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StartseiteEuropa heuteNeue Perspektive in Deutschland11.05.2016

Pflegekräfte aus AlbanienNeue Perspektive in Deutschland

Viele junge Albaner träumen von einem Leben in Deutschland - die Chancen auf Asyl sind allerdings gering. Ein neues Programm soll qualifizierten Krankenschwestern und -pflegern den Weg nach Deutschland erleichtern. Davon könnte am Ende auch Albanien profitieren.

Von Christoph Kersting

Krankenpflegeschülerin Türkan Deniz und Krankenschwester Marianne Weber laufen durch einen Flur im Vivantes-Humboldt-Klinikum in Berlin. (picture alliance / dpa/ Gregor Fischer)
In Deutschland fehlen pro Jahr bis zu 10.000 Krankenschwestern und -pfleger. Fachpersonal aus Albanien soll helfen. (picture alliance / dpa/ Gregor Fischer)
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Es ist kurz nach 17 Uhr an diesem Dienstag, und Lehrer Endrit Mulaj muss seine Deutsch-Klasse nicht motivieren, um aufmerksam bei der Sache zu sein - schließlich geht es um das Thema "Geld": Bargeld ziehen am EC-Automaten, Lohnabrechnung, Lotto-Gewinn – die ganze Palette. 

Im Unterrichtsraum des Lehrinstituts "Inter Personnel" im Osten Tiranas sitzen an diesem Nachmittag sieben junge Frauen und drei Männer – den meisten ist anzusehen, dass sie schon einen langen Tag hinter sich haben. Viele sind direkt von ihrer Klinik ins Institut gekommen, denn alle, die hier freiwillig täglich drei Stunden Deutsch pauken, sind Krankenschwestern und -pfleger. Sie bereiten sich ein Jahr lang auf ihren Umzug nach Deutschland vor, wo sie ab Oktober in Kliniken oder ambulanten Pflegediensten arbeiten werden. Auch Justin Toraku lernt deshalb Deutsch, in einer Unterrichtspause erzählt der 25-Jährige, warum er seine Heimat verlassen will:

"Ich arbeite seit drei Jahren im OP der Uniklinik von Tirana, aber das Einkommen hier ist einfach nicht gut. Im Monat verdiene ich 30 000 Lek, das sind so 230 Euro. Davon kannst du hier kaum über die Runden kommen. Da habe ich in Deutschland natürlich ganz andere Möglichkeiten vom Verdienst her."

Ausbildung in Kooperation mit deutschen Projektpartnern

Seine Sitznachbarin im Unterricht, Irina Delvishi, 37 Jahre alt, arbeitet schon seit 15 Jahren in einer Klinik der Hauptstadt.

Irina hat Familie: Ihr Mann und die drei Kinder sollen nach einigen Wochen nachkommen, wenn sie in Deutschland einigermaßen Fuß gefasst hat. Auch das gehört zum Konzept des Ausbildungsprogramms von Inter Personnel: Die Fachkräfte werden nach dem Jahr Unterricht in Albanien nicht ins Ungewisse entlassen, sondern das Institut organisiert gemeinsam mit dem deutschen Projektpartner auch Arbeitsstelle und -erlaubnis sowie Wohnung vor Ort für die Programmteilnehmer oder auch deren Familienangehörige. An insgesamt fünf Standorten in Albanien bilde das Programm aktuell 800 Krankenschwestern und -pfleger aus, berichtet Institutsleiter Musa Ahmeti:

"In Deutschland fehlen ja pro Jahr bis zu 10 000 Krankenschwestern in den Kliniken. Und bei uns hier in Albanien bilden wir jährlich zweieinhalbtausend Leute aus, alle mit Uni-Abschluss, Krankenpflege ist in Albanien eine akademische Ausbildung. Aber nur rund 300 von diesen Leuten finden eine Arbeit hier, der Rest ist arbeitslos. Insgesamt gibt es aktuell in Albanien 20 000 arbeitslose Krankenschwestern und -pfleger. (...) Wir schlagen so gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Wir vermitteln diesen Leuten eine gute Arbeit und tun ja auch etwas für den deutschen Arbeitsmarkt. Und wir schaffen eine Alternative zur illegalen Migration ins Ausland."

Albanien profitiert vom Wissen der Rückkehrer

Albanien profitiert laut Musa Ahmeti am Ende nicht nur durch das Geld, das die Auswanderer in der Regel nach Hause schicken, sondern viel mehr noch, wenn die albanischen Fachkräfte irgendwann reich an Erfahrung wieder in die Heimat zurückkehren. Bestes Beispiel hierfür ist Lehrer Endrit Mulaj. Der 39-Jährige hat in Rostock Deutsch studiert und insgesamt 12 Jahre in Deutschland gelebt. Der Wunsch eine Familie zu gründen habe ihn dann 2010 doch wieder nach Albanien gebracht. Bereut hat er diese Entscheidung bislang nicht:

"Das versuche ich auch meinen Schülern und Studenten zu sagen, dass die dort hingehen sollen, um sich weiterzubilden und dann wieder nach Albanien zurückzukommen, weil Albanien verlangt ja solche Fachexperten auf allen Gebieten."

Krankenpfleger Justin Toraku hat kürzlich seinen Bruder besucht, der bereits in Marburg lebt. Justins Kollegin Irina hingegen war noch nie in Deutschland. Wenn sie dorthin gehe, dann nicht nur um zu arbeiten, sagt sie, sondern auch, um etwas zu tun gegen das schlechte Image, das Albanien noch immer bei vielen Menschen habe.

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