• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteBüchermarktPointier und einfühlsam08.11.2004

Pointier und einfühlsam

Rujana Jeger: "Darkroom"

Als es heißt, die NATO werde Belgrad bombardieren, da lädt Kristijan Morana und Boris zu sich zum Essen ein. "Kommt zu mir", hatte Kristijan gesagt in der ihm eigenen flapsigen Art, "wir essen was und schauen uns die Bombardierung von Belgrad an" – als ginge es um einen Spielfilm oder ein Sportereignis. Und so sitzen sie da, zu dritt vor dem Fernseher in einem fremden Land, und wollen nicht glauben, "dass es wirklich geschieht": Kristijan, Morana und Boris, drei junge Menschen um die dreißig mit typisch jugoslawisch-gemischtem Familienhintergrund, deren Leben so sorgenfrei begonnen hat und die nun schon seit zehn Jahren mit ansehen müssen, wie das Land zerfällt, aus dem sie kommen.

Von Katharina Narbutovic

Rujana Jeger: "Darkroom" (C. H. Beck Verlag)
Rujana Jeger: "Darkroom" (C. H. Beck Verlag)

Rujana Jeger, 1968 in Zagreb geboren, hat mit Darkroom ein Buch des Abschieds von der Kindheit und von Jugoslawien geschrieben, das vom Lebensgefühl einer Generation getragen wird, der nichts fremder ist als das Denken in nationalistischen Kategorien und die vom Krieg in alle Winde verstreut wurde, einer Generation, die unbeschwert ihre Jugend genießen und in den Tag hineinleben konnte, bis Anfang der neunziger Jahre der Krieg begann.

Morana, die Hauptfigur in "Darkroom", ist ein typisches Achtundsechziger-Kind mit Hippie-Eltern, die langes Haar und Glöckchen tragen, von Gurus und Joga sprechen und die Blicke der Passanten auf sich ziehen. So dass für Morana auch nichts Ungewöhnliches dabei ist, nach der Schule die Freundinnen mit zu sich nach Hause zu nehmen, um ihnen die Meerschweinchen zu zeigen, und den Vater nackt im Lotussitz anzutreffen, von Räucherstäbchen und indischer Musik umgeben, sein Mantra rezitierend.

Eine glückliche Kindheit in Zagreb mit viel Freiheit und einem Elternhaus wie die Villa Kunterbunt, etwas chaotisch vielleicht mit der ständig sich erweiternden Patchworkfamilie und den immer jünger werdenden Frauen des Vaters, doch zugleich auch sehr liebenswert. Das einzige, was fehlt, ist Beständigkeit, oft genug muss Morana von Stiefmüttern und -vätern Abschied nehmen, an die sie sich gerade gewöhnt hat, weil die Scheidung ein Versicherungsschutz ist, den ihre Eltern immer in der Tasche haben. Dies mag auch der Grund dafür sein, dass Morana an allem so sehr hängt, was ihr lieb ist: an ihren Hunden, ihrem Mann Boris und an Kristijan, ihrem besten Freund, mit dem sie in der 11. Klasse die Schule schwänzte und der schwul ist und krank.

Mit beiden, mit Boris und Kristijan, erlebt sie in den achtziger Jahren die schönsten Momente ihrer Jugend und genießt das Leben, denkt, die Welt liege ihnen zu Füßen und es würde ewig so weitergehen mit Underground-Clubs und langen Nächten, Kneipentouren, wilden Parties und Musik von Iggy Pop – bis der Krieg losbricht und alles auf den Kopf stellt. Da ist Morana 23 Jahre alt und gerade auf dem Rückweg von einer Einkaufstour mit Boris in Österreich, unterwegs nach Zagreb, als ihnen nachts in Slowenien eine Panzerkolonne entgegenkommt.

Zehn Jahre sind seitdem vergangen. Morana, Boris und Kristijan leben in München, sehen von fern zu, wie Jugoslawien immer weiter zerfällt, stellen mit Befremden fest, dass die Zeit ihrer Jugend schon Gegenstand von Revivals ist, und suchen ihren Platz im Leben, wie so viele es tun mit Anfang dreißig. Moranas Großvater ist in Serbien gestorben, weil es während der Sanktionen nicht genügend Medikamente gab, Moranas Mutter ist krank, hat eine Operation nach der anderen.

Was bleibt, sind die Erinnerungen an die schönen Momente im Leben, an die Sommer am Meer mit den Zypressen und Zikaden, dem Duft von Rosmarin, den gelben Wassermelonen und der dröhnenden Stille des Wassers beim Tauchen. Oder aber das Leben in vollen Zügen zu genießen und alles mitzunehmen, was kommt, bevor es zu spät ist, so wie Kristijan es tut, der mit seinen unzähligen Liebesabenteuern für immer neue komische Geschichten sorgt und mit seinem Sarkasmus mehr als einmal den Nagel auf den Kopf trifft. Doch das täuscht – fast bewußt, möchte man sagen - darüber hinweg, dass "Darkroom" vor allen Dingen auch ein Buch des Abschieds von Kristijan ist:

Als Moranas alte Hündin eingeschläfert werden muss, weil sie nicht mehr laufen kann, da bringt Kristijan Schokolade zum Arzt mit und füttert das Tier, als es die Spritze bekommt. Die Hündin frißt, bis sie einschläft. Und Kristijan sagt, man solle auch ihm Schokolade zu essen geben, wenn er an Aids sterben werde.

Rujana Jeger hat mit "Darkroom" ein Buch über die jugoslawische Generation X geschrieben, deren Leben dem unseren auf so verblüffende Weise gleicht - bis auf den Krieg, der uns erspart geblieben ist. "Darkroom" ist ein Buch wie eine Patchworkarbeit, zusammengesetzt aus einer Vielzahl von Momentaufnahmen aus dem Familienalbum, die abwechselnd die Freunde, die Eltern und Großeltern, das Meer oder das Leben in der Fremde in den Mittelpunkt rücken – mal ausgesprochen komisch und schräg, mal erfüllt von leisem, verhaltenem Schmerz, immer pointiert und mit großem Einfühlungsvermögen. Ein stimmiges Debüt voller Wehmut und Wärme, das auf jeder Seite von eigener Erfahrung zeugt und uns ein Bild davon vermittelt, wie es sich anfühlt, über den Krieg die Heimat zu verlieren.

Rujana Jeger
Darkroom
C.H. Beck Verlag, 150 S., EUR 17,90

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk