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StartseiteBüchermarktPointierte Formulierungen und gelungene Sprachbilder04.09.2012

Pointierte Formulierungen und gelungene Sprachbilder

Antoine de Rivarol: "Vom Menschen. Gedanken und Maximen, Porträts und Bonmots", Willms. Matthes & Seitz

Alle Texte des französischen Ausnahmedenkers Antoine de Rivarol hat Ulrich Kunzmann gesammelt und ins Deutsche übersetzt. Witz, Schärfe und Esprit sind Rivarols Markenzeichen mit denen er menschliche Leidenschaften durchleuchtet.

Von Martin Ebel

Der franzöische Schriftsteller Antoine de Rivarol starb 1801 in Berlin. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Der franzöische Schriftsteller Antoine de Rivarol starb 1801 in Berlin. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

"Was nicht klar ist, ist nicht französisch". Ce qui n'est pas clair n'est pas francais". Diesen Satz kennt jeder Franzose, und es lernt ihn auch der Student des Französischen überall in der Welt. In ihm konzentriert sich das Überlegenheitsgefühl einer Nation, er setzt Sprachstruktur und geistige Dominanz in eins. Dieses selbstbewusste Axiom ist nahezu das Einzige, das von seinem Autor überlebt hat. Die Sammlung "Vom Menschen" ist angetreten, das zu ändern. Der Autor heißt Antoine de Rivarol, lebte von 1753 bis 1801 und gehört zur letzten Kohorte der Aufklärer, zu jener Generation, die das Pech hatte, die Revolution zu erleben, in der vieles gut Gedachte in schlecht Gemachtes umgesetzt und manches Gedankenkind mit dem Blutbade ausgeschüttet wurde.

Das Adelsprädikat im Namen Rivarols ist schon fraglich; er war das älteste Kind von 16 eines Gastwirts im südfranzösischen Bagnols sur Cèze, kam 1776 nach Paris und versuchte dort, aus einer italienischen Abstammung einen Grafentitelanspruch abzuleiten. Mehr Erfolg hatte er mit seiner literarischen Begabung; seine flotte Feder fand eine Heimat im "Mercure de France", später in einer eigenen politischen Zeitschrift.

Rivarols eigentliche Begabung aber war das Gespräch, die geistvolle Konversation. Sie verschaffte dem Parvenü aus der Provinz schnell Zugang zu den führenden Salons - dort galt gewissermassen das Leistungsprinzip; wer mit Bonmots zu unterhalten vermochte, war auch ohne Adelsbrief ein gern gesehener Gast. Rivarols Konversationsbeiträge müssen, das zeigt auch die vorliegende Sammlung, einen ausgesprochen boshaften Charakter gehabt haben; das trug ihm Beifall und Gelächter ein, aber auch jede Menge Feinde. Als man ihn etwa fragte, wer diese ziemlich magere Dame sei, die einen Hund bei sich habe, antwortete er: "Das ist ein Hund, der seinen Knochen bewacht". Oder als ihn ein Möchtegerndichter einen Zweizeiler zeigte und ihn nach seinem Urteil fragte, fiel das so aus:

"Er ist gut. Aber da gibt es gewisse Längen."

Auch mit seinen maliziösen Porträts von Zeitgenossen steigerte er nicht unbedingt seine Beliebtheit. Für seinen unabhängigen Geist spricht, dass er sowohl die Verkommenheit des Ancien Régime als auch die Pöbelherrschaft der Revolution aufs Äußerste missbilligte. Nur verfuhren die neuen Herren weniger milde mit ihren Kritikern. Gerade mal anderthalb Jahre durfte Rivarol seine spitze Feder in seinem "Journal politique national" gegen die Ideologie der Gleichheit führen, dann ergriff er die Flucht; gerade noch rechtzeitig. Schon eine Woche später standen die Häscher der Revolution in seiner Wohnung:

"Wo ist er, der große Mann? Wir wollen ihn einen Kopf kürzer machen."

Die letzten zehn Jahre, von 1791 bis 1801, irrte Rivarol als Emigrant durch Europa: von Brüssel über Rotterdam nach London, Hamburg und schließlich nach Berlin. Seine spitze Zunge verließ ihn nicht; seine Mitemigranten, zumeist Adlige, die Besitz und Privilegien nachtrauerten, nannte er Schmetterlinge, die sich in Raupen verwandelt hatten. Unter den Deutschen fand sein blitzschneller Witz keinen fruchtbaren Boden; sie müssten sich zusammentun, um ein Bonmot zu verstehen, schrieb er. Einige Hoffnungen setzte er auf Berlin; hier hatte Friedrich II. regiert, der verehrte Philosophenkönig; hier war jene Akademie ansässig, deren Preisfrage er einst gewonnen hatte. 1784 war das gewesen, gefragt wurde nach den Gründen für die Überlegenheit der französischen Sprache, sein enthusiastischer Essay hatte ihm europäischen Ruhm eingetragen, aus ihm stammt der Satz, der ihn überlebt hat:

"Ce qui n'est pas clair n'est pas francais."

Clair, klar ist auch Rivarols Sprache, was in der deutschen Übersetzung noch spürbar ist. Sein Esprit, der sehr oft vom Wortwitz lebt, muss in dieser zwangsläufig verlieren. Die Absicht des Herausgebers und Übersetzers Ulrich Kunzmann, mit der Sammlung "Vom Menschen" eine "geistige Physiognomie" dieses Aufklärungs-Nachkömmling zu erstellen, ist durchaus gelungen. Man hat nach der Lektüre der 500 Seiten begriffen, wie Rivarol "tickte". Man teilt seinen Abscheu vor den Exzessen der Revolution, freut sich über scharfe Beobachtungen, pointierte Formulierungen und gelungene Sprachbilder. Stilistisch liebt er die Metapher und die Antithese, bisweilen ein bisschen allzu sehr. Unübertrefflich ist er in der Verdichtung, etwa wenn er das politische Geschehen eines Jahrzehnts in folgende zwei Sätze fasst:

"Als es die Franzosen müde geworden waren, sich selbst zu regieren, brachten sie sich gegenseitig um. Als sie es müde geworden waren, sich im Innern gegenseitig umzubringen, ertrugen sie das Joch Bonapartes, der sie im Ausland umbringen lässt."

Manche Passagen atmen eine fast moderne Dialektik. Im Ganzen ist Rivarol aber kein Moderner. Nicht ohne Grund hat ihn Ernst Jünger sehr geschätzt und eine kleine, heute noch lieferbare Sammlung seiner Maximen herausgegeben. Ein Leser unserer Tage wird wohl weniger einen Geistesverwandten suchen. Finden wird er eine historisch spannende Gestalt: einen Vertreter der Aufklärung, der sich vor ihren Konsequenzen voll Entsetzen abwendet und verurteilt, was auch sein Denken bestimmt hat. Die "Philosophen" sind ihm ein Gräuel, sie macht er für alle Gräuel verantwortlich, deren Zeuge er erst aus der Nähe, dann aus der Ferne ist. Seine politischen Ausführungen sind reaktionär, ihre Lektüre - weil ihnen der Herausgeber allzu viel Raum gegeben hat - ermüdend. Man hat bald verstanden, dass Rivarol nichts von Gleichheit hält, dass Sicherheit und Besitz für ihn die höchsten Güter darstellen und dass jedes Volk so geführt werden muss wie die Kinder vom Vater.

Rivarol, um einmal sein antithetisches Verfahren auf ihn selbst anzuwenden, war im Kleinen groß - nämlich im Epigramm und im Bonmot - aber im Grossen klein - als politischer Denker. Sein Bestes gab er im Gespräch - und ist mit diesem dahin. Der Versuch, seine Gestalt durch eine Auswahlausgabe wieder zu beleben, ist lobenswert; nicht allerdings die Ausführung. Sie spricht allen editorischen Tugenden und Prinzipien Hohn. Dreizehn nach Themen geordnete Kapitel versammeln kunterbunt durcheinander die unterschiedlichsten Textsorten, gekürzt, aus dem Zusammenhang gerissen und ohne Einbettung in den Kontext. Essay und Artikel, Brief und Epigramm, ohne Quellenangabe und leider auch ohne Dramaturgie. Dazu kommt noch, dass neben Originalsätzen Rivarols Anekdoten über ihn stehen. Man reibt sich die Augen angesichts des ständigen Perspektivenwechsels. Ein sonderbares Kuddelmuddel. Der Klarheitsfreund Rivarol wäre nicht begeistert.

Antoine de Rivarol:
Vom Menschen. Gedanken und Maximen, Porträts und Bonmots. Auswahl und Übersetzung von Ulrich Kunzmann. Nachwort von Johannes Willms. Matthes & Seitz, Berlin 2012. 498 S., 39.90 Euro

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