• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 19:15 Uhr Zur Diskussion
StartseiteForschung aktuellNaturphysikalische Phänomene leicht erklärt17.08.2016

Physik für FlüchtlingeNaturphysikalische Phänomene leicht erklärt

Es sind einfache Experimente, die spielerisch vermittelt werden und für Physik begeistern. Seit letztem Jahr gibt es das das Projekt "Physik für Flüchtlinge". Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) stößt damit auf gute Resonanz.

Von Jan Rähm

Das Projekt "Physik für Flüchtlinge" in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin (Jan Rähm)
Das Projekt "Physik für Flüchtlinge" in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin (Jan Rähm)
Mehr zum Thema

Arnulf Quadt, Vorstandsmitglied, Deutsche Physikalische Gesellschaft e.V. (DPG), Uni Göttingen

AWO Wohnheim Spandau, Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge

Physik für Flüchtlinge, Projekt der Deutschen Physikalischen Gesellschaft

DPG-Initiative "Physik für Flüchtlinge" Kinderprogramm mit Köpfchen

"Ich heiße Wurood, ich bin zehn Jahre alt. Wir machen eine Lampe mit Schaltkreis, mit Kabel und Batterie."

Ortstermin in Berlin Spandau. Die Sonne lacht. Wurood steckt Kabel, Schalter und Lampen zusammen und an eine Batterie. Die kleine Irakerin ist seit gut einem Jahr in Deutschland. Ihr genau wie einem guten Dutzend weiterer Kinder und Jugendlicher macht das Experimentieren sichtlich Spaß. Sie beugen sich über den Tisch, lachen, diskutieren. Ein fröhlicher vielsprachiger Chor. Die kleinen Hände greifen die Batterien, Kabel und Lämpchen. Stecken sie zusammen und lachen wieder. Anleitung und Hilfe bei dem einfachen Experiment bekommen die Kinder von Betreuern wie Kai Nörthermann:

"Da kannst Du die Kabel an die Batterie anklemmen. Das andere Ende vom Kabel an die Lampe. Und das hier an die Seite - und dann leuchtet die Lampe."

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft DPG hat in die technisch-historische Siemensstadt in Berlin eingeladen. Hier, im Flüchtlingsheim Spandau der Arbeiterwohlfahrt, können Kinder und Jugendliche regelmäßig einmal in der Woche dem Alltag in den Wohncontainern im Industriegebiet entfliehen und spielerisch die Physik entdecken. Das Projekt heißt: "Physik für Flüchtlinge". DPG-Vorstand Arnulf Quadt erklärt, worum es dabei geht:

"Das Projekt 'Physik für Flüchtlinge' soll auf der einen Seite Kindern und Jugendlichen, die als Flüchtlinge herkommen - vielleicht auch bevor sie in die Schule gehen oder als Ergänzung zur Schule - Unterhaltung und Betreuung geben, aber sie eben auch in unsere Bildungs- und Wissensgesellschaft einführen, Hands-On-Erfahrung im Experimentieren mit naturwissenschaftlichen Phänomenen geben. Denn die sind überall auf der Welt gleich. Das sind also Grunderfahrungen, die selbst wenn Sprachkenntnisse noch nicht vorliegen, überall gleich sind."

Physikalische Fragen stoßen bei Kindern und Jugendlichen auf Interesse

Bei dem Projekt beteiligen sich sowohl Vorschulkinder wie auch Jugendliche (Jan Rähm)Bei dem Projekt beteiligen sich sowohl Vorschulkinder wie auch Jugendliche (Jan Rähm)

Der Leiter der Flüchtlingsunterkunft in Siemensstadt, Jyoti Chakma, freut sich sehr über den regelmäßigen Besuch der Physiker.

"Diese physikalischen Experimente sind für Kinder und Jugendliche einfach spannend. Die sind einfach von Natur aus neugierig. Und so etwas zu experimentieren wie 'Das ist Strom und woher kommt Strom' und 'Wie Regenbogen entstehen' - das sind einfach spannende Experimente, die Kinder erleben und mitmachen. Einfach toll!"

Denn erstens haben die Kinder Spaß und entdecken die Welt der Physik. Und zweitens lernen sie quasi nebenbei die deutsche Sprache:

"Solche Projekte, solche Beschäftigung für Kinder und Jugendliche sind einfach wichtig. Es ist jetzt nicht nur so, dass die was Neues lernen, es fördert ja auch soziale Kompetenzen. Die integrativen Aspekte. Wir sagen ja Integration. Und wenn man von Kindesalter solche Projekte anbietet, die auch die Kommunikation und die soziale Kompetenz fördern - das ist so wichtig, dass mehr solche Projekte einfach sinnvoll sind für Kinder und Jugendliche."

Aktuell etwa 170 Freiwillige beteiligt

Vom Projekt schnell begeistert war auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Verantwortlichen dort mussten nicht lange überzeugt werden und unterstützen die Aktion finanziell. Bis jetzt half der Bund mit rund 150.000 Euro. Die Idee zur Physik für Flüchtlinge entstand aus dem Physikalischen Adventskalender heraus, einer Online-Plattform, auf der die DPG seit ein paar Jahren in der Vorweihnachtszeit physikalische Quizfragen stellt und beantwortet. Die kleinen Experimente, die Teil des Adventskalenders waren, eigneten sich perfekt für das spielerische Lernprogramm für Flüchtlinge, erzählt Arnulf Quadt:

"Das Projekt war spontan organisiert und war im letzten Jahr sehr erfolgreich mit 1100 Freiwilligen, mit 20 Einrichtungen, die wir gewinnen konnten und über 7000 Kindern, die wir in dreieinhalb Wochen erreicht haben. Wir haben das Ganze von einem Tagesrhythmus zu einem Wochenrhythmus umgestellt. Wir haben dreißig Einrichtungen mittlerweile gewinnen können und es sind im Moment etwa 170 Freiwillige. Das heißt, das Potential ist sehr groß. Auf der anderen Seite könnten und bräuchten wir noch sehr viel mehr freiwillige Helfer, die auch nicht unbedingt physikalische Grundkenntnisse brauchen, um mitzumachen."

Projekt wird mindestens bis nächstes Frühjahr fortgeführt

Neben den von Freiwilligen organisierten Veranstaltungen gibt es mittlerweile auch erste Schulpartnerschaften. Dabei betreuen einzelne Klassen den wöchentlichen Experimentiernachmittag in einer nahe gelegenen Flüchtlingseinrichtung  - zum Beispiel in Freiburg und Frankfurt. Bis zum nächsten Frühjahr will die DPG das Projekt definitiv fortführen. Wenn es danach weiter Bedarf gebe und sich Fördermittel und genügend Helfer finden, könne die Aktion auch weiterlaufen, sagt Arnulf Quadt:

"Wir wollen helfen und wenn es heißt, wir schaffen das, empfinden wir das als Aufruf, dass wir als Physiker etwas tun, damit wir als Gesellschaft uns dieser Herausforderung stellen und sie meistern können."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk