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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Papiertüte ist nicht ökologischer"02.06.2016

Plastikmüll"Papiertüte ist nicht ökologischer"

Der Lebensmittelkonzern REWE wird in Zukunft keine Plastiktüten mehr verkaufen. Eine Papiertüte sei allerdings keine ökologische Alternative zur Plastiktüte, sagte Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe im DLF. Die Herstellung von Papier sei besonders energieintensiv. Eine bessere Variante sei die Mehrweg-Tragetasche.

Thomas Fischer im Gespräch mit Britta Fecke

Beim Shoppen zur Weihnachtszeit kommen schnell einige Einkaufstüten zusammen. (dpa / picture alliance / Daniel Naupold)
Beim Shoppen zur Weihnachtszeit kommen schnell einige Einkaufstüten zusammen. (dpa / picture alliance / Daniel Naupold)
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Britta Fecke: Nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen gelangen jedes Jahr mehr als zehn Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane. Da dieser Müll im Meer fast nicht zersetzt wird, schwimmen riesige Inseln von ihm auf der offenen See, die nur aus Plastikabfällen bestehen. Eine PET-Flasche braucht 450 Jahre, bis sie im Meer zerfallen ist, eine Plastiktüte rund 20 Jahre. Dass Deutschlands zweitgrößter Lebensmittelhändler Rewe künftig keine Plastiktüten mehr ausgeben will, ist in dem Zusammenhang ein Schritt in die richtige Richtung. Doch was ist die Alternative zur Plastiktüte? Wie steht es um die Ökobilanz der Papiertüten? - Ich bin jetzt verbunden mit Thomas Fischer. Er ist Leiter des Bereiches Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. Herr Fischer, Sie haben die Ökobilanz der verschiedenen Tütentypen untersucht. Wie steht es denn um den Rohstoff- und Energieverbrauch bei der Herstellung der Papiertüten?

"Die Herstellung von Papier ist besonders energieintensiv"

Thomas Fischer: Erst einmal einen schönen guten Tag. - Ja, die Papiertüte ist, was die Ressourcen- und Energieverbräuche angeht, nicht ökologischer, sondern sogar schlechter als eine normale Plastiktüte aus dem Kunststoff Polyäthylen. Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen ist es so, dass die Papiertüte, um dieselbe Reißfestigkeit zu haben, deutlich dickwandiger sein muss. Das heißt, sie ist dreimal schwerer in der Regel als eine normale Plastiktüte. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass mehr Material eingesetzt wird und natürlich auch mehr Energie verbraucht wird.

Zusätzlich besteht sie aus Papierfasern und die Herstellung von Papier ist besonders energieintensiv und verbrauchsenorm für Wasser. Zusätzlich müssen, damit besonders reißfeste lange Zellstofffasern hergestellt werden können, viele Chemikalien eingesetzt werden: Natronlauge, Sulfite und Sulfate. Das führt ebenfalls zu negativen Umweltauswirkungen und deshalb muss man in der Gesamtbilanz sagen, die Papiertüte fühlt sich von der Optik und Haptik einfach besser an. Das kommt aus der Natur. Da hat man das Gefühl, man tut was Gutes. Aber rein von der Ökobilanz, von den Verbräuchen und den Umweltauswirkungen her hat sie eine negativere Bilanz.

"Sowohl Einwegtüten aus Plastik als auch aus Papier vermeiden"

Fecke: Eine negativere Bilanz. Aber dennoch ist es ja ein nachwachsender Rohstoff, nämlich Holz, aus dem das hergestellt wird. Und wenn sie ins Meer gelangt, dann wird sie schneller zersetzt als die Plastiktüte.

Fischer: Ja man muss immer schauen, worauf man den Schwerpunkt legt. Wenn man jetzt nur die Ressourcenverbräuche betrachtet und die Energieverbräuche, dann schneidet die Papiertüte insgesamt schlechter ab, nur dass die Zuhörer das einordnen können, weil für die Herstellung von einer Tonne Papier ist genauso viel Energie notwendig wie für die Herstellung einer Tonne Stahl. Da bekommt man das ungefähre Gefühl dafür, wieviel Umweltauswirkungen die Herstellung von diesen Papiertüten tatsächlich hat.

Wo Sie natürlich Recht haben ist: Wenn die gelittert werden, die Papiertüten, und in der Umwelt landen, dann sind sie ungefährlich, dann zersetzen sie sich schnell. Aber grundsätzlich muss der Ansatz sein, sowohl Einwegtüten aus Plastik als auch aus Papier zu vermeiden und diese gar nicht erst in die Umwelt gelangen zu lassen.

Fecke: Wie ist die Klimabilanz?

Fischer: Die Klimabilanz von Papiertüten sieht etwas besser aus. Allerdings ist sie nicht so viel besser als bei Plastiktüten, weil Sie wie gesagt dreimal mehr Material haben, was verarbeitet und hergestellt werden muss. Belastet wird die Klimabilanz von den Einweg-Plastiktüten natürlich durch die Verwendung von fossilen Rohstoffen wie Rohöl. Das heißt, dort ist die Klimabilanz besonders schlecht. Aber so viel besser ist die Papiertüte dann auch nicht, weil viel Energie notwendig ist für die Herstellung einer dreimal schwereren Papiertüte.

Mehrweg-Tragetasche statt Plastik

Fecke: Sie haben vorhin gesagt, dass bei der Herstellung von Papier Natronlauge verwendet wird und Sulfite. Was machen die in der Umwelt?

Fischer: Gelangen diese Chemikalien in die Umwelt, dann haben sie negative Auswirkungen auf marine Ökosysteme. Allerdings ist es ja so, dass diese Chemikalien genutzt werden, um die Tüten herzustellen. Aber so, dass sie auf direktem Wege nicht in die Umwelt gelangen. Davon gehe ich zumindest in Deutschland aus. Aber nichtsdestotrotz müssen diese Chemikalien produziert und hergestellt werden und ein Teil auch entsorgt werden, und das ist immer auch mit Umweltauswirkungen und Ressourcenverbräuchen verbunden. Deshalb muss man ganz klar sagen: Die bessere Variante zur Einweg-Plastiktüte ist eben nicht die Einweg-Papiertüte, sondern die Mehrweg-Tragetasche.

Fecke: Das nehme ich als Schlusswort. - Vielen Dank! - Thomas Fischer war das, Leiter des Bereichs Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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