bulgakovs "Meister und Margarita", den verspieltesten im futuristischen "Höllenspiel", dessen Schöpfer Kručenych und Chlebnikov sich Puškins höllische Vorgaben aus St. Petersburg ganz ungeniert zunutze machten.

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