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StartseiteKultur heutePlagiat oder Sampling08.02.2010

Plagiat oder Sampling

Zur Debatte über den Bestseller "Axolotl Roadkill" von Helene Hegemann

"Originalität gibt's sowieso nicht, nur Echtheit"! Das schreibt Helene Hegemann in einem Text, den der Ullstein Verlag veröffentlicht hat: Eine Stellungnahme zu den Vorwürfen eines Bloggers, der behauptet hat: Die gefeierte Jungautorin Helene Hegemann habe ganze Passagen ihres Romans "Axolotl Roadkill" aus einem anderen Buch abgekupfert.

Von Arno Orzessek

Autorin Helene Hegemann (Mae Ost)
Autorin Helene Hegemann (Mae Ost)
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"Originalität gibt's sowieso nicht, nur Echtheit"! Das schreibt Helene Hegemann in einem Text, den der Ullstein Verlag veröffentlicht hat: Eine Stellungnahme zu den Vorwürfen eines Bloggers, der behauptet hat: Die gefeierte Jungautorin Helene Hegemann habe ganze Passagen ihres Romans "Axolotl Roadkill" aus einem anderen Buch abgekupfert.

Ein Schriftsteller, das ist buchstäblich jemand, der Schriften zusammenstellt – und zwar fremde Schriften, die sich dabei in eigene verwandeln. Oder anders: Ohne Lektüre kein Buch – auch wenn starke Erfahrungen jenseits von Schreibtisch, Internet und Lesecouch noch fast jedem Roman gutgetan haben.

Selbst ein William Faulkner, dessen Literatur voller Whiskey und Wahnsinn, voll Staub und Gewalt und Hass ist, bekannte allerdings, dass auf einen Blick ins Leben dann wohl doch neun Blicke in die Bücher kommen.

Und andere nicht anders. Gustave Flaubert studierte für "Bouvard et Pécuchet" mehr als tausend Werke. Thomas Mann war stolz auf das viele Material, das er in "Doktor Faustus" und in die Josef-Trilogie hineingearbeitet hat. Michel de Montaigne tat in seinen Essays nichts anderes, als die Klassiker der Antike zum Sprechen zu bringen – er schrieb gewissermaßen bloß mit, was sie sagten.

Womit wir bei Helene Hegemann sind. Sie hat in "Axolotl Roadkill" den Verdauungscharakter, vornehm gesprochen: die Intertextualität aller Literatur offenkundig zu den Bedingungen des WWW-, Blog- und Twitter-Zeitalters ausbuchstabiert, in dem die Handbibliothek halt nicht mehr papieren, sondern digital ist.

Das bedeutet einerseits, dass Hegemanns Abschreibelust nach den gleichen Kriterien zu prüfen ist wie diejenige Thomas Manns oder Karl Mays. Hier wie dort lautet die Frage: Wie stellt ein Schriftsteller die Schrift ..., nämlich seine eigene aus fremden zusammen? Ist die Originalität des Werkes so groß, ist das Fremde im Eigenen also so gut verdaut, dass die Aneignung gerechtfertigt ist – oder verwechselt da einer Schrift-Stellen mit blankem Abkupfern?

Für dieses Problem ist der Gerichtshof des Ästhetischen zuständig, der im Feuilleton und in den philologischen Wissenschaften tagt. Ob Hegemann hier verurteilt wird, steht noch nicht fest.

Doch andererseits hat Hegemann mit der Gutenberg-Galaxis und dem heroischen Zeitalter der Original-Genies rein gar nichts mehr zu tun.

Denn Literatur ist in der großen Öffentlichkeit in erster, zweiter und dritter Linie ein Chart- und Bestsellerlisten-Artikel, Buchstabenware, Aufmerksamkeitsvehikel, Motor des Ruhmes und Quelle von Glamour. Alles Weitere, was die Literatur als Kunst betrifft, spielt bloß in der Szene, in Zirkeln und Seminaren, in der privaten Leseecke.

Das aber heißt, dass Hegemanns hübsches Argument, sie wolle "diesen ganzen Urheberrechtsexzess" beenden und das allgemeine Recht auf Kopieren und Transformieren durchsetzen, kaum greift – nicht einmal, wenn sie ihre Honorare mit Strobo-Autor Airen teilte.

Das Recht zum Kopieren muss nämlich in Zeiten, in denen Aufmerksamkeit gleich Geld ist, schnöderweise vor ordentlichen Gerichten erstritten werden, die sich auch sonst mit Eigentumsfragen befassen. Per Roman-Veröffentlichung und flotten Sprüchen lässt sich das nicht erledigen.

Hegemann sieht sich zum Verbrauch von Fremderfahrung etwa aus dem Berliner Club Berghain berechtigt – weil das eben zu der gegenwärtigen Lebensweise gehöre, die "Axolotl Roadkill" abbildet, und zwar mit dem Siegel der Echtheit. So wird der Raub geistigen Eigentums als innerkünstlerische Reflexion auf das Zeitalter deklariert.

Tut uns leid für die junge Autorin – aber das ist zu kurz gesprungen! Wie herb einem das real life mitspielen kann, bekäme Hegemann gerade erst dann zu spüren, wenn sie mit ihrem Roman vor Gericht stünde.

Digitale Euphorie, Schreib-Flow und Drogenkonsum sind das eine und seien Hegemann gegönnt. Das andere ist die alte Welt, in der kreative Leistungen nach wie vor und sogar mehr denn je auf kreative Personen zugerechnet werden.

Hegemann, die mit Axolotl Roadkill Geld verdient, tut nicht gut daran, einen vorläufigen Verlierer des Literaturbetriebs wie Strobo-Autor Airen für dessen Hilfeleistung auch noch durch avantgardistische Rechtfertigungsfiguren zu verspotten.

Und den Roman als "Lüge" oder "Remix" zu betiteln, wie zwischendurch erwogen, hätte auch nicht weitergeholfen. Wo die Kunst Ware ist, kann sie sich nicht mit künstlerischen Mitteln den Gesetzen der Marktes und der Autorität des Rechts entziehen. Klingt piefig, ist aber so.

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