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StartseiteCampus & KarriereInternetplattform VroniPlag spricht von "schwerem Fall"28.09.2015

Plagiatswürfe gegen Ursula von der LeyenInternetplattform VroniPlag spricht von "schwerem Fall"

Die Medizinische Hochschule Hannover hat die Überprüfung der Doktorarbeit von Ursula von der Leyen (CDU) ausgeweitet. Gerhard Dannemann von VroniPlag, auf deren Recherche der Plagiatsverdacht beruht, sprach in Bezug auf die Arbeit der Verteidigungsministerin von einem mehrfachen Verstoß gegen "alle Grundgebote des Umgangs mit Quellen".

Gerhard Dannemann im Gespräch mit Michael Böddeker

Bei Fotofälschungen wird das Urheberrecht umgangen (dpa/picture alliance/Armin Weigel)
Quelle benennen, Zitate kennzeichnen, Belege überprüfen: "Das ist keine intellektuelle Überstrapazierung", kritisiert der Berliner Juraprofessor Gerhard Dannemann im DLF die immer wieder auftauchenden Plagiatsfunde bei wissenschaftlichen Arbeiten. (dpa/picture alliance/Armin Weigel)
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Wissenschaftliches Arbeiten VroniPlag auf Doktor-Jagd

Michael Böddeker: Über Fehler in ihren Doktorarbeiten sind schon einige Spitzenpolitiker gestolpert – Karl-Theodor zu Guttenberg zum Beispiel, der frühere Verteidigungsminister, oder auch die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Jetzt steht auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen unter dem Verdacht, in ihrer Doktorarbeit abgeschrieben zu haben, die hatte sie 1990 an der Medizinischen Hochschule Hannover angefertigt. Der Verdacht basiert auf einer Recherche von VroniPlag Wiki, das ist eine Internetplattform, die in der Vergangenheit schon mehrere Doktorarbeiten untersucht hat. Gerhard Dannemann ist Juraprofessor an der Berliner Humboldt-Universität, und er gehört zum Kernteam von VroniPlag. Guten Tag, Herr Dannemann!

Gerhard Dannemann: Guten Tag, Herr Böddeker!

"Ganze Reihe von Verstößen gegen die drei wichtigen Zitierregeln"

Böddeker: Zunächst mal: Was hat denn die Überprüfung der Doktorarbeit ergeben, wo liegen Ihrer Ansicht nach die Fehler?

Dannemann: Es sind eine ganze Reihe von Verstößen gegen die drei wichtigen Zitierregeln vorhanden, also Quellen müssen benannt werden im jeweiligen Kontext, Zitate wörtliche, Grafiken und so weiter. Was man direkt entnommen hat, muss als Solches gekennzeichnet werden und alle angeführten Belege müssen geprüft sein, oder wenn man sie nicht hat prüfen können, muss das klar ausgewiesen sein. Und gegen alle diese drei Gebote, Grundgebote des Umgangs mit Quellen wird in der Arbeit mehrfach verstoßen.

Böddeker: Wie würden Sie die Doktorarbeit bewerten, würden Sie sagen, dass da vorsätzlich getäuscht wurde?

Dannemann: Also das ist eine Frage, die stellt sich natürlich der Medizinischen Hochschule Hannover. Wenn sie die Rechtsprechung der Verwaltungsgerichte dazu anschauen, dann genügt das, was man bedingten Vorsatz nennt, das heißt, na ja, wird schon irgendwie gut gehen – das folgern die Verwaltungsgerichte in der Regel aus einer bestimmten Häufigkeit und Wiederholung dieser Fehler –, und in das Muster der Verwaltungsgerichte würde das reinpassen.

"Unter den gesamten Untersuchten ist es eine von den schwereren Fällen"

Böddeker: Im Vergleich mit anderen Doktorarbeiten, die Sie schon untersucht haben und die auch auf VroniPlag veröffentlicht wurden, wie würden Sie da die Doktorarbeit von Frau von der Leyen einordnen?

Dannemann: Ja, also wir haben im VroniPlag Wiki bisher mit diesem Fall 152 Fälle veröffentlicht, es gibt noch gut 230 weitere, die wurden andokumentiert, aber nie veröffentlicht, weil sie nicht das erforderliche Grad der Schwere erreicht haben. Und unter den veröffentlichten 150 ist sie so im Mittelfeld einzuordnen, unter den gesamten untersuchten ist es natürlich eine von den schwereren Fällen.

Böddeker: Die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan ist ja nach Plagiatsvorwürfen von ihrem Amt zurückgetreten. In der "Süddeutschen Zeitung" haben Sie jetzt gesagt, die Mängel bei Frau von der Leyen seien Ihrer Meinung nach noch schwerwiegender als bei Frau Schavan. Warum?

Dannemann: Die Arbeit ist natürlich kürzer. Die Anzahl der Fehler ist geringer, aber bei Frau Schavan verteilt es sich auf einen deutlich längeren Teil, und bei Frau von der Leyen findet man auch noch – also zufällig, bei der Dokumentation von Plagiaten wurden 23 Fehlzitate gefunden. Das ist eine sehr, sehr hohe Quote, und die beeinträchtigt den Erkenntniswert der Arbeit auch ziemlich.

Wenn Sie das so zusammennehmen, würde ich sagen, höherer Plag-Anteil von Seiten mit Plagiatsbefund, auch relativ viel lange dabei, also etwas mehr, glaube ich, als bei Frau Schavan, und dann kommen noch diese Fehler hinzu, und wenn Sie das alles zusammennehmen, würde ich sagen, es ist ein schwererer Fall.

Besonders viele Plagiate bei medizinischen Doktorarbeiten

Böddeker: Wie sind Sie eigentlich auf die Doktorarbeit von Frau von der Leyen aufmerksam geworden, nehmen Sie sich einfach die Abschlussarbeiten aller Spitzenpolitiker vor, eine nach der anderen?

Dannemann: It's a Wiki – das heißt also, jeder kann da was reinstellen, Sie auch, wenn Sie wollen, wenn Sie die Regeln beachten, dass Sie anfangs nur anonymisiert das dokumentieren, und da hat sich halt jemand dieses Falls angenommen. Es werden allerdings im VroniPlag Wiki in letzter Zeit kaum noch Politikerarbeiten unter die Lupe genommen, vor allem eben halt in letzter Zeit sehr, sehr viele medizinische Dissertationen. Frau von der Leyen ist die 85. medizinische Arbeit, die im VroniPlag Wiki öffentlich dokumentiert wird, und die erste von einer Politikerin. Insofern hält sich das wahrscheinlich noch in Grenzen.

Böddeker: Warum gerade so viele medizinische Doktorarbeiten?

Dannemann: Die offensichtliche Antwort ist, dass da besonders viel plagiiert wird. Eine weitere ist, dass es dort sehr viele elektronisch veröffentlichte gibt, die man leichter untersuchen kann auf Plagiate. Und dann gibt es einen sehr cleveren Mitarbeiter in Wiki, der die elektronisch veröffentlichten untereinander einzeln abgeglichen hat, und dabei sind also ganz besorgniserregende Muster an einigen Fakultäten hochgekommen – mit seriellem Abschreiben, einer nach dem anderen, bei demselben Doktorvater, alles ohne Nennung der Quelle, alles ohne Kennzeichnung.

Auf den Anfangsverdacht folgt das Vier-Augen-Prinzip

Böddeker: Sie haben es gerade schon so ein bisschen angerissen, aber vielleicht noch mal im Detail: Wie funktioniert eigentlich die Plagiatssuche beim VroniPlag Wiki, wie gehen Sie da vor?

Dannemann: Man braucht erst mal einen Anfangsverdacht: Untersuchen Sie doch mal die Arbeit von sowieso, der hat sich was auf dem Kerbholz. Nein. Anfangsverdacht, da gibt es eine Passage, da gibt es eine Quelle, ist nicht gekennzeichnet, und dann fängt man an, weiterzusuchen. Und da sind die Mitarbeiter inzwischen richtig gut drin. Man findet so langsam raus, wie Plagiatoren denken und arbeiten und wo man suchen muss.

Im Wiki arbeitet man nach dem sogenannten Vier-Augen-Prinzip. Es müssen also zwei Leute unabhängig voneinander die zu untersuchende Arbeit und die jeweilige Quelle eingesehen haben, bestätigt haben, dass genau das da steht wie dokumentiert, Seitenzahl und Zeilennummer sogar, und die müssen auch übereinstimmen in der Bewertung, ob das harmlos ist oder ob das ein Plagiat ist, was für eine Art von Plagiat es ist. Und dann wartet man, ob genügend Material zusammenkommt, um eine Veröffentlichung zu rechtfertigen. Das ist dann meist noch eine kollektive Entscheidung.

Böddeker: Sagen Sie dann eigentlich den Betroffenen Bescheid, wenn Sie in deren Doktorarbeiten Fehler gefunden haben?

Dannemann: Das ist ein bisschen eine Stilfrage. Wenn ich eine Universität benachrichtige und der die Dokumentation schicke, setze ich, wo ich eine zuverlässige E-Mail-Adresse habe, die Person mit auf CC. Wir hören aber nicht Leute an, das ist Aufgabe der Universitäten. VroniPlag Wiki dokumentiert die Arbeit, wie sie der Forschungsöffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurde, und maßt sich nicht an, eine Untersuchungskommission zu sein.

Plagiate auf Grund von "Arbeitsersparnis"

Böddeker: Ursula von der Leyen hat ja die Plagiatsvorwürfe jetzt zurückgewiesen, sie sagt, sie habe Ende August davon erfahren, daraufhin habe sie dann ihre Hochschule in Hannover gebeten, die Arbeit durch eine neutrale Stelle untersuchen zu lassen. Wie geht es in dem Fall jetzt weiter?

Dannemann: Das ist jetzt in den Händen der Medizinischen Hochschule Hannover, und die wird jetzt das tun, was man tun muss. Also da wird es eine Vorprüfung geben, die läuft, die ist vielleicht sogar jetzt schon abgeschlossen, aus der wird sich dann ergeben, ob da genügend dran ist, um ein Ermittlungsverfahren einzuleiten – das kann ich mir hier nicht anders vorstellen.

Und dann wird die Hochschule eine Kommission einsetzen oder hat sie schon eingesetzt, die dann Frau von der Leyen anhört, überprüft, was VroniPlag Wiki so zusammengetragen hat – das müssen die natürlich selbstständig feststellen –, selber noch eigene Überlegungen anstellen, vielleicht das Umfeld erheben, wie ist Frau von der Leyen betreut worden, in welchem Forscherumfeld war sie und so weiter, und dann wird man da insgesamt zu einer Entscheidung kommen.

Böddeker: Lassen Sie uns noch zum Schluss einen kurzen Schritt zurückmachen, weg von diesem konkreten Fall und mehr hin zum Allgemeinen: Wie, würden Sie sagen, könnte man überhaupt das schaffen, dass korrekt wissenschaftlich gearbeitet wird, wie kann man das schon den Studierenden am besten vermitteln?

Dannemann: Das muss man denen beibringen, es ist wirklich einfach: Quelle benennen, Zitate kennzeichnen, Belege überprüfen. Das ist also keine intellektuelle Überstrapazierung. Das ist es ja gerade: Warum wird eigentlich so viel plagiiert, wenn richtiges Zitieren, richtiger Umgang mit Quellen so einfach ist? Meistens ist es halt eine Arbeitsersparnis.

Böddeker: Sagt Gerhard Dannemann von der Internetplattform VroniPlag, die Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen vorwirft, in ihrer Doktorarbeit gepfuscht zu haben. Das Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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