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Seit 19:05 Uhr Kommentar
StartseiteBüchermarktPoetisches System aus Komplementärfarben04.06.2007

Poetisches System aus Komplementärfarben

Auswahlband aus dem lyrischen Werk Nora Iugas erschienen

Die 76-jährige Rumänin Nora Iuga gilt in ihrer Heimat nicht nur als beste literarische Übersetzerin aus dem Deutschen, sondern vor allem als grande dame der rumänischen Poesie. Aus Nora Iugas lyrischem Werk, das mittlerweile zwölf Gedichtbände umfasst, hat der Klett-Cotta-Verlag in diesem Frühjahr einen Auswahlband unter dem Titel "Gefährliche Launen" in der Übersetzung von Ernest Wichner vorgelegt.

Von Jan Koneffke

Fischer unter einer Brücke in Bukarest. (AP)
Fischer unter einer Brücke in Bukarest. (AP)

Es kann dem Übersetzer Ernest Wichner nicht leicht gefallen sein, eine Auswahl aus dem Gedichtwerk der Nora Iuga zu treffen. Nicht deshalb, weil dieses Werk zu umfangreich wäre, sondern weil jeder Gedichtband Nora Iugas ein neues Register zieht und eine eigene poetische Entität bildet. Während der erste Gedichtband, 1968 erschienen, formal noch konventionelleren Gedichtmustern folgt, hat die Autorin in ihrem 1986 publizierten "Himmelsplatz" die Form bereits erheblich erweitert und eine poetische Collage aus Prosa und Gedicht, intimem Tagebuch, Träumen, Brieffragmenten und Reflexionen geschaffen, während der darauf folgende Band, "Lieder" betitelt und im Revolutionsjahr 1989 veröffentlicht, scheinbar naive Reimgedichte enthält und wiederum eine ganz neue lyrische Sprechweise ausprobiert. Beide Bücher sind im deutschen Auswahlband so gut wie nicht berücksichtigt.

Aber der poetischen Originalität Nora Iugas wird der Auswahlband dennoch gerecht, nicht nur, weil er den Registerwechsel der in den 90er Jahren bis 2005 erschienen Bücher umso eindrucksvoller unter Beweis stellt, von den zur aphoristischen Kürze neigenden Texte in "Gefährliche Launen" (1998), über die sich schmerzhafter Subjektivität überlassenen Langgedichte im "Spital der Mannequins" aus demselben Jahr, dem Figurenpoem "Der Autobus mit den Buckligen" (2002) bis zum langen Prosagedicht "Das Mädchen mit den tausend Falten" von 2005. Sondern vor allem deshalb, weil Ernest Wichner in seinen Übersetzungen der sinnlich-erotischen, subjektiv-bekenntnishaften Gedichtsprache Nora Iugas treu bleibt, die, bei allen Formexperimenten, den authentischen Kern dieser Lyrik bildet.

Zu den poetischen Techniken der Nora Iuga gehört in erster Linie die Verbindung weit auseinander liegenden Wahrnehmungs- und Bildbereiche. Dass diese Technik auch etwas mit den repressiven Bedingungen des Ceaucescu-Regimes zu tun hatte, ist der "unpolitischen" Dichterin Nora Iuga durchaus bewusst:

"Am Anfang wollte ich etwas ausdrücken, das man nicht ausdrücken durfte wegen des Regimes. Und alle haben das gemacht, also es waren die Metaphern da und die Vergleiche und so. Aber das hat mir nicht gefallen, ich habe gespürt, dass das antiquiert ist. Und dann habe ich wie gesagt eine andere poetische Denkweise kultiviert, aber die lag mir sehr nahe.

Mein ganzes Talent als Poetin liegt in dieser Art zu denken, poetisch zu denken, ganz anders, ich sehe einen Hund auf der Straße, und dann gibt es hier einen Bruch, eine Brechung, und dann mache ich einen sehr großen Sprung, und komme, weiß ich, auf eine Terrasse, wo eine Palme ist. Oder so etwas. So irgendwie knüpfen sich die Gedanken in meinem Kopf, so dass ich keine Metaphern mehr brauche oder weiß ich was für Stilfiguren. Aber durch diese Sprünge von einer Wirklichkeit in eine ganz andere Wirklichkeit, aber keine ganz zufällige Wirklichkeit."

Das liest sich dann beispielsweise so: "Mein Zeigefinger dauert mich/ er hätte ein paar Schubladen öffnen können/ doch das Auge am Hinterkopf ist gewachsen/ und im Keller wimmelt es von Rekruten."

Eine andere Technik Nora Iugas bedient sich der Kombination syntaktischer Korrektheit mit alogischen Inhalten, etwa wenn es im "Autobus mit den Buckligen" heißt: "wenn ich vergesse, die telefonrechnung zu bezahlen/ wird das wasser abgestellt", oder: "die luft im autobus ist eine kuh/ ihr euter blickt zurück im zorn."

Nora Iuga entwickelt in ihrer Poesie ein poetisches System aus Komplementärfarben, die das Auge normalerweise nicht sieht. Das verschafft den Gedichten ihren surrealen, ja bisweilen absurden Charakter, der wiederum der ironischen Grundstimmung seiner Verfasserin entspricht.

"Erstens einmal kann ich nicht in einem einzigen Gefühl bleiben längere Zeit, denn es wird mir schrecklich langweilig vor allem im Schmerz oder in Melancholie oder, weiß ich, in Schwermut. Das ist ein Wort, ich muss immer darüber lachen, es ist so deutsch, ich weiß nicht wie, es bringt mich immer zum Lachen."

"Doch rücksichtsvoll ... hat Ironie mich stets/ beschützt und mir den Weg gewiesen über Hinter-/treppen ...", heißt es in dem Gedicht "Die Reise nach Plovdiv wurde verschoben". Über die Hintertreppen der Ironie nimmt das lyrische Ich der Nora Iuga Reißaus vor Schmerz und existenziellem Ernst. Es handelt sich um Hintertreppen zu einer Bühne, auf der ein surreales Bildertheater stattfindet. In diesem schwindelerregend leichten Stück fliegt dem Leser die Welt um die Ohren. Nichts bleibt mehr auf seinem Platz. Wirklichkeitsflucht ist das Ziel. Aber die Schwere der Welt können Nora Iugas Verse trotzdem nicht abschütteln. Sie wollen es auch gar nicht. Zutiefst bleiben sie dem Irdischen und Leibhaften verbunden. Iugas Gedichte sind nie geschlechts- oder körperlos, nie süßlich oder sentimental, sondern von bestechender Sinnlichkeit - einer Sinnlichkeit, "die zwischen Genuß und Leiden bei lebendigem Leib nicht mehr unterscheidet", wie Mircea Cartarescu in seinem Nachwort zum Auswahlband schreibt.

"Ich liebe, ich mag die Erde sehr, die Erde ist sehr sinnlich, die Erde ist genau wie Fleisch, wie Haut. Also ich könnte mir sogar vorstellen, um Gotteswillen, was ich da alles sage, dass ein Eremit oder ein Mönch, der irgendwo ganz alleine lebt und keine Frau hat, ich könnte mir eher vorstellen, dass er onaniert mit einem Loch in der Erde als mit seiner eigenen Hand, weil die Erde wie ein Weib ist. Es ist wunderbar, das schätze ich bei der deutschen Sprache sehr, dass die Erde zum Beispiel weiblich ist, dass die Sonne weiblich ist. Ich empfinde Sonne und Erde als weiblich. In der rumänischen Sprache ist Sonne männlich, ist Erde männlich. Ich weiß nicht wieso. Sie sind ja so warm, die Sonne und die Erde, und sehr sehr sinnlich."

Dass Nora Iugas Liebe zur erotischen Un-Ordnung der kommunistischen Staatsmacht suspekt sein musste, versteht sich von selbst. Folglich wurde sie 1971 nach der Veröffentlichung ihres zweiten Gedichtbandes verboten. Ihre Bücher verschwanden aus Buchhandlungen und Bibliotheken, die Autorin durfte keine Zeile mehr publizieren. Begründet wurde dieses Vorgehen nicht. Erst nach der Revolution von '89 erfuhr Nora Iuga, dass sie das Publikationsverbot dem angeblich "pathologischen Erotismus" ihrer Gedichte verdankte.

Übrigens gehörte die Autorin zum Kreis der jungen "onirischen Dichter", die drei Jahre zuvor nach dem Ende des Proletkults in der Literatur wie die Pilze aus dem Boden geschossen waren. Diese junge Generation schrieb "Traumgedichte", eine Literatur in der Nachfolge des Surrealismus, die sich vermeintlich "realistischen" Schreibweisen verweigerte. Wirklichkeitsflucht war Programm.

Obwohl Nora Iugas Gedichte gar nicht anders als vor dem Hintergrund eines repressiven Systems gelesen werden können und man den Titel "Gefährliche Launen" auch als Anspielung auf die Willkürherrschaft des kommunistischen Despoten Ceaucescu verstehen könnte, der beispielsweise beim Besuch eines kleinen Ortes an der Schwarzmeerküste entschied, dass er komplett vom Erdboden verschwinden müsse, verweigern sie jede politische Aussage. Oder anders gesagt: Politisch sind diese Verse, in dem sie auf Autonomie beharren. Sei es auf der Autonomie des lyrischen Sprechens, sei es auf der Autonomie des liebenden und leidenden Ichs.

Aber auch mit ihrem Nachwort mag die aus einer Künstlerfamilie stammende Dichterin, die zwischen Geigen und Ballettschuhen aufwuchs und das Wort "Politik" als letztes lernte, den westlichen Leser verwirren. Es trägt den Titel: "Ich hatte ein schönes Leben." Ist das beißende Ironie? Oder Provokation?

"Ich habe ein schönes Leben gehabt, weil ich eigentlich nicht wusste, wie ein schönes Leben aussieht. Und deshalb kann ich nicht genau sagen, ob es ironisch gemeint war oder ob ich nicht wirklich auch sehr aufrichtig war."


Nora Iuga: Gefährliche Launen. Ausgewählte Gedichte
Aus dem Rumänischen übertragen von Ernest Wichner. Mit einem Nachwort von Mircea Cartarescu.
Klett-Cotta, Stuttgart, 2007
130 Seiten

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