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StartseiteBüchermarktPhänomenologie des Schmerzes05.07.2007

Phänomenologie des Schmerzes

Kahlo-Porträt von Slavenka Drakulic

Frida Kahlos Gesicht mit den großen Augen, dem tiefrot geschminkten Mund, den buschigen, eng zusammen stehenden schwarzen Augenbrauen war ein Gemälde für sich. Und ihr Werk war in erster Linie ein Porträt ihrer selbst, ihres leidenden Körpers, ihres Traumas der unentwegten physischen Schmerzen. Kahlos künstlerische und weibliche Existenz unter den Bedingungen körperlicher Qual ist Thema des Romans "Frida" der kroatischen Schriftstellerin Slavenka Drakulic.

Von Ursula März

Frida Kahlo in ihrem Zuhause in Mexico City, 1939. (AP)
Frida Kahlo in ihrem Zuhause in Mexico City, 1939. (AP)

Sie gehört in den weiblichen Starolymp des 20. Jahrhunderts, in jene Abteilung allerdings, in der sich die Leidenden versammeln, jene mythischen Schmerzensfrauen, in deren Bildern sich Kunst, Diven- und Märtyrertum überkreuzen. Virginia Woolf ist ein Beispiel, Marilyn Monroe ein anderes, und eben: Frida Kahlo, Mexikanerin, Malerin, Erfinderin eines eigenwilligen, pathetischen Surrealismus. Ihr Gesicht mit den großen Augen, dem tiefrot geschminkten Mund, den buschigen, eng zusammen stehenden schwarzen Augenbrauen war ein Gemälde für sich. Und ihr Werk war in erster Linie ein Porträt ihrer selbst, ihres leidenden Körpers, ihres Traumas der unentwegten physischen Schmerzen.

Im Schulalter erkrankte sie an Kinderlähmung, ein Bein blieb für immer verkrüppelt, im Alter von 18 Jahren wurde sie bei einem Verkehrsunfall auf grauenvolle Weise verletzt. Eine Stange bohrte sich quer durch ihren Körper, zertrümmerte ihre Wirbelsäule, ihr Rippen, ihr Becken. Monatelang lag sie in einem Gipspanzer, der sie vom Hals bis zu den Beinen umschloss. Über 30 Mal wurde sie im Lauf ihres Lebens operiert. Kein Tag verging ohne Schmerzen, ohne äußerste heroische Überwindung, überhaupt am Leben zu sein. Frida Kahlos Leben spielte sich im Kraftfeld der Krankheit und des Todes ab, ihre Malerei war eine Ikonografie invalider Schönheit. Und eben dies, Frida Kahlos künstlerische und weibliche Existenz unter den Bedingungen körperlicher Qual, körperlicher Beschädigung, ist das Thema des Romans der kroatischen Schriftstellerin Slavenka Drakulic.

Der Titel des Romans nennt die Malerin beim Vornamen, "Frida", und dieser vertrauliche, persönliche Titel kündigt schon das literarische Programm, die Rollenprosa des Romans an. Slavenka Drakulic versetzt sich in Frida Kahlo, erzählt in einem Monolog, der zwischen erster und dritter Person wechselt, in beiden Fällen aber der Ich-Perspektive sehr nahe ist, von Frida Kahlos Gefangenschaft in der Physis.

Ausgangspunkt der Erzählung ist das Jahr 1954 in einem Örtchen bei Mexico City, wo Frida Kahlo mit Diego Rivera, dem über 20 Jahre notorisch untreuen Ehemann, lebt. Die 47-jährige Künstlerin hat die letzte Operation in ihrer Krankheitsgeschichte, die Amputation eines Beines hinter sich. An einem Morgen liegt sie im Bett, zu schwach um aufzustehen. In Erinnerungsschüben lässt sie ihr Leben Revue passieren. Slavenka Drakulic bedient sich eines klassisch-konventionellen, aber sehr plausiblen Erzählmusters: Der Bericht des Lebens findet auf der Schwelle statt, die Erzählenergie wird unterströmt von Todesenergie. Aber wie auch immer die Autorin ihren Roman anlegt: Ihr Erzählunternehmen muss sich die Frage gefallen lassen, was es zum Wissen über Frida Kahlo Neues beitragen kann.

Das Leben der Malerin ist durch Bücher, Essays, Ausstellungen, Dokumentationen, nicht zuletzt durch den biografischen Spielfilm mit Selma Hayek in der Hauptrolle, bis in jeden Winkel ausgedeutet, ausgeleuchtet. Mit der Form des literarischen Monologs unterläuft Drakulic gleichsam die Übermacht des Frida-Kahlo-Bildes. Sie zeigt sie ja nicht von außen, sie gibt ihr eine Stimme von innen. Sie vernachlässigt dafür alle biografischen Kontexte: Zeitgeschichte, Kunstgeschichte, die Kulisse Mexikos und Mexiko Citys, und konzentriert sich auf eine Phänomenologie des Schmerzes. Allerdings ist der Roman in der Darstellung des körperlichen Schmerzes radikaler und überzeugender als in der Darstellung seelischer Schmerzen. Unnötig ermüdet sich der Roman in Klischees, wenn er wieder und wieder die sexuelle Habgier des "Maestros" beschreibt, wie Frida Kahlo den Ehemann Diego Rivera nennt. Die Figur des männlichen Künstlers als erotischer Nimmersatt, der Frauen verspeist, nachdem er sie gemalt hat, ist eigentlich ein alter Hut.

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