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StartseiteFirmenporträtPharma-Multi mit großen Plänen05.10.2012

Pharma-Multi mit großen Plänen

Teil 2 der Reihe "Schweizer Riesen": Novartis

Novartis ist der zweitgrößte Pharmakonzern der Welt. Mit der milliardenschweren Übernahme des Konkurrenten Alcon wird man nun Weltmarktführer im Augenheilbereich. Doch es läuft nicht alles rund, denn der Pharma-Riese steckt mitten in einem Patentstreit.

Von Hans-Jürgen Maurus

Hauptsitz des Schweizer Biotechnoligie - und Pharmaunternehmens Novartis in Basel. (picture alliance / dpa / Keystone Ruetschi)
Hauptsitz des Schweizer Biotechnoligie - und Pharmaunternehmens Novartis in Basel. (picture alliance / dpa / Keystone Ruetschi)
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Novartis ist der zweitgrößte Pharmakonzern der Welt, ein globales Unternehmen mit rund 120.000 Beschäftigten, das im 1. Halbjahr 2012 einen Umsatz von 28 Milliarden Dollar und einen Reingewinn von rund fünf Milliarden Dollar erwirtschaftete. Novartis hat eine Marktkapitalisierung von rund 150 Milliarden Franken und ist damit ein Schwergewicht im Schweizer Börsenindex SMI, so David Kägi, Pharmaanalyst der Privatbank Sarasin:

"Die Novartis ist das zweitgrößte Unternehmen im SMI, hat ein Gewicht von 18 Prozent, ist also hinter Nestlé die zweitgrößte Komponente des Schweizer Blue-Chip-Indexes."

Novartis verfolgt eine Fünf-Säulen-Strategie, ist also stärker diversifiziert als seine Konkurrenten:

"Ja, das ist tatsächlich so. Die wichtigste Säule ist das Pharmageschäft, das hat dann bei weitem das größte Gewicht. Das zweitgrößte ist das neue Augenheilmittelgeschäft, Alcon. Und das dritte wäre das Consumer-Health-Geschäft, das Geschäft mit nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Das vierte ist die Impfstoff- und die Diagnostikasparte. Und dann habe ich noch die Generika vergessen, die Sparte Sandoz, die beschäftigt sich mit Medikamenten, deren Patentschutz abgelaufen ist, also Generika."

Mit der Übernahme des Augenheilspezialisten Alcon für fast 13 Milliarden Dollar verfolgt CEO Joe Jimenez das Ziel, der erfolgreichste Gesundheitskonzern der Welt zu werden:

"Diese Fusion mit Alcon macht Novartis zum Weltmarktführer im Augenheilbereich mit einem Umsatz von neun Milliarden Dollar und einem Anteil von 70 Prozent in diesem Sektor. Das demografische Umfeld begünstigt das Wachstum, zum Beispiel bei der Prävention und Behandlung chronischer Augenleiden. Es gibt 66 Millionen Menschen, die unter Glaukomen leiden, und in China kämpfen allein 60 Millionen Menschen mit dem grauen Star."

Viele Patienten, auch in Deutschland, kennen Novartis oder nehmen die Produkte ein, zum Beispiel das Blockbuster-Herzmittel Diovan, doch der Patentschutz läuft jetzt aus und das hat Folgen, so David Kägi:

"Ja, das Medikament hat 2010 noch einen Umsatz von sechs Milliarden erzielt und war ein sehr profitables Produkt. Der wichtige Patentschutz in den USA, der läuft im Moment gerade aus und die Firma wird hier etwa zwei Milliarden Umsatz verlieren."

Novartis-CEO Joe Jimenez beziffert die Umsatzeinbußen bei Diovan gar auf 3,5 bis vier Milliarden Dollar. Patentschutz ist ein heißes Eisen für Novartis, weil der Konzern vor dem Obersten Gerichtshof in Indien bezüglich des Krebsmedikaments Glivec gegen die Aufweichung des Patentschutzes klagt, das ruft Kritiker wie Oliver Claasen von der NGO-Erklärung von Bern auf den Plan:

Das Lepra-Medikament MDT-Combi des Schweizer Pharmaproduzenten Novartis, der mit der WHO im Kampf gegen Lepra kooperiert. (AP)Das Lepra-Medikament MDT-Combi des Schweizer Pharmaproduzenten Novartis. (AP)"Die Befürchtung ist die, dass der Zugang zu Medikamenten für die Menschen in Entwicklungsländern, die hauptsächlich, zu 70 Prozent, aus dem indischen Markt kommen, dass dieser Zugang weiter eingeschränkt wird, deswegen weil die Preise sich nach oben entwickeln werden, wenn solchen Patentbegehrem, wie das jetzt, das von Novartis angestrengt wird, recht gegeben wird."

Es gehe bei dem Patentstreit nicht um das Thema Innovationsschutz, meint Oliver Claasen:

"Der Innovationsschutz ist unbestritten und absolut notwendig, da wären wir die Letzten, die das infrage stellen würden. Tatsächlich geht es aber um eine Modifikation bei diesem speziellen Medikament. Das ist von drei Instanzen in der indischen Rechtsprechung so benannt worden, das ist das Problem. Diese Modifikation, da geht es um eine Patentverlängerung, die Novartis da haben möchte. Wenn das durchkommt, dann wird eine ganze Reihe von Medikamenten, von lebensnotwendigen Medikamenten, für Menschen in der Dritten Welt und in den Schwellenländern unerschwinglich werden."

Auf jeden Fall steht in Indien viel auf dem Spiel. Nach einer Studie von Price-Waterhouse-Coopers dürfte der indische Pharmamarkt bis 2020 von derzeit elf Milliarden Dollar auf 74 Milliarden Dollar massiv ansteigen. Das sieht David Kägi von der Bank Sarasin ganz genauso:

"Wenn Novartis gewinnt, das ist ganz klar, wird Indien in ein paar Jahren zu einem Medikamentenmarkt werden können, der eine ähnliche Bedeutung haben wird wie China. Wenn Novartis diesen Patentstreit verliert, dann heißt das wohl, dass die Menschen in Indien nicht den Zugang zu modernen westlichen Medikamenten kriegen werden, weil es für die westlichen Pharmafirmen einfach nicht interessant sein wird, in diesem Markt einzudringen."

Den Ausgang des Verfahrens in Indien beobachtet auch Oliver Claasen von der "Erklärung von Bern":

"Wenn diese kleine Klausel 3d im indischen Patentgesetz, die eben vorschreibt, dass es eine nachweisliche Innovation sein muss bei einem Medikament, nicht bloß eine Modifikation, wenn diese Klausel faktisch gelockert wird bis gelöchert wird von dem zu erwartenden Richterspruch, dass das dann Tür und Tor öffnet für die gesamte globale Pharmaindustrie in Indien, einem Riesenmarkt, dass dort die Pharmaunternehmen für die Profite den Zugang zu den Medikamenten einschränken."

Noch ein Streit beschäftigt Novartis seit längerem. Das 25 Millionen-Franken-Salär des Verwaltungsratspräsidenten Daniel Vasella. Doch das ist eine andere Geschichte.

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