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StartseiteCampus & KarrierePsychotherapie direkt studieren können14.02.2018

Plan des GesundheitsministeriumsPsychotherapie direkt studieren können

Nicht jeder kann sich die kostspielige private Ausbildung zum Psychotherapeuten leisten. Das Bundesgesundheitsministerium will das ändern und einen Direktstudiengang "Psychotherapie" ermöglichen. Dagegen gibt es Widerstände - denn es entstünden neue Konkurrenzsituationen.

Von Christiane Habermalz

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Ein depressiver Mann liegt auf der Couch und spricht mit seiner Therapeutin  (imago stock&people)
Bevor sie Patienten therapieren dürfen, müssen angehende Psychotherapeuten eine teure mehrjährige Ausbildung durchlaufen (imago stock&people)
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Almut Pohl ist angehende Psychotherapeutin, Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Sechs Jahre lang hat sie in Heidelberg zunächst Psychologie studiert, jetzt hat sie in Berlin ihre praktische Ausbildung zur Psychotherapeutin angefangen. Dauer: noch einmal vier bis fünf Jahre. Es ist das erste Mal, dass sie mit Patienten Kontakt haben wird: erste Therapiegespräche unter Aufsicht, klinische Stationen und Ambulanzzeiten.

"Bei mir ist das die BAP, die Berliner Akademie für Psychotherapie. Ich komm da insgesamt auf Kosten von etwa 25.000 Euro", erzählt Pohl.

Seit Sigmund Freud findet die praktische Therapieausbildung in privaten Instituten statt, die von den angehenden Therapeuten teuer bezahlt werden müssen. Almut Pohl hat Glück: Sie bekommt im ersten Jahr für die praktische Tätigkeit, die sie in einer Klinik absolviert, eine kleine Vergütung, den Rest bezahlt sie über Ersparnisse und ein Stipendium. Ihre Kollegen, erzählt sie, halten sich in dieser Zeit mit allem möglichem über Wasser:

"Von Nebenjobs, die sie noch nebenbei machen, über Eltern, Partner, die das finanzieren, Kredite, viele nehmen Kredite auf, um das finanzieren zu können. Da muss ganz dringend was passieren. Das ist im Moment eine Situation, die auf Dauer so gar nicht tragbar ist für die Auszubildenden."

Ziel der Reform: ein Direktstudiengang "Psychotherapie"

Dieser Zustand könnte sich vielleicht bald tatsächlich ändern. Im Bundesgesundheitsministerium arbeitet man seit vergangenem Jahr an einer grundlegenden Reform der Psychotherapie-Ausbildung. Ein erster Arbeitsentwurf liegt vor, derzeit wird an einem Referentenentwurf gearbeitet, der noch in diesem Jahr umgesetzt werden könnte.

Wichtigstes Ziel der Reform: Künftig soll es einen eigenen Direktstudiengang "Psychotherapie" geben, in dem auch schon erste praktische Inhalte vermittelt werden sollen – etwa über Pflichtpraktika oder ein praktisches Jahr wie in der Medizinausbildung. Es soll wie das Medizinstudium mit einer Approbation abgeschlossen werden. Daran anschließen soll sich wie bisher eine drei bis fünfjährige klinische Weiterbildung, die wie bisher an privaten Instituten erfolgen wird, auch in Kliniken – erst damit erwirbt man sich die Kassenzulassung.

Wer die Kosten dafür in Zukunft tragen soll – das ist allerdings offen. Dass sie jedenfalls nicht mehr von den Auszubildenden allein zu tragen sein wird, fordert die Psychotherapeutenkammer in Berlin, die seit Jahren eine soziale Auslese durch den Ausbildungsweg kritisiert.

"Da wird hart gerungen werden, aber das ist eine Grundbedingung überhaupt für uns Psychotherapeuten. Wir stimmen einer Novellierung des Psychotherapeutengesetzes nur zu, wenn die Finanzierung dieser Weiterbildung auch gesichert ist", sagt Michael Krenz, Präsident der Psychotherapeutenkammer in Berlin, die zentral an dem Reformpapier mitgearbeitet hat.

Wie würde sich das Berufsbild verändern?

Wird die Reform umgesetzt, bedeutet das eine radikale Wende. Lange war die Psychotherapie fest in der Hand der Ärzte. Nur Mediziner konnten über eine Facharztausbildung zum Psychiater/Psychotherapeut werden. In den 90er-Jahren emanzipierte sich die Psychotherapie, erstmals konnten auch Psychologen und Sozialpädagogen die Therapeutenausbildung absolvieren.

Mit dem Direktstudiengang würde sich die Psychotherapie auch von der Psychologie loslösen. Viele offene Fragen sind damit noch verbunden – etwa wie die Hochschulen, die nicht wie die Universitätskliniken über eigene Ambulanzen verfügen, künftig klinische Praxis vermitteln sollen – bis hin zu der Frage wie sich das Berufsbild verändern wird.

Sollen Psychotherapeuten künftig auch Medikamente verschreiben dürfen, was bislang allein den Ärzten vorbehalten ist? Das wäre sicher im Sinne der Patienten – und auch der Kassen, die zusätzliche Arztbesuche sparen würden. Von den Medizinern kommt bereits massiver Widerstand gegen die Reform.

"Die Ärzte sind deshalb nicht begeistert, weil es ein Rivalitätsproblem ist. Um es knapp zu sagen, 3.000 Jahre Medizin und entsprechender Alleinvertretungsanspruch wird jetzt durch im Verhältnis dazu ein paar Psychotherapeuten relativiert", erzählt Krenz.

Man müsste sich sehr jung schon entscheiden

Aber auch von den ausbildenden Therapeuten, von denen manche tagsüber an der Universität lehren und abends in den privaten Instituten gegen Bezahlung Supervisionen anbieten, dürften einige nicht begeistert sein. Almut Pohl jedenfalls findet die Reform richtig. Einen Nachteil sieht sie allerdings: Künftig muss man sich schon zu Beginn des Studiums entscheiden, ob man Psychologe oder Psychotherapeut werden will:

"Wenn ich mit 18 oder 19 hätte entscheiden müssen, welchen Weg ich da einschlagen will, wäre ich jetzt wahrscheinlich in einem großen Wirtschaftsunternehmen und würde Personalpsychologie machen. Da bin ich jetzt sehr froh, dass ich einfach noch mal die Möglichkeit hatte, im Laufe meines Studiums einen anderen Weg einzuschlagen."

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