• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 09:05 Uhr Kalenderblatt
StartseiteKultur heutePoetisch, komisch und schillernd08.03.2011

Poetisch, komisch und schillernd

Das Festival "F.I.N.D." an der Schaubühne

Die Schaubühne hat in diesem Jahr die Länderschwerpunkte aufgegeben und intensiviert stattdessen die Zusammenarbeit mit Dramatikern, die auch selbst inszenieren. 21 neue Stücke zeigt das Festival Internationale Neue Dramatik noch bis Sonntag in Berlin.

Von Hartmut Krug

F.I.N.D. 2011 (Juergen Teller)
F.I.N.D. 2011 (Juergen Teller)
Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

F.I.N.D. 2011 - Das Festival Internationale Neue Dramatik

Kalt ist es, minus 60 Grad, und ein Heer von Ratten durchquert die Stadt Fermont in der kanadischen Provinz Quebec. Alle Menschen tragen Fellmäntel in Wajdi Mouawads Uraufführungsinszenierung seines Stückes "Zeit", doch gegen die Kälte, auch zwischen einander, helfen sie nicht.

Ein alter Mann, Familienvater, Forscher, Dichter und Architekt der Bergbaustadt im Eis, läuft in die Kälte hinaus. Er leidet am beginnenden Alzheimer und findet die "tief vergrabenen Fische der Erinnerungen" nicht mehr, wie es in Mouawads sprachlich so hoch wie daneben greifendem Stück heißt. Es ist ein Kitschstück voller realer und allegorischer Bedeutsamkeiten. Die Frau dieses Napier de la Forge hat sich einst im Salzwald selbst verbrannt, seitdem laufen die Ratten einmal am Tag durch die Stadt, während seine neue Lebensgefährtin seine Dichtwerke retten will und seine erwachsene Tochter stumm ist.

Sie hat ihre Brüder, die nichts voneinander wussten, zur Familienzusammenführung mit bösem Sinn nach Fermont gerufen. Der eine ist in Frankreich, der andere in Russland aufgewachsen, weshalb sie Dolmetscherinnen brauchen. Die Männer waren wohl auch mal in Afghanistan, das muss sie irgendwie beschädigt haben, raunt das Stück, das unbedingt antikisch wuchtig sein soll. So offenbart die Tochter nicht unerwartet, dass ihr Vater sie seit ihrem sechsten Lebensjahr unentwegt missbraucht habe. Worauf der ein Kinderhemdchen in den Wind hängt und vor diesem onaniert.

Nun soll gemeinsam der Vater getötet werden. Und so stelzen alle Figuren so langsam wie bedeutsam über die Bühne, bis die ihren Vater irgendwie auch liebende Tochter, die sich zur eigenen Befreiung des Vaters Vergewaltigungen schließlich hat bezahlen lassen, diesem handwerklich sexuelle Befriedigung verschafft. Dann schießt sie ihm während seines lautstarken Orgasmus in den Unterleib und lockt mit dem Toten als Rattenfänger die Ratten aus der Stadt. Was bleibt, ist Liebe, - denn zwei Frauen, zwei Übersetzerinnen, finden zueinander. Ein neues Paar ist geboren in einem gruselig misslungenen Stück, das in des Autors Regie dem Schaubühnenfestival zum Auftakt gleich fast einen K.O.-Schlag versetzte.

Doch das Festival berappelte sich schnell. Anders als in den vergangenen Jahren, als thematische oder nationale Schwerpunkte gesetzt waren und man sich meist in der Studiobühne bei kleinen Stücken und szenischen Lesungen drängelte, findet das bunte Programm diesmal meist auf der großen Bühne statt. Mit großformatigen Inszenierungen von Künstlern, die ihre eigenen Texte inszenieren, sucht sich Thomas Ostermeier gegen die vielen anderen Theaterfestivals in Berlin abzusetzen. Die Nachwuchsförderung ist in eine "Confesssions" genannte Reihe delegiert, in der junge Dramatiker Monologe von zehn Minuten Länge zeigen. Und aus Frankreich, Russland und Deutschland sind Studenten des Theaters zu einem Arbeitstreffen zusammen gekommen.

In Frankreich berühmt, doch erstmals in Deutschland vorgestellt hat sich Jean-François Sivadier vom Théâtre National de Bretagne aus Rennes. In "Noli me tangere" wird Johannes der Täufer bei seinem Widerstand gegen Pontius Pilatus und Herodes gezeigt. Ein witziger Erzengel Gabriel und eine von Shakespeare angeregte Laientheatergruppe, die Jesu Auferstehung probt, lockern die großen Spracharien der Aufführung auf. Einer Aufführung von ganz eigenem Reiz, wunderbar choreografiert und in große Bilder gefasst. Eine Entdeckung.

Thomas Ostermeier, bekennender Fan des seit 1991 immer wieder bei F.I.N.D. vertretenen Rodrigo Garcia, hat diesen zur erst maligen Zusammenarbeit mit einem deutschsprachigen Schauspieler animiert. In "Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein anderes Arschloch" spielt Lars Eidinger im Fellkostüm einen Vater, der mit seinen kleinen Söhnen bei einer Fahrt in den Prado sein Geld bei Sauf-, Sex- und Drogenexzessen verballern will, während diese lieber ins Disneyland möchten. Dazu dröhnt Techno und ein silbern verspiegelter Mercedes dreht sich mit Eidinger, während vom Band ein verquaster Sloterdijk in seinen eigenen Formulierungen kreiselt. Durch Eidinger wird dieses unterhaltsam harmlose Solostück, das sich zwischen E- und U-Kunst leichthin selbst veralbert, immerhin sehenswert.

Richtig poetisch, komisch und schillernd vieldeutig aber war Friederike Hellers Uraufführungsinszenierung von Paul Brodowskys "Regen in Neukölln". Das 2008 beim Stückemarkt des Theatertreffens aufgefallene Stück führt skurrile Figuren vor. In der leeren Studiobühne springen sie wie in einem nächtlichen Albtraum über Gehwegplatten zueinander und voneinander weg. Wunderbare Schauspieler, an ihrer Spitze Ernst Stötzner als berlinernder, geiler Taxifahrer und Niels Bormann als eleganter Stadtfuchs im Smoking, machen diese kleine Inszenierung zum großen Ereignis eines Festivals, das mit Gastspielen aus Tampere, Israel, Bordeaux und Moskau in dieser Woche zu Ende geht.

Informationen:

F.I.N.D. 2011 - Das Festival Internationale Neue Dramatik

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk