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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin klassischer Fall von Marktversagen und ein Grund zum Eingreifen02.06.2018

PlastikmüllEin klassischer Fall von Marktversagen und ein Grund zum Eingreifen

Gerade im populären Kampf gegen Plastik sei Hartnäckigkeit notwendig, kommentiert Georg Ehring. Denn die Industrie habe eine geübte Lobby und die Pläne der Kommission für den Ausstieg aus der Plastik-Wegwerfgesellschaft hätten noch einen langen Weg durch die Instanzen vor sich.

Von Georg Ehring

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Eine Plastiktüte schwimmt im Meer. (epa)
"Billig ist Kunststoff nur, weil die Kosten der Entsorgung nicht einbezogen werden" (epa)
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An Plastiktüten erstickte Hunde. Seevögel und Wale mit unfassbaren Mengen Kunststoff im Magen. Schildkröten mit Panzern, die durch Plastikschnüre grotesk fehlgebildet sind – es gibt kaum ein Umweltproblem, das mit so eindringlichen Bildern sichtbar gemacht wird wie die Allgegenwart von Plastikmüll. Er verbreitet sich in Wäldern, in Parks, im Meer und selbst in abgelegenen Naturgebieten – also dort, wo nur selten ein Mensch seinen Fuß hinsetzt. Und das ist nur die eine, die sichtbare Seite des Problems: Plastik bleibt Plastik, auch wenn er zerfallen und zerrieben ist – Millimeter kleine Fetzen und mikroskopisch kleine Kügelchen belasten letztlich den Boden, ein Teil kommt in die Nahrungskette zurück. Die Folgen sind im Wesentlichen noch unbekannt.

Kein Wunder, dass der Kampf gegen Plastik so populär ist – bei einer Umfrage gab es für die Pläne der EU-Kommission fast eine Dreiviertel-Mehrheit. Dabei zeigt ein Blick auf das tägliche Leben: Noch beliebter als Plastik-Verbote ist der gedankenlose Gebrauch von Plastik. Der Widerspruch zwischen Wollen und Handeln ist oft riesig.

Wir sind abhängig geworden von Plastik – und das nicht nur aus Gedankenlosigkeit. Viele Verpackungen sorgen auch für Transportsicherheit und Hygiene, die Flasche aus Glas anstatt Plastik hat schon wegen ihres Gewichts nicht in jedem Fall eine bessere Umweltbilanz. Trotzdem: Oft, wenn auch nicht immer ist die Alternative zum Kunststoff ein Fortschritt und viele Produkte aus Kunststoff sind schlicht überflüssig.

Ein klassischer Fall von Marktversagen

Plastik ist überall – auch wegen des Preises. Kunststoff aus Erdöl herzustellen ist unvergleichlich billig, kein Wunder, dass er Papier, Pappe, Glas, Jute oder Metall verdrängt. Doch billig ist Kunststoff nur, weil die Kosten der Entsorgung nicht einbezogen werden – der Müll belastet die Natur, er belastet kommende Generationen und Menschen, die die Vorzüge des Produkts nie genossen haben. Ein klassischer Fall von Marktversagen also und damit ein Grund für die Politik, einzugreifen.

Weil das komplette Einsammeln des Mülls nicht funktioniert, muss Europa an der Quelle ansetzen und es ist gut, dass die Europäische Kommission damit jetzt ernst macht. Sie will Produkte aus dem Verkehr ziehen, die niemand braucht - das Rührstäbchen aus Plastik für den Kaffee ist ein Beispiel. Einweg-Produkte sollen verschwinden oder aus anderen Materialien gefertigt werden – für Strohhalme etwa könnte dies Stroh sein. Wo Kunststoff nur aus Kostengründen eingesetzt wird, sollen Steuern umweltverträglichere Rohstoffe begünstigen. Bessere Recycling-Systeme sollen dafür sorgen, dass weniger Abfall in die Umwelt gelangt. Was genau davon kommt, das muss die Kommission noch mit Staaten und EU-Parlament aushandeln – und die Umsetzung wird, wie in Europa üblich, von Land zu Land verschieden sein.

Problembewusstsein bei Verkäufern und Kunden

Wie weit die Umstellung geht, das hängt jedoch auch von uns Europäern ab: Ganz ohne Plastik zu leben, ist zwar kaum möglich und vielleicht auch nicht erstrebenswert. Doch jeder kann Kunststoff einsparen und so den Widerspruch zwischen Wollen und Handeln verringern: Dazu gehört nicht nur die Selbstverständlichkeit, Verpackungen nicht in der Natur, sondern im Gelben Sack zu entsorgen. Dazu gehört auch: Wer unterwegs Kaffee trinken will, sollte den Becher von zu Hause mitbringen. Wer dann auch noch den Zucker vor dem Kaffee einfüllt, spart sich das Umrühren mit dem Plastikstäbchen. Und natürlich ist niemand gezwungen, eine Bio-Gurke zu kaufen, wenn ihr Öko-Vorteil auf dem Acker durch Einschweißen in Folie konterkariert wird. Vorverpacktes Obst und Gemüse kann man meiden – Oft lassen sich Äpfel und Tomaten an der Kasse auch unverpackt wiegen. Schalen für den Einkauf an der Frischetheke mitnehmen, das spart Verpackungsmüll und trägt zum Problembewusstsein bei Verkäufern und anderen Kunden bei.

Irritierte Blicke und Rückfragen im Laden kann man auch als Einladung zum Gespräch annehmen – ohne etwas Hartnäckigkeit wird selten eine gute Idee umgesetzt. Diese gute Eigenschaft braucht ja auch die Europäische Union. Die Industrie hat eine geübte Lobby und die Pläne der Kommission für den Ausstieg aus der Plastik-Wegwerfgesellschaft haben noch einen langen Weg durch die Instanzen vor sich.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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