Sonntag, 17.12.2017
StartseiteInterview"Spontane Rache schließe ich aus" 10.02.2017

Piëch-Vorwürfe zu VW-Abgasskandal"Spontane Rache schließe ich aus"

VW-Patriarch Ferdinand Piëch beschuldigt Ex-Konzernchef Martin Winterkorn und Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil, der auch im VW-Aufsichtsrat sitzt, in der Diesel-Affäre. Manche werfen Piëch ein Ränkespiel vor. Piëch-Biograf Wolfgang Fürweger indes sieht das anders."Piëch ist nicht der Typ für eine spontane Racheaussage", sagte Fürweger im Deutschlandfunk.

Wolfgang Fürweger im Gespräch mit Dirk Müller

Der damalige Aufsichtsratsvorsitzende der Volkswagen AG, Ferdinand Piech (2.v.l.), seine Frau und VW-Aufsichtsratsmitglied Ursula Piech (l), der damalige Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Martin Winterkorn, und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) stehen am 25.04.2013 in Hannover vor Beginn der Hauptversammlung der Volkswagen AG. (dpa-bildfunk / Julian Stratenschulte )
Ein Bild aus besseren Tagen: Der damalige VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch (2.v.l.), Aufsichtsratsmitglied und Gattin Ursula Piëch (l), der damalige Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) (dpa-bildfunk / Julian Stratenschulte )
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VW habe seit dem Abgas-Skandal ein generelles Glaubwürdigkeitsproblem, führte Piëch-Biograf Wolfgang Fürweger im Deutschlandfunk aus. Man habe damals Winterkorn gehalten und Piëch gehen lassen - also sozusagen den Boten geköpft. "Martin Winterkorn hat für mich schon damals jede Glaubwürdigkeit verloren", kommentiert Fürweger die Situation. Jetzt könne es aber auch sein, dass beide Seiten aus ihrer Sicht die Wahrheit sagten, ohne dass jemand lügen müsse. Die Wahrheit liege dann tatsächlich irgendwo dazwischen.

Das Bild zeigt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) vor vielen Mikrofonen. Er spricht am 09.02.2017 bei einer Pressekonferenz in der Staatskanzlei in Hannover (Niedersachsen).  (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) spricht von "Fake news". (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)Durch den Abgasskandal habe VW nun die Möglichkeit für einen Neustart - und die Chance sich vom veralteten Diesel-System zu verabschieden.

Piëch hatte laut Medienberichten Anschuldigungen gegen mehrere aktuelle Aufsichtsräte erhoben. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) soll demnach schon im März 2015 von Hinweisen auf Abgas-Manipulationen in den USA erfahren haben - viel früher als bisher bekannt. Der Skandal war dann Mitte September 2015 öffentlich bekannt geworden. Weil wies diese Vorwürfe als "Fake news" zurück. Er kenne Piëchs Behauptungen seit einigen Monaten. "Sie sind nicht bewiesen und nicht beweisbar." Piëch war zuletzt Aufsichtsratschef bei VW, zog sich aber nach einem verlorenen Machtkampf mit Winterkorn zurück.


Das Interview in voller Länge:

Dirk Müller: Jemand, der den Machtmenschen und den früheren Konzernpatriarchen Ferdinand Piëch beobachtet und ausführlich beschrieben hat, ist der Autor, Publizist und Piëch-Biograph Wolfgang Fürweger. Wir erreichen ihn heute Morgen in Salzburg. Guten Morgen.

Wolfgang Fürweger: Guten Morgen.

Müller: Sind das die Angriffe eines tief Verletzten?

Fürweger: Es kann sein, dass Ferdinand Piëch tief verletzt ist. Nur Angriffe - es war eine Aussage vor der Staatsanwaltschaft, die er gemacht hat und der Wahrheitspflicht. Und man muss dazu sagen: Eigentlich kennen wir die Aussagen ja nicht wirklich. Das sind ja alles nur Dinge, die vom Hörensagen berichtet werden. Der "Spiegel" und die "Bild-Zeitung berichten, Piëch hätte gesagt, dass …, und plötzlich sind alle in heller Aufregung. Ich würde total gerne die Originalaussage lesen, was Ferdinand Piëch wirklich gesagt hat vor der Staatsanwaltschaft, denn ich kann mir eigentlich auch ganz gut vorstellen, dass beide Seiten aus ihrer Sicht die Wahrheit sagen, ohne dass einer lügen muss. Denn wir wissen ja, Ferdinand Piëch ist ein Mensch, der sich sehr oft nur in Andeutungen ergeht. "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn" beispielsweise kann alles bedeuten, und jeder hat gerätselt, was meint er mit diesem Satz. Genauso gut könnte er gesagt haben zu den Mitgliedern des Präsidiums, schaut euch mal Amerika an, da stinkt’s, oder Ähnliches. Jetzt kann ich mit diesem Hinweis etwas anfangen. Ich kann ihn verstehen, ich kann ihn verstehen wollen. Ich kann weiter recherchieren oder ich kann einfach sagen, aha, okay, ist so.

Müller: Der ermittelnde Staatsanwalt ist im Moment nicht erreichbar. Das haben verschiedene Korrespondenten und Journalisten, auch unser Korrespondent versucht. Das heißt, wir haben keine Indikativ-Bestätigung dessen, was im Moment kolportiert wird oder behauptet wird. Zumindest gibt es ja bislang kein Dementi von Piëch. Hätte es das gegeben, wenn das nicht stimmen würde?

Fürweger: Ich glaube nicht, dass Ferdinand Piëch klug wäre, etwas zu dementieren, von dem eigentlich gar nicht klar ist, was er gesagt hat. Es ist ein laufendes Verfahren, in dem er befragt wurde, und es ist völlig unüblich, dass ein Beschuldigter oder ein Zeuge aus einem laufenden Verfahren heraus eine Aussage kommentiert. Ich glaube, hier muss man auch einmal die rechtliche Seite betrachten. Er hat eigentlich fast keine Möglichkeit zu erklären, was er vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt oder nicht ausgesagt hat.

"Als hätte man den Boten geköpft und nicht den Verursacher des Problems"

Müller: Herr Fürweger, für viele kam ja damals diese Distanz, diese Distanzierung vom Konzernchef Winterkorn aus heiterem Himmel, zumindest für viele, die sich in dem Unternehmen nicht weiter auskennen, die sich nicht weiter damit beschäftigt haben. Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass genau das der Grund sein könnte?

Fürweger: Na ja, ich glaube schon, dass hier jetzt ein Zusammenhang bestehen könnte. Wenn das stimmt, dann hat Piëch im Februar Informationen davon erhalten, man hat Piëch damit konfrontiert. Dann ist offenbar nichts passiert und im April, Anfang April hat er gesagt, ich bin auf Distanz zu Winterkorn. Das scheint mir durchaus möglich, das ist durchaus logisch, dass es hier einen Zusammenhang gibt. Und man hat dann eigentlich Winterkorn gehalten und Piëch vor die Tür gesetzt und aus heutiger Sicht stellt es sich fast so dar, als hätte man den Boten geköpft und nicht den Verursacher des Problems.

"Ferdinand Piëch ist niemand, der spontan eine Racheaussage macht"

Müller: Und wenn Ferdinand Piëch das tatsächlich dann im Februar, wie jetzt angenommen wird oder behauptet wird, erfahren hat, im Februar 2015, dass diese Abgasmanipulationen in vollem Gange sind, hat er dann auch als Kontrolleur völlig versagt?

Fürweger: Man muss es anders sehen. Seine Aufgabe ist es nicht, in das Tagesgeschäft einzugreifen. Er war Aufsichtsratsvorsitzender. Wenn das so ist, wie wir das jetzt gehört haben aus der Staatsanwaltschaft: Er hat den Vorstandsvorsitzenden damit konfrontiert und hat damit sozusagen seine Pflicht erfüllt. Und er hat auch, wenn das denn so stimmen sollte, wie er das gesagt hat, die anderen Aufsichtsratsmitglieder oder die Präsidiumsmitglieder informiert. Ich kann jetzt nicht sagen, es stimmt oder es stimmt nicht. Wenn ich jetzt sagen würde, Ferdinand Piëch lügt, würde ich ihm eine gerichtlich strafbare Handlung unterstellen, nämlich Falschaussage unter Wahrheitspflicht, und Sie verstehen, dass ich das nicht machen kann. Und ich sehe auch keinen Grund, es anzuzweifeln, denn auf so eine Befragung vor Gericht bereitet man sich sicher wochen- oder monatelang vor. Ich bin auch gefragt worden, ob hier plötzlich die Nerven mit ihm durchgegangen sind, oder ob er hier spontan eine Racheaussage gemacht hat. Ich glaube nicht, dass Ferdinand Piëch jemand ist, der spontan eine Racheaussage macht, wenn er sich wochen- oder monatelang auf so eine Befragung vorbereitet.

Müller: Stephan Weil hat ja gesagt, das ist ein Rachefeldzug. Das haben andere auch kolportiert. Ist für Sie ausgeschlossen, weil Sie sagen, wenn ich Sie richtig verstanden habe, Ferdinand Piëch ist da viel zu rational, viel zu abgeklärt dafür?

Fürweger: Spontane Rache schließe ich aus, dass er sagt, so, jetzt sitze ich da und jetzt fällt mir gerade ein, ich könnte irgendwie eine Lügengeschichte erfinden. So ein Typ ist er sicher nicht. Was dort wirklich passiert ist, können wir alle nicht beurteilen. Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Es gibt auch Politiker, die die Wahrheit schon situationselastisch interpretiert haben, wie man so schön in Österreich sagt, und von Fake News gesprochen haben, die sich kurze Zeit später bewahrheitet haben. Das wäre nicht das erste Mal. Ich glaube, man muss hier, bevor man jemand verurteilt, schon beide Seiten betrachten und ein bisschen auch die Fakten für sich sprechen lassen, und die Fakten sind eben, dass wir eigentlich nicht wissen, was Ferdinand Piëch wirklich genau gesagt hat.

"Volkswagen hat ein generelles Glaubwürdigkeitsproblem "

Müller: Herr Fürweger, Sie haben ja jahrelang sich mit Ferdinand Piëch beschäftigt und damit auch mit vielen anderen führenden Managern und Figuren im Volkswagen-Konzern. Haben aus Ihrer Sicht alle Beteiligten, alle Großmanager und Verantwortlichen in irgendeiner Form an Glaubwürdigkeit verloren?

Fürweger: Ich glaube, dass das Unternehmen Volkswagen ein generelles Glaubwürdigkeitsproblem hat. Die Kunden sehen das offenbar nicht ganz so, weil sie trotzdem die Volkswagen-Produkte kaufen. Aber natürlich: Das Image ist wahnsinnig angekratzt. Es könnte aber auch ein Gutes haben, denn der Diesel an sich oder das System Diesel ist ja durchaus aus Umweltgründen problematisch, und wenn man hier ein Umdenken einleitet - und es geht ja schon in diese Richtung Elektroauto mittlerweile -, dann hätte diese ganze Affäre auch etwas Gutes für sich gehabt am Ende.

"Martin Winterkorn hat für mich jede Glaubwürdigkeit verloren"

Müller: Herr Fürweger, vielleicht könnten Sie ein bisschen die Position, Ihre Stellung wechseln. Wir haben ein bisschen Schwierigkeiten mit Ihrer Handy-Leitung, die zu Beginn eigentlich ganz gut geklappt hat. Ich möchte auf die Frage noch einmal zurückkommen. Haben alle Manager, alle Verantwortlichen für Sie an Glaubwürdigkeit verloren, die jetzt noch amtieren und damals dabei waren?

Fürweger: Die damals dabei waren - Martin Winterkorn hat für mich schon damals jede Glaubwürdigkeit verloren gehabt. Wenn er gesagt hat, er hätte nichts davon mitbekommen, dann hat er als oberster Konzernherr versagt. Und wenn er gelogen hat, dann hat er ebenfalls versagt gehabt. Ich glaube, dass Volkswagen eigentlich diese ganze Diesel-Affäre nutzen sollte, um einen Neustart zu wagen, auch in Richtung sich von dem System Diesel, das mittlerweile sich doch als etwas veraltet erweist, zu verabschieden in Richtung einer modernen Umwelttechnik, wie sie etwa das Elektroauto ist.

Müller: Das hören wir jetzt auch ja aus Wolfsburg, dass das so gemacht werden soll. Matthias Müller ist der neue amtierende Mann seit Monaten, der damals ja auch schon Verantwortung getragen hat. Kann er das leisten, was Sie jetzt fordern?

Fürweger: Ich glaube, Matthias Müller war damals ja nicht so darin involviert, dass er beschädigt ist, und er gilt ja auch als Macher, und ich glaube durchaus, dass er die Möglichkeit hat, jetzt einen Neustart mit Volkswagen zu kreieren.

Müller: Wenn wir noch einmal über diese vermeintliche Quelle sprechen, kommen wir darauf noch mal zurück, Herr Fürweger. Woher Piëch diese Informationen bekommen haben soll, ist ja jetzt herausgekommen. So wird jedenfalls berichtet, dass der israelische Geheimdienst ihm diese Information gegeben hat. Jetzt haben wir das gestern hier in der Redaktion gelesen und fragen uns, wo ist da der Zusammenhang. Wie kann der israelische Geheimdienst potenziell auf die Idee kommen, Ferdinand Piëch zu unterrichten, anzurufen. Ist das glaubwürdig?

Fürweger: Das kann ich nicht beurteilen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Ferdinand Piëch Ehrendoktor einer israelischen Universität ist und in Israel eigentlich hoch geschätzt ist, weil er unabhängig davon, dass auch seine Familie darin involviert ist, die Geschichte von Volkswagen im Dritten Reich hat aufarbeiten lassen. Unter anderem dafür hat er einen Ehrentitel einer israelischen Universität bekommen. Insofern ist es durchaus glaubwürdig, dass Israel ihn schützen wollte vor Dingen, für die er nichts kann. Allerdings ist es auch völlig egal, woher die Information kam, denn sie hat sich nicht als richtig erwiesen.

Müller: Bei uns heute Morgen live im Deutschlandfunk der Publizist und Piëch-Biograph Wolfgang Fürweger.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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