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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenEine neue Sicht auf die Briefpost21.01.2016

PhilatelieEine neue Sicht auf die Briefpost

Viele Menschen haben früher einmal Briefmarken gesammelt, fortgeführt wird das Hobby aus Kinder- und Jugendtagen später eher selten. Inzwischen bleibt auch der Nachwuchs aus. Dieses Nischendasein haben Kulturwissenschaftler jedoch als Chance gesehen, Briefpost anders zu betrachten - intensiver, komplexer.

Von Christian Forberg

Sieben Millionen Mark wert ist der aus dem Jahr 1847 stammende "Bordeaux-Brief" mit einer Blauen und einer Roten Mauritius-Briefmarke. (picture alliance / dpa / Fabian Matzerath)
"Bordeaux-Brief" mit Blauer und Roter Mauritius. Briefmarken zu sammeln, kann sich lohnen. (picture alliance / dpa / Fabian Matzerath)

Da tauchen sie noch einmal auf aus der Geschichte: die 17-jährige Queen Victoria auf der schwarzen "One Penny", der allerersten Briefmarke von 1840; die mit Schild und Speer gewappnete Britannia oder die gekrönte Germania im Brustpanzer. Geld in Form eines Papierschnipsels, Repräsentations- und Hoheitszeichen von Staaten.

"Wenn die Briefmarke allerdings benutzt war, dann hat der Staat sein Interesse verloren. Für den Sammler aber gleichwohl; dann begann er oft erst wirklich." Dr. Andreas Hahn leitet das Archiv für Philatelie in Bonn. Das ist Teil der Museumsstiftung Post und Telekommunikation, dem einen Veranstalter der Tagung zur kulturwissenschaftlichen Seite der Philatelie. Aber dieses Sammeln hat ein Manko: Der normale Sammler betrachte seine Briefmarken selten unter ästhetischen oder kunsthistorischen Gesichtspunkten.

"Man hat sich das Motiv nicht besonders angeschaut, sondern man hat sich damit beschäftigt: Wie selten ist die Briefmarke? Ist das eine interessante Abart oder ein besonderer Stempel, der da drauf ist? – das hat immer das Faszinieren der Briefmarke ausgemacht, wie die Glückskiste bei der Lotterie." Was wohl ein Grund dafür sein mag, dass viele das Jagen nach und Sammeln von Briefmarken irgendwann einmal aufgegeben haben: Die Faszination erlosch. Mit Blick auf Geisteswissenschaftler vermutet Professor Detlev Schöttker: "Das kam daher, dass sich die meisten Schriftsteller, Kunsthistoriker und andere, die sich mit Briefmarken beschäftigt haben, nicht dazu bekennen wollten – möglicherweise aus einer Art Scham, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht als akademisch würdig erachtet werden und sich so nicht zu erkennen gegeben haben, sodass es nicht zu einem Austausch über ihre Interessen und über ihre Arbeiten auch zu Briefmarken kam."

In mindestens zwei Fällen gelte das nicht, meint der Germanist am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin, dem ZfL, als dem zweiten Veranstalter der Tagung: "Benjamin gehörte dazu und auch Aby Warburg, der Begründer der kulturwissenschaftlichen Bibliothek in Hamburg und Vordenker einer neuen Kunstgeschichte als Bildwissenschaft. Interessant ist dabei, dass die Arbeiten von beiden, die zur Briefmarke vorliegen, lange Zeit überhaupt nicht ernst genommen wurden."

Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Detlev Schöttker hat Walter Benjamins kurzen Text "Briefmarken-Handlung" im Sammelband "Einbahnstraße" bei Suhrkamp editiert. In ihm finden sich Sentenzen wie: "Marken sind die Visitenkarten, die die großen Staaten in der Kinderstube abgeben."

Auch in die des späteren Kunst- und Kulturwissenschaftlers Aby Warburg gelangten sie: Briefmarken wurden für den 1866 Geborenen eine jugendliche Leidenschaft, die später wiederholt aufgeflammt sei, sagt der Leipziger Kunsthistoriker Frank Zöllner. Besonders in den 1920er Jahren, "da ja die Weimarer Republik eine neue Symbolik entwickelt hat. Warburg hat versucht, daran mitzuwirken. Er hat auch versucht, einen Schulterschluss zwischen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und dem politischen Wirken herzustellen. Dass ein Wissenschaftler über sein Reflektieren, über Bilder auch politisch wirksam werden kann, nämlich eine moderne Bildsprache, die anknüpft zum Beispiel an die Verbildlichung der modernen Verkehrsmittel, der modernen Kommunikationsmedien – und auch eine Bildsprache, die nicht nationalchauvinistisch ist."

Das "Gefühl für das Symbol" sei durch die rasanten technischen Entwicklungen und den Ersten Weltkrieg verloren gegangen, so Warburg in den 1920er Jahren. Weshalb er selbst eine Luftpostmarke in groben Zügen entwarf, um die Konferenz von Locarno zu würdigen, die 1925 den völkerrechtlichen Status Deutschlands neu regelte. Das Motiv eines Flugzeugs, das sich aufmacht, in den Morgen zu starten, gelangte jedoch nicht auf eine Marke, sondern auf eine Druckgrafik für Freunde. Professor Frank Zöllner leitet darüber hinaus Warburgs kulturwissenschaftliche Hauptleistung aus dessen Beschäftigung mit Briefmarken ab. Er habe die Ikonografie von Bildern auf die Ikonologie, auf die Suche nach der Herkunft von Bildmotiven erweitert.

"Zum Beispiel die Entschlüsselung von Wasserzeichen in der Philatelie ist ja eine Semantik, wo etwas Verborgenes sichtbar gemacht und dann gedeutet wird. Und das entspricht recht genau dem Vorgehen der Ikonologie, sodass ich den Schluss daraus ziehe, dass diese Bildung des Heranwachsenden an der Methodik der Philatelie eine der Grundlagen ist für seine Methodik als Kulturwissenschaftler."

Eine außerordentlich spezielle Art von Philatelie als politisch-ästhetischem Instrument stellte Silke Plate von der Forschungsstelle Osteuropa der Uni Bremen vor: Briefmarken aus dem Untergrund. Sie wurden im Polen der 1980er Jahre gedruckt, waren aber nicht für den Postverkehr gedacht. Es waren professionell entworfene und gedruckte Spendenmarken, deren Erlös der Opposition zugutekam.

"Sie wollte nicht den Staat putschen, nicht die Volksrepublik absetzen. Sie wollte im Dialog eine gesellschaftliche Vereinbarung mit dem Regime herbeiführen und hat auf den symbolischen Gehalt des Mediums Briefmarke, auf das Medium der Staatlichkeit zurückgegriffen. Und deshalb ihren Protest, den sie in der Bildsprache ausgedrückt hat, indem sie Themen enttabuisiert oder umgedeutet hat, diesen Protest noch angereichert, indem sie das Medium Briefmarke eingesetzt hat."

Das hatte in der polnischen Geschichte mehrere Vorbilder: Immer dann, wenn eine Regierung als oktroyiert, als Fremdherrschaft empfunden wurde, druckten Oppositionelle Briefmarken, die vordem tatsächlich auf Briefe geklebt wurden.
Was entfernt an die Einladung der hiesigen Post erinnert, doch selbst kreativ zu werden: Gefallen dir unsere Marken nicht? Dann gestalte deine eigene Post! Für den Kulturwissenschaftler Dr. Dirk Naguschewski vom Berliner ZfL ist das ein Zeichen, dass die Briefmarke noch lange nicht am Ende ist. Auch dank ihrer Zähnung, die Walter Benjamin einst als weißes, spitzengarniertes Tüllkleid des Markenkörpers bezeichnete.

"Webprovider: Wenn die Mailservices anbieten, dann benutzen die das Bild der Briefmarke, um dafür zu werben. Es ist immer noch klar: Die Zähnung steht für Kommunikation über Distanz. In den Künsten wird momentan unglaublich viel mit der Briefmarke gespielt. Ich glaube, das hat was mit frei werdendem Potenzial zu tun. Die Briefmarke ist nicht mehr allein das kleine Fetzchen Papier, was vom Staat herausgegeben wird und irgendwie staatlicher Symbolpolitik gehorcht. Denn das tut sie. Natürlich gibt es ganz hässliche Osterhasen-Briefmarken. Aber dagegen lässt sich ja wiederum was machen und was sagen und was tun."

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