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StartseiteTag für TagPfarrer Mitri Raheb erhält Deutschen Medienpreis23.02.2012

Pfarrer Mitri Raheb erhält Deutschen Medienpreis

Kritik an umstrittenen palästinensischen Befreiungstheologie

Der Palästinenser und evangelische Theologe Mitri Raheb wird mit dem Deutschen Medienpreis ausgezeichnet. Raheb steht jedoch in der Kritik. Ihm wird vorgeworfen, judenfeindliche Stereotypen palästinensisch neu zu beleben.

Von Thomas Klatt

Der palästinensische Pfarrer Mitri Raheb erhielt 2008 bereits den Aachener Friedenspreis. (picture alliance / dpa/Oliver Berg)
Der palästinensische Pfarrer Mitri Raheb erhielt 2008 bereits den Aachener Friedenspreis. (picture alliance / dpa/Oliver Berg)
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Deutscher Medienpreis (Homepage)

"Sehr viele Kirchen haben das rezipiert. Das wurde in hunderttausenden Auflagen schon verbreitet, in 13 Sprachen von japanisch bis dänisch. Unsere Webseite bekommt 25.000 Besucher im Monat. Das wichtigste ist, dass es ein Dokument der Stimme der palästinensischen Christen hat und versucht hat, das durch Glaube, Liebe und Hoffnung aufzurollen."

Der Pfarrer der Bethlehemer Weihnachtskirche Mitri Raheb erläutert das von ihm 2009 mit auf den Weg gebrachte Kairos-Palästina-Dokument. Auch wenn die Christen lediglich zwei bis drei Prozent der palästinensischen Bevölkerung ausmachen, so appelliert das Papier doch an alle Parteien, endlich Frieden miteinander zu machen.

"Dieses Dokument will den Alltag beschreiben und sagen, wir sind in eine Sackgasse gelangt. 17 Jahre Verhandlungen zwischen Israel und der PLO haben zu nichts geführt, die Situation ist schlimmer und der bewaffnete Kampf war auch nicht konstruktiv. Und das Dokument kommt und sagt, wir haben eine dritte Alternative, nämlich der gewaltlose Widerstand. Das ist das Entscheidende bei diesem Dokument."

Wie damals die südafrikanischen Christen in den 1980er-Jahren gegen den Apartheid-Staat aufbegehrten und in ihrem Kairos-Papier zum Widerstand aufriefen, so gelte Ähnliches jetzt auch beim Kairos-Palästina-Dokument. Die Palästinenser werden von den Juden unterdrückt, und das müsse eben klar benannt werden.

"Mehr und mehr sieht die Westbank aus wie ein Stückchen Emmentaler Käse, wo Israel den Käse bekommt und die Palästinenser in die Löcher verdrängt werden. Bethlehem ist so ein Loch umgeben von drei Seiten von der Mauer. Es sind 22 jüdische Siedlungen, die das ganze Land um Bethlehem herum enteignet haben. So kann unsere Stadt nicht mehr wachsen. Ich nenne das Besatzung, erst einmal, und Siedlungsbau. Es gibt einen südafrikanischen islamischen Theologen, Farid Isaac, als er Palästina besucht hat, sagte er, das ist schlimmer als Apartheid."

Israel also ein Apartheid-Staat? Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, wehrt sich gegen diesen Vergleich vehement.

"Wenn man das nämlich nebeneinander stellt, dann passt diese Motivation zwischen Apartheid-Staat Südafrika, dass die Oberschicht der Weißen langfristig als die herrschende Klasse manifestieren wollte, eben überhaupt nicht mit dem überein, was im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern stattfindet. Ich geb' ein Beispiel: Es wird ja immer gerne der Apartheid-Schutzwall mit dem Zaun verglichen. Der Zaun wurde errichtet, um Terroristen aus dem israelischen Kernland fernzuhalten, oftmals zu Lasten der Palästinenser. Der oberste israelische Gerichtshof hat in vielen Fällen die israelische Regierung dazu verdonnert, diesen Zaun anders zu bauen. Der Vergleich ist also völlig deplatziert."

Auch der rheinische Landespfarrer für den christlich-jüdischen Dialog, Volker Haarmann, weigert sich, Israel aus palästinensischer Sicht mit dem alten Regime in Südafrika zu vergleichen.

"Mir erscheint das unangemessen, weil es einen sehr komplexen Konflikt auf eine viel zu einfache Formel zu bringen versucht, in einer Schwarz-Weiß-Kategorie Täter und Opfer gegenüberstellt und Israel an den Pranger stellt, als ob es hier um einen rassistischen Staat ginge, der, wie es damals in der Apartheid der Fall war, die Diskriminierung, die Verdrängung und Diskriminierung einer anderen Bevölkerungsgruppe zum Ziel gesetzt hätte. Das ist ein irreführender Vergleich."

Israel werde in Mitri Rahebs Kairos-Papier einseitig als Aggressor und Besatzer verurteilt. Dem palästinensischen Widerstand werde geradezu Verständnis im Sinne einer Entschuldigung entgegengebracht. Von immer mehr deutschen Theologen werde diese Position aber zunehmend unkritischer aufgenommen, warnt Ricklef Münnich, evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Mitri Raheb sei Vordenker einer universalistischen Theologie, die Israel nicht mehr als Teil des erwählten Volk Gottes sehen will.

"Kommt aus Palästina, in der Israel keinen besonderen Platz mehr hat, sondern Israel ist wie alle anderen auch. Das ist aufgenommen in einem palästinensischen sogenannten Kairos-Dokument. Das wird vor allem in Deutschland verbreitet und vertrieben als Schrei des palästinensischen Volkes. Es ist nicht der Schrei des Volkes, sondern es sind einige Theologen, die nach Gerechtigkeit gerufen haben. Was es schwierig macht, ist, dass es völlig ohne Selbstkritik kommt, also das Wort Terror kommt nicht vor."

Der Deutsche Koordinierungsrat bezeichnet die palästinensische Befreiungstheologie Rahebs als geradezu antisemitisch. Mitri Raheb würde die biblische Verheißung Gottes an Israel durch Palästina ersetzen. In seinen Predigten würde er sogar behaupten, Jesus sei Palästinenser und kein Jude gewesen. Mitri Raheb weist diese Vorwürfe scharf zurück.

"Die Leute hier in Deutschland, so rechtsradikale christliche Zionisten, die werfen uns so vieles vor, was gar nicht stimmt. Das sind volle Lügen, die diese Leute, die wollen keinen Sach-Dialog führen. Die wollen die Leute aufhetzen gegen mich, weil sie wissen, ich genieße ein Ansehen in Deutschland. Jeder, der die nach Bethlehem kommt und die Arbeit sieht, ist davon voll überzeugt."

Mitri Raheb lobt, dass gerade die hiesigen Christen an der Sache der Palästinenser sehr interessiert seien. In Bethlehem versuchten sie etwa im Bildungszentrum Talitha Kumi eben auch Frieden zu stiften.

"Christen in Deutschland haben mehr und mehr gesehen, wie die Situation in Palästina ist, vor allem durch Reisen. Die Christen in Deutschland und die Gemeinden, die ins Heilige Land reisen, haben immer sich bemüht, sich mit Israeli und Palästinenser zu treffen und sich ein eigenes Bild zu machen."

Die Kirchen weltweit sollen sich endlich für die Sache seines Volkes einsetzen, fordert Mitri Raheb. Daher hofft der Pfarrer aus Bethlehem, dass gerade die hiesigen Gemeinden die Sache der Palästinenser unterstützen, und das heißt für ihn Boykott! Nicht unbedingt gegen Israel, aber gegen Produkte aus und Dienstleistungen in den jüdischen Siedlungsgebieten.

"Die Siedlungen nach internationalem Recht sind illegal. Als Beispiel: Sollen deutsche Gruppen in Siedlungen gehen und dort übernachten. Da sagen wir, das ist illegal. In der EU ist ganz klar, Siedlungswaren müssen als solche klassifiziert werden. Das ist eindeutig nach EU-Vorschrift."

Mitri Raheb hat in Deutschland Theologie studiert. Er weiß um die Brisanz der Forderung: "Kauft nicht von Juden!", auch wenn er nur Produkte aus den Siedlungsgebieten meint. In den 1980er-Jahren unterstützten viele evangelische Gemeinden den Aufruf "Kauft keine Früchte der Apartheid!", um das weiße Regime in Südafrika unter Druck zu setzen. Dass es nun in der evangelischen Kirche in Deutschland keine ähnliche Boykottbewegung gegen Israel beziehungsweise jüdische Waren aus den Siedlungsgebieten gibt, hält der rheinische Pfarrer Volker Haarmann für richtig.

"Warum gibt es keinen Aufschrei wie damals gegen Südafrika gegen Israel? Ganz einfach, weil Israel kein Apartheid-Staat ist und weil wir es viel zu einfach machen würden, wenn wir die Schuld auf die eine Seite schieben würden. Das ist keine Form der legitimen Kritik, wenn man das Existenzrecht Israels bestreitet."

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