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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Vermessung des Selbst 16.07.2015

Phänomen Fitness-App Die Vermessung des Selbst

Sie lassen ihre Schritte zählen, messen Herzschlag und Blutdruck: Hinter dem soziologischen Fachbegriff "reflexive Selbstverwissenschaftlichung" verbirgt sich der Trend, die eigenen Körperfunktionen und Aktivitäten digital zu erfassen. Im Rahmen eines DFG-Projekts an der Uni Trier soll das Phänomen systematisch untersucht werden.

Von Anja Arp

Fitness-App (picture alliance / dpa / Foto: Sebastian Kahnert)
Ein möglicher Reiz der Fitness-Apps: Vermeintlich harte Fakten über die eigenen Leistungen erhalten und öffentlich mitteilen. (picture alliance / dpa / Foto: Sebastian Kahnert)

"Ich guck ab und zu am Tag mal drauf, damit ich halt sehe, wie viele Schritte ich gelaufen bin und mir dann halt auch mal so denke: Heute bist du aber wenig gelaufen, da kannst du dich aber mal mehr bewegen oder so."

Mit ihrem Smartphone kam automatisch auch die neue Tracking-App in das Leben der 14-jährigen Marie. Das Programm protokolliert ihr Bewegungsmuster. So kann die Sport-App dem Bewegungsmangel vorbeugen. Prof. Ingo Froböse, Leiter des Zentrums für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule in Köln, hat sich mit solchen Apps beschäftigt:

"Es gibt Messgeräte, die messen nur Beschleunigung am Körper. Das bedeutet also, dass sie Körperveränderungen insbesondere bezogen auf die Gelenke ermitteln. Dann gibt es die ganzen Messgeräte, die den Blutdruck, die Herzfrequenz, die Atemfrequenz letztendlich auch die Köpertemperatur bestimmen, es gibt mittlerweile ein Körpertemperaturmessgerät für's Ohr usw. Das bedeutet, wir erfassen all jene Messwerte, die wir äußerlich registrieren können."

Früher trug man solche Messgeräte mit Sensoren in Gurten am Körper, heute hat man dafür das Handy oder eine Fitness-Uhr:

"Es gibt Messgeräte, die direkt auf die Haut angebracht werden. Darüber hinaus gibt es eben Beschleunigungsmesser, Sensoren, die die Veränderung einer Geschwindigkeit registrieren. Sie werden am Körper befestigt und wenn das Gelenk oder der Körper sich bewegt, dann registrieren die eben die Veränderung der Körperposition."

"Man kann seine eigene Leistung plötzlich in die Welt hinaus juchzen"

Digitale Selbstvermessung ist attraktiv und spornt die Nutzer an. Prof. Ingo Froböse:

"Es ist so, dass man mit diesen Apps, das scheint ja so sehr attraktiv zu sein, zu challengen, also Wettbewerbe machen zu können. Das ist das eine und zum zweiten kann man posten. Man kann seine eigene Leistung plötzlich in die Welt hinaus juchzen, was man vorher ja nicht so konnte. Das heißt also, diese Dinger entsprechen dem aktuellen Zeitgeist ein bisschen nach außen gerichtet, wie die Selfies auch: Sein innerstes nach außen zu kehren, das ist glaube ich der Trend, der sich augenblicklich in den Apps einfach widerspiegelt."

Das ruft nun auch Soziologen auf den Plan. Dr. Nicole Zillien leitet dazu an der Universität Trier ein dreijähriges DFG-Projekt. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass das Phänomen der digitalen Selbstvermessung zunimmt. Das spiegelt sich auch in der Berichterstattung wieder, meint die Soziologin, und kritisiert:

" ... das gerade im medialen Diskurs das Phänomen sehr negativ dargestellt ist, dass sich da Nutzer dieser Selbstvermessungstechnologien in einer Optimierungsgesellschaft quasi dem Diktat einer kapitalistischen Denkweise unterwerfen."

Doch den Soziologen ist diese negative Sichtweise zu kurz gegriffen, denn neben der Ökonomisierung sehen sie ein weiteres Phänomen:

"Nämlich eine Verwissenschaftlichung, also dass es auch damit einhergeht, dass ja Personen sich selbst eben ihren eigenen Körper, ihren eigenen Alltag durch diese Vermessung sozusagen verwissenschaftlichen."

Die Soziologen aus Trier wollen diese Ausgangs-These in ihrem Forschungsprojekt empirisch untermauern. Aus Sicht der Wissenschaftler stehen dabei vor allem drei Dinge im Vordergrund: Quantifizierung, Objektivierung und Expertisierung:

"Quantifizierung meint, wenn die Leute sich selbst vermessen, dass dann plötzlich Zahlen ganz wichtig werden. Also man stellt den Körper, den eigenen Alltag in Zahlen dar."

Die Forschung zu diesem Thema nennt sich "Soziologie der Quantifizierung". Denn das Phänomen erstreckt sich mittlerweile über viele Lebensbereiche. So gibt es zum Beispiel seit vielen Jahren ein regelrechtes Hochschul-Ranking und in den elektronischen Medien bestimmt zunehmend die Quote, welche Sendung Bestand hat. Zahlen stehen in vielen Lebensbereichen im Mittelpunkt der Betrachtung und Bewertung. Doch der Sportwissenschaftler Ingo Froböse hat noch andere Bedenken:

"Das Grundproblem sehe ich darin, dass die Messgeräte im Augenblick vorgeben, welche Messwerte bedeutsam werden, weil sie nur diese messen können und das macht mir schon große Sorgen, weil wir plötzlich auf Dinge fokussieren, die uns gar nicht so unbedingt interessieren müssen, die auch gar nicht so wichtig sind. Das bedeutet, es gibt Messwerte, die sind wichtig, und es gibt andere Messwerte, die machen fast an sich für den normalen Sportler gar keinen Relevanz, weil sie keine Bedeutung haben."

Für den Sportwissenschaftler macht es zum Beispiel Sinn, die Atem und Herzfrequenz zu messen:

"Weil diese für die Trainingssteuerung ganz existenziell und wichtig sind. Andere Dinge, beispielsweise also die Veränderung von Gelenken, also die Bewegung überhaupt zu erkennen. Die machen deshalb Sinn, um mir mal einen gewissen Überblick über meine Aktivitäten zu geben. Die eichen mich so ein wenig.Und dann gibt es Messgeräte, die halte ich für noch nicht notwendig, weil, warum soll ich meine Körpertemperatur beispielsweise immer ständig registrieren?"

Doch die Zahlen, Daten und Fakten machen die Apps für die Nutzer attraktiv, denn alles, was in Zahlen dargestellt wird, erscheint zunächst einmal objektiv. Soziologen nennen das die Objektivierungs-Suggestion:

"Also dass man den Eindruck erhält, das, was numerisch dargestellt ist, das hat einen höheren Wahrheitsgehalt. Die digitale Selbstvermessung, die setzt ja schon mal genau da an: Alles wird in Zahlen dargestellt. Dadurch hat es möglicherweise einen höheren Wahrheitsgehalt. Dadurch entsteht so etwas wie ein Wettbewerbsgedanke. Und man gewinnt, das war dann für uns zentral, so etwas wie eine größere Distanz zum eigenen Körper."

Natürlich sind die Daten wichtig, doch noch wichtiger ist:

"Wie fühle ich mich eigentlich? Kann ich es überhaupt noch, wie ist meine Herz-Frequenz und meine Atem-Frequenz und meine Belastung insgesamt? Also meines Erachtens lenken sie oft viel zu sehr ab. Sie eichen mich am Anfang gut! Aber wenn ich mich einmal geeicht habe, dann brauche ich sie nicht mehr und dann sollte ich mich viel eher verlassen auf meine subjektive Einschätzung."

Ein Beispiel für diese vermeintliche Objektivierung ist für Nicole Zillien das Ernährungs-Tracking:

"Der setzt sich zusammen insbesondere aus Kalorien. Also das ist ganz zentral beim Ernährungstracking. Und zwar die Kalorien die reingehen sozusagen, also Kalorien ist das Input und Kalorie ist das Output. Das ist das, was die Ernährungs-Apps beobachten. Dann macht das was mit dem eigenen Körpergefühl, also man nimmt den eben als Objekt wahr. Und denkt auch, dass man den gestalten kann. Und das meint diese Objektivierung. Das ist der zweite Aspekt."

Kalorien sind aber nur ein Parameter bei der Ernährung. Individuelle Faktoren, wie etwa der persönliche Stoffwechsel spielen dabei ebenfalls eine gewichtige Rolle. Insofern sprechen die Soziologen von einer vermeintlichen Objektivierung. Und der dritte Aspekt ist die sogenannte Expertisierung:

"Das meint, dass Selbstvermessung auch ganz viel damit zu tun hat, wie man sich im Verhältnis beispielsweise im Medizinbereich, im Gesundheitsbereich zu Ärzten, zu den Experten definiert. Also, dass damit auch einhergeht, dass man sich selbst expertisiert. Und damit auch so etwas aufbaut wie eine, na, nicht unbedingt Gegenposition, aber zumindest eine alternative Lesart auch von Experten. Dann auf Augenhöhe potenziell in der Lage ist, sich mit Experten auseinander zu setzen."

Ergebnisse können die Forscher dann im Rahmen des DFG-Projektes in cirka zwei Jahren präsentieren.

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