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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturPlädoyer für eine neue gemeinschaftliche Verantwortung20.08.2012

Plädoyer für eine neue gemeinschaftliche Verantwortung

Silke Helfrich/Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): "Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat". Transcript Verlag

Das englische Wort "Commons" steht für Allgemeingut und damit für ein Politik- und Gesellschaftsverständnis, das im Krisenkontext unserer Tage als Zukunftsmodell für ein neues soziales Miteinander gesehen werden kann. Ein von der Heinrich-Böll-Stiftung und Silke Helfrich herausgegebener Sammelband stellt die Idee vor.

Von Sonja Ernst

Gemeinsam Verantwortung tragen für Mensch und Natur (dpa / Patrick Pleul)
Gemeinsam Verantwortung tragen für Mensch und Natur (dpa / Patrick Pleul)

Das Schlagwort "Commons" ist zurück. Aus dem Englischen übersetzt, bezeichnet es die Güter, die allen gehören. Dabei ist die Vorstellung gemeinschaftlicher Güter schon seit dem Mittelalter unter dem Begriff "Allmende" bekannt. Doch die Commons umfassen deutlich mehr als die bloße gemeinsame Nutzung von Wiesen und Wasser. Auch Sprache, kulturelle Rituale, Information bis hin zu Software für die Allgemeinheit sollen frei zugänglich sein. Längst haben Historiker, Ökonomen, Software-Entwickler und Künstler die moderne Konzeption des Gemeinschaftsgutes für sich entdeckt, aber auch Kleinbauern und Fischer in Entwicklungsländern. Einen Einblick und Ausblick in die Thematik bietet der aktuelle Sammelband, den die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit Silke Helfrich herausgegeben hat. Helfrich, die als eine der bekanntesten Commons-Befürworterinnen Deutschlands gilt, sieht in dem Konzept starkes Zukunftspotenzial:

"Commons heißt, dass Sie Probleme nach bestimmten Prinzipien lösen. Dass Sie wieder den Fokus darauf legen, was eigentlich die Macht des wirklichen 'unser' bedeutet. Wer aus dem Allgemeingut schöpft, muss auch in das Allgemeingut zurückgeben. Beitragen statt tauschen: Also, etwas zum gemeinsamen Produzieren oder Reproduzieren beitragen, statt es dann immer auf den Markt zu tragen. All das sind Prinzipien des Commoning, die sich eigentlich in jede Situation übersetzen lassen. Man muss nur lernen, es denken zu können."

Diese "andere" Denke – die auf Kooperation setzt und auf den Erhalt von Ressourcen und kulturellem Erbe – durchzieht den gesamten Band. Vorgestellt werden dabei die Theorie der Commons und das Commoning, also das Aufstellen von Regeln für eine gemeinschaftliche Nutzung, in den unterschiedlichsten Bereichen: Der öffentliche Raum wird ebenso thematisiert wie die Gentechnologie oder die Nutzung natürlicher Ressourcen. Dabei bleiben die rund 70 Aufsätze und Gespräche des Sammelbands angenehm kurz und prägnant - und können getrennt voneinander gelesen werden. Das Autorenteam ist international: Der US-amerikanische Historiker Peter Linebaugh ist hier ebenso vertreten wie der ecuadorianische Politiker und Ökonom Alberto Acosta oder die deutsche Rechtswissenschaftlerin Christine Godt. Gleich mehrere Aufsätze befassen sich damit, wie Innovationen und Wissen als Allmende geschützt und für die Öffentlichkeit bereitgestellt werden können. Bestes Beispiel: die "Freie-Software-Bewegung", die das Betriebssystem Linux hervorgebracht hat. Der Programmierer Christian Siefkes beschreibt in seinem Aufsatz den unerwarteten Aufstieg freier Software, die genutzt, geändert und auch weiterverbreitet werden darf – unter der Bedingung, dass sie frei bleibt:

Bei freier Software gibt es keine Trennung zwischen Nutzung und aktiver Beteiligung. Viele Beteiligte nutzen die Software nur, doch einige tragen gelegentlich oder sogar regelmäßig und intensiv zu ihrer Weiterentwicklung bei. Wer was tut, entscheiden die Beitragenden selbst. Es gibt keine Beteiligungsverpflichtung, aber auch wenig Hindernisse.

Doch so vielfältig die Anwendung des Konzepts der Commons ist, so wenig gibt es die EINE Lösung, betont die Mit-Herausgeberin Silke Helfrich:

"Da gibt es eben keine Blaupause dafür, kein einziges Modell, kein Patentrezept. Es muss sehr viele konkrete Lösungen an konkreten Orten geben, die die Menschen auch selber tragen, weil sie mit an deren Entwicklung beteiligt sind. Commoning und Commons ist eine Lebenspraxis, die überall auf der Welt funktioniert. Und das wiederum macht das Konzept so interessant – sozusagen die Anpassungsfähigkeit an die konkreten Situationen vor Ort."

Die Vision der Commons mit all ihrer Flexibilität – aber auch Komplexität – einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, bleibt schwierig und wird vorerst wohl noch ein Nischenthema bleiben. Denn für viele Kritiker sind die Commons eine Utopie für Gutmenschen, die politische und ökonomische Machtverhältnisse ignorieren. Doch gerade hier wollen die Anhänger der Commons ansetzen: Sie propagieren einen "Dritten Weg" – einen Weg jenseits von Markt und Staat, der sich an den unmittelbaren Interessen der Bürger orientiert. Dabei sei Commons keine Gratiskultur, betont Mit-Herausgeberin Silke Helfrich:

"Es ist tatsächlich oft so, dass diese Idee der Commons gleichgesetzt wird mit: 'Ach, alles soll allen gehören. Niemand soll etwas bezahlen.' Richard Matthew Stallman, der Gründer der freien Softwarebewegung, über die in diesem Buch auch sehr konkret berichtet wird, machte klar, es geht um frei wie in Freiheit und nicht wie in Freibier. Natürlich brauchen Commons – deren Erhalt, deren Schutz – Energie, Ressourcen, vor allem Arbeit. Und manchmal, gerade weil sie sozusagen inmitten eines Meers von Kapitalismus schwimmen, auch Geld."

Ob Commons wirklich eine realistische Alternative bietet, bleibt nach der Lektüre leider offen. Auch scheinen bei Weitem nicht alle im Buch vorgestellten Ansätze realisierbar. Vor allem, wenn es um globale Probleme geht wie den Verlust der Artenvielfalt oder die Überfischung internationaler Gewässer. Hier braucht es die Kooperation der internationalen Staatengemeinschaft. Doch leider zeigen internationale Konferenzen wie etwa jüngst der Rio+20-Gipfel weiterhin, wie stark nationale Interessen das gemeinsame Handeln dominieren. Dennoch: Der Sammelband veranschaulicht detailliert, dass Commoning – also das Aufstellen von Regeln für eine gemeinschaftliche Nutzung – durchaus erfolgreich sein kann - und liefert gleichzeitig vielfältige und wichtige Anregungen dazu. Denn: Wieso sollte der Mensch nicht fähig sein, gemeinschaftlich zu denken und zu handeln? Der Homo oeconomicus hat in der anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrise ohnehin längst an Überzeugungskraft verloren.

Buchinfos:
Silke Helfrich/Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. Transcript Verlag, 528 Seiten, 24,80 Euro, ISBN: 978-3-837-62036-8

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