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StartseiteBüchermarktPhilippe Djian: Reibereien27.04.2005

Philippe Djian: Reibereien

Vom polyglotte französischen Bestseller-Autor Philippe Djian Bestseller-Autor, heute in Paris zu Hause, gibt es Neues zu berichten. Mit "Reibereien" stellt Djian sein neues Buch vor. Er bleibt seinem Thema treu: den heftigen Ausschlägen des Gefühls und den Schwierigkeiten, die sie im Zusammenleben der Menschen verursachen. Das hat ihn schon bei seinem Durchbruch mit "Betty Blue, 37,2 Grad am Morgen" beschäftigt.

Von Elke Biesel

Durchblick bewahren ... (Stock.XCHNG / Matt Aiello)
Durchblick bewahren ... (Stock.XCHNG / Matt Aiello)

Sie lieben sich, das heißt aber auch, dass sie sich unweigerlich Schmerzen zufügen. Auch in seinem jüngsten Buch "Reibereien" bleibt Philippe Djian einem Thema treu, das ihn seit seinem Durchbruch mit Betty Blue und "37,2 Grad am Morgen" in immer neuen Variationen beschäftigt: die heftigen Ausschläge des Gefühls und die Schwierigkeiten, die sie im Zusammen-leben der Menschen verursachen.

Diesmal beobachtet Djian jedoch kein Liebespaar, sondern eine Mutter und ihren Sohn, aus dessen Perspektive er verschiedene Episoden aus dem Leben der beiden erzählt. Zu Beginn ist der Sohn ein Kind von elf Jahren, am Ende des Buches hat er die 40 überschritten. Die erste Geschichte von Mutter und Sohn hat Djian für die Tageszeitung "Le Monde" geschrieben und da er sich schlecht von seinen fiktionalen Geschöpfen trennen kann, kam ihm die Idee, ihre Geschichten weiter zu verfolgen – nicht in einem linearen Roman, sondern bewusst mit Leerstellen in einzelnen Blöcken erzählt:

"Es ging mir auch darum, mich an den Worten Hemingways zu orientieren. Er hat einmal gesagt, dass ein guter Schriftsteller, wenn er die Spitze eines Eisbergs beschreibt, begreiflich machen kann, was für eine riesige Masse da noch unter Wasser wartet – nur dadurch dass er über diese kleine sichtbare Kuppe schreibt. "

Die kurze Form, sagt Djian, sei für ihn auch deshalb interessant gewesen, weil er prüfen wollte, ob er nach Jahren der erzählerischen Langstrecke noch einmal auf die kurze Distanz zurückkehren konnte. Das sei eine Herausforderung an das eigene Schreiben.

Der elliptischen Stil, den Djian für diese Form gefunden hat, erinnert stark an eines seiner großen Vorbilder – Raymond Carver. Auch in Carvers Erzählungen sind die Dinge, die nicht erzählt werden, mindestens ebenso wichtig wie die, die er beschreibt. Djian scheut allerdings den Vergleich mit seinem amerikanischen Kollegen.

"Mit Raymond Carver verglichen zu werden, ist sehr sehr schwer für mich, weil ich ihn so sehr schätze. Ich fühle mich nicht auf Augenhöhe mit ihm ... Es geht auch nicht darum, ihn und andere Autoren zu kopieren, sondern heute die Arbeit zu machen, die sie früher gemacht haben. Sie haben mein Leben ein wenig verändert und meine Aufgabe ist es, zu schauen, ob ich heute das Leben oder die Wahrnehmung einzelner verändern kann. "

Kein Zweifel, Philippe Djian glaubt an die Kraft der Literatur. Genau das macht ihn aber auch skeptisch gegenüber dem aktuellen Literaturbetrieb und seinen medialen Auftritten.

"Man darf Literatur nicht mit Showbusiness verwechseln. Ich versuche, so selten wie möglich öffentlich aufzutreten. ... Ich versuche den Autor an seinem Platz zu lassen und das heißt im Schatten. Im Licht sollen die Bücher stehen, aber wir leben in einer Welt, in der man die Schriftsteller dazu drängt, ins Licht zu treten. "

Das, was Djian beim Schreiben am wichtigsten ist, sträubt sich aber ohnehin gegen jede Vereinfachung. Er hält nichts davon, seine Ideen über die Welt zu verbreiten, auch die Inhalte seiner Romane sind für ihn nicht mehr als ein Skelett, an das er seine Sätze anlehnen kann. Aber das alles wäre nichts ohne den Stil.

"Es stimmt, das, was mich wirklich interessiert – und ich denke, es sollte die einzige Sache sein, die Autoren beschäftigt – das ist der Ton, die Sprache, der Blickwinkel, das ist die Musik, die Musikalität des Textes. ... Die Basis ist der Satz. Man schreibt den ersten Satz und dann schaut man, ob er vielleicht einen zweiten nach sich zieht, ob die beiden in eine Beziehung miteinander treten und dann findet man plötzlich eine besondere Musik und alles andere folgt. Der Stil bedingt die Geschichte."

Djian macht sich keinen Plan bevor er anfängt zu schreiben, er lässt sich von den Worten mitnehmen und weiß nach eigenem Bekunden nicht, wohin die Reise geht. Die letzte Szene in "Reibereien", in der der Sohn seinen Kopf in den Schoss seiner Mutter legt, nachdem er ihr kurz zuvor angeboten hat, wieder mit ihm zusammen zu ziehen, kann demnach nicht von Anfang an das Ziel der Mutter-Sohn-Geschichten gewesen sein. Trotzdem ist sie für Djian das perfekte Sinnbild für die Beziehung, die er mit literarischen Mitteln untersuchen wollte.

"Diese Situation des abwesenden Vaters bedingt, dass diese beiden Menschen etwas entwickeln ... dass über die einfache Mutter-Sohn-Beziehung hinaus geht. Es gibt eine wahre Liebe zwischen ihnen. Ich schreibe es nicht, aber ich glaube, dass es sogar einmal eine körperliche Beziehung gegeben hat. ... Ich wollte wissen, ob man bei dieser Konstellation in etwas Dunkles und Schreckliches abrutscht. Aber das finde ich überhaupt nicht. Ich mag diese Verbindung, die die beiden haben, sehr. "

Damit die Beziehung zwischen Mutter und Sohn nicht zu erdrückend wird, gesteht Djian beiden ihre Affären zu. Glücklich aber werden sie darin nicht. Beide reihen sich ein in Djians klassisches Personal: Menschen, die auf der Suche sind nach dem verlorenen Paradies und die bei allen Enttäuschungen und Rückschlägen nicht aufhören, daran zu glauben. Sie schwächeln, machen Fehler, verletzen einander, aber sie stehen nach allen Schicksalsschlägen wieder auf.

Um das Leben ertragen zu können, ertränken sie ihr Bewusstsein hin und wieder im Rausch. Eine noch größere Rolle als in "Reibereien" spielen die Drogen in Djians neuem, noch nicht übersetzten Roman "Impureté" (Unreinheit). Darin hat jede Generation ihr eigenes Fluchtmittel. Das Thema Drogen ist ein Reflex auf eine Gesellschaft, die, wie Djian sagt, schrecklich und chaotisch ist mit all ihren Kriegen, Skandalen und bunten Trugbildern.
Doch er, als Autor, will keine Lösungen anbieten und schon gar nicht mitmachen im unablässigen Geschwätz veröffentlichter Meinung - ganz im Gegenteil.

"Ich habe keine interessantere Meinung zur aktuellen Situation als andere Menschen, ich habe auch keine besseren Lösungen. ...Die Rolle der Schriftsteller ist meiner Meinung nach eher, Fragen zu stellen."

So sehr Philippe Djian auch die Bedeutung des Stils für seine Arbeit betont, seine Bücher sind immer auch Untersuchungen zum Stand des Zusammenlebens der Menschen. Mit seiner sprachlichen Sonde leuchtet er in ihre intimsten und schrecklichsten Gedanken hinein, in ihre Hilflosigkeit und Dummheit. Und was immer auch kommen mag, er hält ihnen die Treue, behandelt sie mit Wärme.
Schade ist nur, dass Djian sein Stilexperiment in "Reibereien" nicht recht gelungen ist. Seine Romane überzeugen mehr als die offenen Geschichten von Mutter und Sohn. Die Auswahl der Episoden entwickelt keine zwingende Logik und manche Szenen bekommen etwas Beliebiges weil sie ohne Anbindungen bleiben. Aber der nächste Roman kommt bestimmt und Djians lakonischer Ton und seine sprunghafte Fantasie trösten über das ein oder andere Spannungsloch hinweg.

Philippe Djian, Reibereien, Diogenes Verlag,
234 Seiten, 19.90 Euro.

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