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StartseiteBüchermarktPhänomen Roboter03.03.2008

Phänomen Roboter

Geschichte der "mechanische Puppen" in Japan

Dass die Japaner Roboter in allen erdenklichen Formen lieben, zählt zu den Eigenheiten einer für uns recht fremden Mentalität. Von Roboterhunden, die von ihren stolzen Besitzern "Gassi" geführt werden, von Kommunikationsrobotern für vereinsamte Senioren, von kuscheligen Therapierobotern wie dem einem Seehund nachgebildeten Roboter "Paro", von sprechenden "Miss-Kitty"-Robotern oder dem freundlichen Papiertaschentuchroboter "Mospeng-Kun", "Kamerad Taschentuch", hören wir mit Erstaunen, wenn nicht gar Befremden.

Von Astrid Nettling

Der japanische Konzern Toyota hat diesen Geige spielenden Roboter gebaut. (AP)
Der japanische Konzern Toyota hat diesen Geige spielenden Roboter gebaut. (AP)

Doch der hohe Stellenwert, den diese "Wesen" im japanischen Lebensalltag einnehmen, ist keineswegs einer hochmodernen und tendenziell durchgedrehten Technikbegeisterung geschuldet, wie wir gerne zu unterstellen bereit sind, sondern hat durchaus Tradition. Denn wer hätte gedacht, dass sich bereits der ein oder andere Samurai den Tee von einem "Roboter" hat servieren lassen? So gibt "Roboter in Japan" einen aufschlussreichen kulturgeschichtlichen Einblick in die Roboterentwicklung von den Anfängen im 17. Jahrhundert bis zur modernen zeitgenössischen Robotik.

Eine Geschichte, die zwar nicht so weit zurückreicht wie die der mechanischen Apparaturen im Westen, aber von einer ganz anderen Beziehung zu "Wesen" dieser Art kündet, als das eher misstrauische und skeptisch ablehnende Verhältnis, das wir im Westen spätestens seit der Romantik zu Automaten, Robotern und ähnlichen Maschinenwesen unterhalten. "Karakuri ningyo" wurden die ersten roboterähnlichen Figuren genannt - es bedeutet: "mechanische Puppen" oder Puppen, die mechanisch etwas "vortäuschen zu sein, was sie nicht sind", nämlich lebendig. So wie ebenjene etwa 40 cm große Puppe aus der Edo-Zeit, die Tee servieren konnte. Stellte man eine Tasse Tee auf das Tablett, das die Puppe in Händen hält, bewegte sie sich geradeaus. Nahm man die Tasse vom Tablett, blieb sie stehen, stellte man die Tasse wieder ab, drehte sich die Puppe um und kehrte zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Dies war bei weitem nicht die einzige "mechanische Puppe", die sich damals großer Beliebtheit erfreute.

Mitte des 17. Jahrhunderts eröffnete der bekannte Uhrmacher Takeda Ômi in Osaka einen Vergnügungspark, in dem zahlreiche kunstvolle Automaten dieser Art gezeigt wurden. Wer dort nicht gewesen sei, habe Osaka nicht gesehen, lautete eine beliebte Redewendung. Offensichtlich betrachtete man diese "karakuri ningyo" mit ihrer Lebendigkeit vortäuschenden Technik als etwas Positives und Heiteres, was man erleben müsse. Jedenfalls nicht als ein seelenloses Machwerk ohne Gefühl und innere Wärme, das der menschlichen Seele Schaden bereiten kann.

E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann", worin die von dem diabolischen Uhrmacher Coppola gebaute mechanische Puppe Olympia den in sie verliebten Nathanael in den Wahnsinn treibt, wäre in Japan nicht geschrieben worden. Ist doch die Verteufelung von Technik etwas genuin Abendländisch-Christliches.

Ein wenig davon steckt auch heute noch in unseren Knochen, während der asiatischen Denkweise der Gegensatz zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit eher fremd ist. Was wiederum eine Einstellung erlaubt, die in diesen technischen Wesen etwas Freundliches, Liebenswertes und Hilfsbereites zu erblicken vermag und einen gelassenen Umgang mit ihnen ermöglicht. Und diese Tradition ist es, die bis in die Gegenwart mit ihren hochtechnisierten Unterhaltungs-, Kommunikations-, Therapie- und sonstigen Robotern, die den japanischen Alltag massenhaft bevölkern, Wirksamkeit besitzt und das gute Verhältnis zwischen Mensch und Maschine prägt.

"Roboter in Japan" - ein Phänomen in der Tat, über dessen Hintergründe und gesellschaftliche Auswirkungen Alexander Wißnets Buch dem deutschen Leser einen zwar recht knappen, aber unbedingt wissenswerten Aufschluss gewährt, und ihm vielleicht sogar Anstoß gibt zu einer gleichfalls gelassenen Haltung gegenüber dem Phänomen "Roboter". Eine Haltung, wie sie auch aus dem charmanten Haiku spricht, das der berühmte Dichter Issa 1819 verfasst hat:

Man lässt die Puppe den Tee servieren.
Von der Tür kommt
die sommerliche Abendkühle.


Alexander Wißnet: Roboter in Japan. Ursachen und Hintergründe eines Phänomens
IUDICIUM Verlag München, 2007

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