Interview / Archiv /

 

"Polen und Russen sind immer noch ein ungleiches Volk

Direktor des Kollegiums Polonicum: Spannung war vorprogrammiert

Krzysztof Wojciechowski im Gespräch mit Silvia Engels

Auseinandersetzungen zwischen russischen und polnischen Fans vor dem EM-Spiel in Warschau
Auseinandersetzungen zwischen russischen und polnischen Fans vor dem EM-Spiel in Warschau (picture alliance / dpa / Rafal Guz)

Die Auslöser für die Krawalle nach dem EM-Spiel zwischen Polen und Russland seien historisch begründet. Die Deutschen und die Polen hätten ihre Hausaufgaben gemacht und sich versöhnt. Die Polen und die Russen aber nicht. Das Verhältnis sei bis heute nicht bereinigt worden und bei solchen Gelegenheiten kämen alle Emotionen hoch, sagt Krzysztof Wojciechowski, Direktor des Collegium Polonicum in Frankfurt an der Oder.

Silvia Engels: Sie haben es wahrscheinlich schon mehrfach in dieser Sendung gehört: Schwere Ausschreitungen zwischen Polen und Russen gestern haben in der Warschauer Innenstadt die EM überschattet. Das Vorrundenspiel zwischen Russland und Polen wurde dadurch doch in der Tat zwar nicht beeinträchtigt, aber von der Stimmungslage in ein anderes Licht gerückt. Zehn Menschen wurden verletzt, rund 130 Personen festgenommen. Wir wollen das einordnen mit Krzysztof Wojciechowski, er ist Soziologe und Direktor am Collegium Polonicum an der Universität Frankfurt/Oder. Guten Morgen, Herr Wojciechowski.

Krzysztof Wojciechowski: Guten Morgen, Frau Engels.

Engels: Nach Korrespondentenberichten gab es zunächst möglicherweise Provokationen von russischen Fans, aber dann wurden polnische Hooligans für die Ausweitung dieser Krawalle verantwortlich gemacht. Wie ist das zu erklären?

Wojciechowski: Den weitesten Rahmen dieser Ausschreitungen bildet natürlich die Spannung in der polnisch-russischen Geschichte. Sie wissen, in der Geschichte waren die Polen meistens Opfer der russischen Brutalität und des Imperialismus. Aber wenn sie die Gelegenheit hatten, schlugen sie eifrig zurück, und das ist natürlich das, was bis heute uns Sorgen macht. Dieses historische Verhältnis wurde nicht bereinigt und bei Gelegenheiten wie dieser kommen alle Emotionen hoch. Die Deutschen und die Polen haben ihre Hausaufgaben gemacht, haben sich versöhnt, die Polen und die Russen nicht.
Diese Ausschreitungen hatten Vorgeschichte. Vor zwei Wochen in Moskau auf einer Pressekonferenz sagte ein polnischer Diplomat, es wäre besser, wenn die russischen Fans in Polen keine Symbole demonstrieren würden, zum Beispiel sowjetische Symbole oder nationalistische Symbole, die die Polen provozieren könnten. Daraufhin haben sich sofort die russischen Verbände der Fans gemeldet und sagten, sie lassen sich nicht verbieten, in Polen zu demonstrieren, was sie für richtig halten. Und die Spannung war vorprogrammiert. Die Russen haben dann einen Marsch im Zentrum von Warschau beantragt, sie haben eine Genehmigung bekommen, aber die polnischen Hooligans lauerten schon auf der Strecke und haben die Russen wüst und ordinär beschimpft. Und dann irgendein Funke und natürlich es kam zu Handgemengen, in denen, nehme ich an, die Russen gar nicht wehrlos waren. Das ist eine traurige Geschichte, die aber belehrt uns einer Sache: Die Verhältnisse zwischen ungleichen Nachbarn in Europa und in der Welt – und Polen und Russen sind immer noch ungleiche Nachbarn, ein gewaltiges großes Volk und ein noch durch Minderwertigkeitskomplexe geplagtes Volk zwischen zwei großen Nachbarn, zwischen Deutschen und Russen -, diese Verhältnisse sind sehr sensibel und wir sind alle gut beraten, wenn wir sehr stark achten darauf, wie wir diese Verhältnisse managen. Die Deutschen und die Polen haben es geschafft, sie haben das beinahe meisterhaft in den letzten Jahrzehnten hingekriegt, aber die Russen und die Polen nicht.

Engels: Sie haben es angesprochen, dass viel in der ungeklärten historischen Vergangenheit zwischen beiden Ländern liegt. Gibt es denn auch aktuell nach wie vor wesentliche politische Kräfte, die diese Spannungen schüren? Wir haben ja gesehen, dass im Vorfeld durchaus in der Boulevardmedienlandschaft in Polen auch Kriegsrhetorik bemüht wurde. Aber treibt das auch nach wie vor Blüten in anderen Teilen der politischen Elite?

Wojciechowski: In Polen sind circa 25 Prozent der Wähler Anhänger der rechten Parteien und sind immer noch sehr, sehr empfänglich für nationalistische und antirussische Parolen. Das wird natürlich von der Boulevardpresse instrumentalisiert, das wird von Politikern instrumentalisiert. Die sozusagen alte Attitüde, wir sind die moralisch guten und zivilisatorisch fortgeschrittenen und die Brutalos aus dem Osten wollen ständig etwas von uns, aber wir lassen uns das nicht aufzwängen, diese ist sehr lebhaft und das überträgt sich von Generation auf Generation. Die jungen Leute – es gibt einen Anteil von jungen Leuten in jeder Gesellschaft, die sehr empfänglich sind für, sagen wir, vitale Werte, also Schlagen, Kraft, Kampf und so weiter -, die gibt es auch in Polen und das sind leider die Fußballfans, meistens, die auch oft zu Patrioten stilisiert werden. Und die Politiker aus dem rechten Spektrum schlagen immer bei jeder Gelegenheit etwas Kapital aus dieser Lage.

Engels: Gibt es denn möglicherweise jetzt eine Chance auf ein Zeichen, das möglicherweise die polnische Führung, aber auch zivile Gruppen in Polen setzen könnten, damit dieser, ja doch im Gesamtzusammenhang kleine Kreis von Randalierern nicht eine Deutungshoheit über die bislang ja sehr friedlich verlaufene EM bekommt?

Wojciechowski: Ich hoffe sehr! – Ich hoffe sehr. – Selbst eine ziemlich rechts orientierte Tageszeitung, "Rzeczpospolita", hat heute früh geschrieben, dass im Grunde genommen das eine Schande ist für unsere Fußballfans und dass das Spiel war okay und dass die Stimmung in Warschau ist, sagen wir, allen Gästen gegenüber sehr wohl gesonnen. Also ich nehme an, es wird Erklärungen geben und die meisten der russischen Fans werden sich in Polen wohlfühlen. Aber diese Aufgabe, die man lösen muss in der Zukunft, die wird da nicht nur durch ein paar Erklärungen gelöst. An der muss man politisch noch lange arbeiten.

Engels: Rechnen Sie denn mit der EM, die ja noch eine Zeit lang läuft, damit, dass sich hier jetzt die Hauptspannungen entladen haben, oder bleibt das ein latent schwelender Konflikt? Es kann ja gut sein, dass beide Mannschaften noch eine Zeit im Turnier bleiben.

Wojciechowski: Ich denke, dieser Tag war ein besonderer Tag. Das war russischer Feiertag, Nationaltag, der Tag Russlands, sogenannt. Die Russen wollten an diesem Tag besonders stark ihren Patriotismus demonstrieren. Dieser Patriotismus ist ziemlich, sagen wir, dunkel und dumpf. Die Menschen, die das Spiel gesehen haben, haben gemerkt, was für ein riesiges Tuch oder eine Fahne oder ein Bild die Russen ausgebreitet haben. Das war so eine finstere Gestalt, ein Mann mit einem riesigen Schwert oder Dolch und der Unterschrift "this is Russia". Also diese Fans haben sich ausgetobt an diesem Tag und an diesem Spiel. Ich nehme an, es wird zu keinen weiteren polnischen Zwischenspannungen kommen. Kleine Zusammenstöße sind nicht ausgeschlossen, aber es ist nicht eine überwiegende Tendenz.

Engels: Krzysztof Wojciechowski, Soziologe und Direktor des Collegium Polonicum in Frankfurt an der Oder. Vielen Dank für Ihre Einordnungen heute Morgen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Edathy-Affäre"Das bleibt schon noch spannend"

Katja Keul, rechtspolitische Sprecherin der Grünen

Die Aussagen von Sebastian Edathy hält die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katja Keul für glaubwürdig. Es bleibe aber auch die "Gegendarstellung" des SPD-Politikers Hartmann vor dem Untersuchungsausschuss abzuwarten, sagte die rechtspolitische Sprecherin ihrer Partei im DLF.

Syrienkonferenz"Heute entscheidet sich die Hilfe für 2015"

Der Berliner Büroleiter des UN-Welternährungsprogramms, Ralf Südhoff, aufgenommen am 20.04.2012 in Niamey, Hauptstadt von Niger.

Vor der Syrienkonferenz der UNO in Berlin fordert das Welternährungsprogramm schnelle und verbindliche Zusagen für Hilfen für Millionen von Flüchtlingen. "Sonst müssen wir unsere Hilfe im Januar einstellen", sagte Ralf Südhoff, Direktor des Welternährungsprogramms in Deutschland, im Deutschlandfunk.

Erbschaftssteuer-Urteil"Ich mache mir keine Illusionen"

Porträtbild des SPD-Politikers Klaus Barthel

Wie umfangreich wird die große Koalition die Regeln für die Besteuerung von Unternehmen ändern? So weit, "wie wir mit CDU/CSU kommen", sagte der SPD-Wirtschaftspolitiker Klaus Barthel im Deutschlandfunk. Eine "gründliche Änderung" sei wohl nicht möglich – aber notwendig.

 

Interview der Woche

TarifeinheitsgesetzBDA: Nur Rückkehr zu alten Regeln

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, begrüßt den Gesetzentwurf zur Tarifeinheit. Bei der Regelung, dass nur die mitgliederstärksten Gewerkschaften im jeweiligen Unternehmen Tarifverträge durchsetzen dürfen, gehe es keinesfalls darum, die Macht kleiner Gewerkschaften einzugrenzen, sagte Kramer im DLF.

Koalition in ThüringenKraft kann sich Rot-Rot-Grün im Bund nicht vorstellen - zurzeit

Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen

Auch nach der Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten in Thüringen kann sich die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Hannelore Kraft ein rot-rot-grünes Bündnis auf Bundesebene nicht vorstellen. Die Linkspartei habe eine "sehr extreme Position im Bereich der Außenpolitik". Allein daran würde es letztendlich wohl scheitern.

SPD-Fraktionschef Oppermann"Wir sind nicht die Steuererhöhungspartei"

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, steht am 11.02.2014 im Reichstag vor einem Mikrofon.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann ist dafür, den "Soli" beizubehalten - er warnt die Partei aber vor einer neuen Debatte über einen höheren Spitzensteuersatz und die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Zudem erklärt er, warum er die Linke auf Bundesebene nicht für regierungsfähig hält.