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StartseiteForschung aktuellPlatzangst auf der Eisscholle07.08.2007

Platzangst auf der Eisscholle

Im arktischen Ozean schwimmt weniger Eis als jemals zuvor

Polarforschung. - An den Polen werden die Temperaturen in diesem Jahrhundert besonders stark steigen, viele Klimamodelle sagen dem arktischen Ozean zum Beispiel schon für 2080 eisfreie Sommer voraus. Jetzt warnen Eisforscher allerdings davor, dass die düsteren Vorhersagen zu optimistisch sein könnten: die Realität ist dabei, die Modelle zu überholen.

Von Monika Seynsche

Seit 2000 ist in der Arktis nach dem Sommer jedes Jahr weniger Eis übrig als im Vorjahr. (AWI)
Seit 2000 ist in der Arktis nach dem Sommer jedes Jahr weniger Eis übrig als im Vorjahr. (AWI)

John Walsh sitzt in seinem Büro an der Universität von Alaska in Fairbanks und rückt seine Brille zurecht. Der hagere Meteorologe studiert Satellitenbilder von der Meereisbedeckung des arktischen Ozeans, die über seinen Computerbildschirm flimmern.

"”Es ist weniger Eis da als jemals zuvor, seit Beginn der Satellitenbeobachtungen vor 30 Jahren. Und soweit wir wissen, hat es auch in den vergangenen 100 oder 200 Jahren nie so wenig Eis gegeben wie jetzt.""

Das beunruhigende an dieser Beobachtung ist: der arktische Sommer ist noch lange nicht vorbei. In der Regel schmilzt das Eis bis Mitte September. Von 1970 bis 2000 waren Anfang August durchschnittlich noch acht Millionen Quadratkilometer des arktischen Ozeans vom Meereis bedeckt. Dieses Jahr sind es gerade noch etwas mehr als 6 Millionen Quadratkilometer. Walsh:

"”Es scheint einen Effekt zu geben, der sich von Jahr zu Jahr verstärkt. Denn jedes der letzten sechs Jahre hatte eine sommerliche Eisdecke, die deutlich kleiner war als der Durchschnitt. Wir gehen davon aus, dass der arktische Ozean immer mehr Wärme speichert.""

Denn wenn weiß reflektierendes Eis schmilzt, gelangt mehr Licht und damit Wärme in den dunklen Ozean. Je wärmer der Ozean wird, desto mehr Eis schmilzt wiederum. Gleichzeitig gelangt seit einigen Jahren immer wärmeres Wasser aus dem Atlantik in den arktischen Ozean. Es hat immer Schwankungen der Eisbedeckung gegeben – mal ein Jahr mit wenig, mal eines mit viel Eis. Aber seit 2000 ist gegen Ende des Sommers jedes Jahr weniger Eis übrig als im Jahr zuvor. Dieses Jahr ist der Eisverlust besonders groß. Walsh:

"”Diesmal hat sich das Eis im Juni sehr stark zurückgezogen. Dadurch waren genau zu der Zeit, in der die Sonne hier oben rund um die Uhr scheint große Ozeanflächen frei von Eis. Außerdem waren zumindest die Gebiete nördlich von Alaska und Asien ungewöhnlich gering bewölkt. Die Sonnenenergie konnte also ungestört den Ozean erreichen.""

John Walsh geht davon aus, dass die Sommer mit wenig Eis keine Ausnahmen von der Regel, sondern eine neue Regel sind.

"”Ich denke, wir haben eine Schwelle überschritten und werden nicht mehr umkehren können. Vermutlich wird sich dieser starke Rückzug fortsetzen.""

Wenn der Trend anhält, könnte der arktische Ozean seiner Ansicht nach schon 2040 oder 2050 im Sommer eisfrei sein. Das hätte fatale Folgen: denn das mehrjährige Eis, das den Sommer im Moment noch überdauert, ist wichtig für viele Tiere, sagt Hajo Eicken, Meereisforscher an der Universität von Alaska in Fairbanks. Der Polardorsch zum Beispiel komme fast nur unter diesem dicken Eis vor und stelle gleichzeitig eine sehr wichtige Nahrungsquelle dar. Eicken:

"Der wird also von den ganzen Seehunden und Robben, die mit dem Eis assoziiert sind, gefressen, der wird von Beluga-Walen gefressen und spielt also eine kritische Rolle im ganzen Nahrungsnetz. Dieser Polardorsch ist nur sehr wenig unter einjährigem Eis zu finden in großen Bereichen."

Je mehr sein Lebensraum verschwindet, desto stärker gerät er selbst in Bedrängnis.

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