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Platte Posen und geklaute Dramaturgie

Film der Woche: "W.E." von Madonna

Von Jörg Albrecht

Ihre zweite Regiearbeit "W.E." zeigt: Sängerin und Schauspielerin Madonna muss als Filmemacherin noch eine Menge lernen
Ihre zweite Regiearbeit "W.E." zeigt: Sängerin und Schauspielerin Madonna muss als Filmemacherin noch eine Menge lernen (AP/ Andrew Medichini)

Sie ist die erfolgreichste Sängerin der Welt, aber für viele eine der schlechtesten Schauspielerinnen aller Zeiten. Nun will sie sich stattdessen die Anerkennung hinter der Kamera erkämpfen. <papaya:link href="http://www.we.senator.de/" text="&quot;W.E.&quot;" title="Filmhomepage W.E." target="_blank" />, ihr zweiter Film, handelt von der skandalösen Liebe zwischen der verheirateten Amerikanerin Wallis Simpson und dem britischen Thronfolger Edward VIII.

Die gute Nachricht zuerst: Madonnas zweiter Spielfilm ist nicht völlig verunglückt. Aber er zeigt auch – und das ist die schlechte Nachricht: Madonna muss als Filmemacherin noch eine Menge lernen. Dabei hat sie doch genau aufgepasst, wie Michael Cunningham seinen Roman "The Hours" über die Schriftstellerin Virginia Woolf und ihr Buch Mrs. "Dalloway" angelegt hat und wie der Stoff später dann von Stephen Daldry kongenial fürs Kino inszeniert worden ist.

Die Ähnlichkeiten zwischen "The Hours" und "W.E." sind nicht zu übersehen. Hier wie dort werden in parallelen Handlungssträngen die Schicksale von Frauen aus verschiedenen Epochen geschildert und miteinander verknüpft. Nur dass es "W.E." an der großen literarischen Vorlage fehlt.

"Alles für die Liebe – ginge die Welt auch verloren. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, WE! – Ich danke dir, David. – Wer ist denn WE? – Dummerchen! Wallis und Edward. – Das ist wirklich süß."

Die Idee zu "W.E." und große Teile des Drehbuchs stammen von Madonna selbst. Schon immer sei sie fasziniert gewesen von der Amerikanerin Wallis Simpson, deren Liebesbeziehung mit Edward VIII. das britische Königshaus Mitte der 1930er-Jahre in eine Krise gestürzt hat. Um Wallis Simpson in ihrer filmischen Darstellung gerecht zu werden, hat sich Madonna eine zweite, fiktive Frauenfigur einfallen lassen.

"Ich denke nur, dass es wichtig ist, die Geschichte von ihrem Standpunkt aus zu erzählen. ... Man scheint sich nur darauf zu konzentrieren, was er für sie aufgegeben hat. Aber wer denkt daran, was sie aufgegeben hat?"

1998, also mehr als 60 Jahre nach dem Skandal, entwickelt eine junge New Yorkerin eine regelrechte Obsession für Wallis Simpson. Täglich besucht sie eine Ausstellung des Auktionshauses "Sotheby´s" mit Exponaten aus dem Nachlass von Edward und Wallis. Allein der Vorname dieser Frau spricht Bände: Sie heißt Wally.

"Erzählen Sie mir von Ihrer Familie! – Was zum Beispiel? – Wie ist Ihre Mutter? – Sie hat mich nach Wallis Simpson genannt. Sie und meine Großmutter waren besessen von ihr. Ich glaube, sie wollten, dass ich einen Prinzen heirate."

Statt des Prinzen ist es ein Arzt geworden. Eine Ehe, in der sich Wally schon seit langer Zeit gefangen fühlt. Ihr Herz schüttet sie einem Wachmann von "Sotheby´s" aus. Evgeny, der aus der Ukraine stammt, und Wally fühlen sich von Tag zu Tag mehr zueinander hingezogen.

Ja – es ist so banal, wie es klingt: Eine gelangweilte und frustrierte Ehefrau verliebt sich neu und will mit ihrem alten Leben abschließen. Wally tut es Wallis gleich. Geschichte wiederholt sich bei Madonna. Nur hat diese Wiederholung nicht den geringsten Mehrwert. Der Film wechselt beliebig hin und her zwischen den beiden Protagonistinnen, die von Abbie Cornish und Andrea Riseborough gespielt werden.

" Hallo! – Eure Königliche Hoheit! - Wie finden Sie das Leben in England, Mrs. Simpson? – Ich liebe es. Bis auf das Fehlen von Zentralheizungen. Es ist mir ständig kalt. – Vielleicht brauchen Sie jemanden, der Sie warm hält. – Sind dafür nicht Ehemänner da?"

Das nicht enden wollende Mäandern durch Zeiten und Räume ist nur eine Mogelpackung. Denn von dem "vollständigeren Bild von Wallis", das Madonna – laut eigener Aussage – mit ihrem Film zeigen will, fehlt hier jede Spur. Während der New Yorker Handlungsstrang aufgesetzt wirkt und in völliger Bedeutungslosigkeit versinkt, kommen auch die Wallis-und-Edward-Sequenzen nicht über das Niveau einer Seifenoper hinaus.

"Wallis, was ist los? – Der Lunch mit deinem Bruder und deiner Schwägerin. Sie werden mich nie akzeptieren. - Das ändert sich, wenn wir verheiratet sind. - Deine Familie wird es nie zulassen. Der Premierminister wird es nie zulassen. – Dann gebe ich den Thron auf. – Und dann werde ich die am meisten gehasste Frau der Welt sein."

Soweit noch einmal auf Dialogebene zusammengefasst das, was ohnehin ein jeder weiß. Innenansichten gibt es hier nur von den hübsch ausgestatteten Räumen. Madonna begnügt sich mit Posen. Was schon typisch für die Schauspielerin war, ist es umso mehr für die Regisseurin. Sämtliche filmischen Mittel sind meistens platt. Oder aber sie sind – wie die komplette Dramaturgie der Geschichte – von anderen Regisseuren geklaut.

Die Substanzlosigkeit versucht Madonna, mit allerlei Kunsthandwerk zu überspielen. Das Spektrum reicht von Zeitlupenbildern über eine sich ständig in Bewegung befindliche Kamera bis hin zur musikalischen Dauerberieselung. Kein einziger Einfall vermag wirklich zu überzeugen. Nicht die Szenen, in denen Madonna Raum und Zeit aufhebt und ihre beiden Frauenfiguren – ganz theatralisch – miteinander kommunizieren. Auch nicht der Moment, in dem Wallis Simpson – in einer einsamen anachronistischen Szene – zu einem Titel der Sex Pistols tanzt. So als hätte es Sofia Coppolas "Marie Antoinette" nie gegeben.

Madonna, der Prototyp der unabhängigen, erfolgreichen Frau, ist bei ihrer kleinen, aber teuren Liebhaberei des Filmemachens daran gescheitert, den Frauen ein Denkmal zu setzen, die über ihr Leben selbst bestimmen wollen. Am Ende von "W.E." wird sie dann das tun, was sie definitiv besser kann: Madonna singt den Abspann-Song.



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