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StartseiteMarkt und MedienPinguine statt Proteste08.06.2013

Pinguine statt Proteste

Die Demonstrationen in der Türkei und die Rolle der Medien

Während ausländische Medien bereits den ersten toten Demonstranten in Istanbul vermeldeten, liefen im türkischen Fernsehen Kochshows und Tierdokus. Wer in der Türkei Kritisches über die Erdogan-Regierung lesen will, schaut längst nicht mehr in die Massenmedien - sondern auf Twitter oder Facebook.

Von Luise Sammann

Straßenschlachten in Istanbul, Pinguine bei CNN Türk. (picture alliance / dpa / abaca / Abdurrahman Antakyal)
Straßenschlachten in Istanbul, Pinguine bei CNN Türk. (picture alliance / dpa / abaca / Abdurrahman Antakyal)

Die Wut ist groß in der Türkei in diesen Tagen: Die Wut auf die Regierung von Ministerpräsident Erdogan, die Wut auf die Polizei, die nach wie vor mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Demonstranten vorgeht. Und: die Wut auf die türkischen Medien!

"Die tun so, als ob nichts wäre."

Schimpft ein Demonstrant auf dem Istanbuler Taksim-Platz

"Während Medien in der ganzen Welt über die Türkei berichten, tun unsere Journalisten so, als ob überhaupt nichts wäre."

Und ein anderer Istanbuler erklärt:

"Sie zeigen weiter bunte Magazine und Serien im Fernsehen. Aber hier werden Menschen verletzt! Sie erwähnen höchstens, dass es Proteste gibt. Aber das reicht nicht! Sie müssen endlich erklären, was die Leute wollen und warum sie hier sind."

Und tatsächlich: Während am Freitagabend vor einer Woche zum ersten Mal Zehntausende Istanbuler auf den Taksim-Platz strömten – während Dutzende bei Straßenschlachten mit der Polizei verletzt wurden und ausländische Journalisten bereits den ersten Toten vermeldeten, liefen im türkischen Fernsehen Koch-Programme und Serien, Spieleshows und Volksmusik. Beinahe berühmt unter den Demonstranten wurde das Beispiel des Senders CNN Türk: Während dessen Mutterprogramm CNN International bereits ausführlich berichtete, watschelten bei CNN Türk stundenlang Pinguine durchs Bild. Eine Naturdoku aus der Antarktis, während es im eigenen Land immer heißer wurde.

"Das Ganze hat sichtbar gemacht, wie schlecht die Qualität unserer Medien ist."

Bewertet die Medienwissenschaftlerin Ceren Sözeri von der Istanbuler Galatasaray-Universität die Ereignisse der letzten Tage.

"Endlich hat die breite Masse gesehen, wie einseitig die türkischen Medien berichten. In gewissem Sinne hatte die miserable Berichterstattung also einen positiven Effekt, denn sie hat viele Menschen aufgeweckt und dazu gebracht, sich aufzuregen."

Dass die Medien in der Türkei parteiisch sind, ist kein Geheimnis. Jahrelang ließ sich bereits am Titelbild erkennen, ob man ein Pro- oder ein Contra-Erdogan-Blatt in der Hand hielt. Während der jüngsten Proteste aber schien besonders das Schweigen der TV-Sender ein neues Ausmaß anzunehmen. Kein Wunder, findet Medienwissenschaftlerin Sözeri: Sie selbst begann nach dem Studium als Journalistin – bis sie Druck und Einseitigkeit nicht mehr ertrug und die Seiten wechselte.

"Weil es hier unheimlich enge Verbindungen zwischen Medien und Regierung gibt: Fast alle Medienbosse der Türkei sind gleichzeitig Investoren im Energie- oder im Tourismussektor. Der Staat spielt natürlich eine wichtige Rolle in der Wirtschaft und deswegen achten diese Medienbosse bei allem, was sie tun darauf, eine gute Beziehung zur Regierung zu pflegen."

Nicht direkte Zensur – wie etwa in Mubaraks Ägypten oder Assads Syrien – sorgt also für die Unausgewogenheit am Bosporus, sondern viel mehr die Selbstzensur von Medienbossen und verantwortlichen Redakteuren.

Umso wichtiger ist deswegen ein Trend, der sich am Bosporus so schnell verbreitet wie kaum anderswo: Soziale Medien! Längst sind die Türken Europameister bei der Facebook-Nutzung, kaum ein Türke unter 30, der nicht twittert. Wer in den vergangenen Tagen nicht Pinguin-, sondern Protestnachrichten lesen wollte, der ging deswegen gleich ins Internet. Dort formierte sich der Widerstand gegen den türkischen Ministerpräsidenten – und dort ist er bis heute am aktivsten. Ob Erdogan will oder nicht.

"Im Moment gibt es ein großes Übel mit Namen Twitter in unserem Land …"

Polterte der Ministerpräsident denn auch Anfang der Woche im türkischen Fernsehen.

"Dort wird übertrieben und die größten Lügen werden verbreitet. Ich denke, die sozialen Medien sind ein großes Unheil für unsere Gesellschaft. Sie terrorisieren sie."

Erdogan mag die Massenmedien auf seiner Seite haben – doch im Internet hat er es schwer: Zahlreiche türkische Journalisten schreiben inzwischen unter falschem Namen bei Twitter das, was sie bei ihren Arbeitgebern nicht sagen dürfen. Mehr als Hundert Jungjournalisten haben sich gar zu einer eigenen Twitter-Nachrichtenagentur zusammengetan – alles, was in den Straßen Istanbuls dieser Tage geschieht, ist wenige Minuten später online. Darunter auch die Tatsache, dass vor einigen Tagen fast dreißig Twitterer festgenommen wurden, weil sie angeblich irreführende Informationen verbreitetet und zu Protesten aufgerufen hatten. "Wenn das ein Verbrechen ist", twitterte ein Oppositionspolitiker prompt, "dann haben wir es alle begangen."

"Ob die Massenmedien aus den jüngsten Ereignissen etwas gelernt haben?"

Wird Medienwissenschaftlerin Sözeri dieser Tage häufig gefragt. Immerhin berichtet der ein oder andere Nachrichtensender nach zahlreichen Anti-Medien-Protesten inzwischen doch ausführlicher. Doch die Medienwissenschaftlerin winkt ab:

"Ich glaube ehrlich gesagt, das interessiert längst nicht mehr! Denn die Leute wissen jetzt, dass sie auch ohne die Massenmedien an Informationen kommen. Ob die sich verbessern, ist also ihr eigenes Problem, nicht das der Menschen. Meine Hoffnung liegt bei den alternativen Medien."

Deren Inhalte lassen sich so leicht nicht beeinflussen. Viel zu groß ist die Zahl der türkischen Twitterer und Facebook-Nutzer, viel zu dezentral entstehen die Nachrichten im ganzen Land. Selbst, wenn jemand verhaftet oder mundtot gemacht wird, kommen zwanzig neue nach, glaubt Medienwissenschaftlerin Sözeri. Erdogan dürfte Recht haben: Twitter könnte großes Unheil bringen – allerdings nicht für die Gesellschaft, sondern eher für ihn selbst.

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