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StartseiteKultur heutePolen vor dem Anpfiff08.06.2012

Polen vor dem Anpfiff

Selbstbilder im Zeichen der EM

Für Polen ist die Fußball-EM, "die Gelegenheit, Europa und der Welt ein Land zu demonstrieren, das es in den letzten 20 Jahren geschafft hat, sich entscheidend zu modernisieren", sagt der Osteuropa-Historiker Peter Oliver Loew.

Peter Oliver Loew im Gespräch mit Michael Köhler

UEFA Euro 2012: Polnischer Fußballfan bei Eröffnungsfeier (picture alliance / dpa - Bartlomiej Zborowski)
UEFA Euro 2012: Polnischer Fußballfan bei Eröffnungsfeier (picture alliance / dpa - Bartlomiej Zborowski)

Michael Köhler: Deutschland, das sind Mercedes Benz und die Grünen, hat Bundestagsvizepräsidentin a.D. Antje Vollmer mal gesagt - vor Jahren. Wie recht sie Jahre später noch hat, sieht man an den Trainingsjacken, den grünen, der deutschen Fußball-Nationalelf. "Mercedes Benz" steht da hinten drauf, auf den Trikots übrigens auch.
In einer Viertelstunde – ja, so knapp - geht es los in Warschau, Fußball-Europameisterschaft 2012. Ich habe mit Peter Oliver Loew vom Deutschen Polen-Institut darüber gesprochen. Der polnische Nationaltorhüter Wojciech Szczesny spielt ja nicht nur zwischen den Pfosten gut, als Torhüter – ist auch sein Job -, sondern auch auf dem Feld. Da wird er auch eine gute Partie abgeben. Er spielt unter der Woche bei Arsenal London. Ist Polen sozusagen der osteuropäische Musterknabe, wenn es um erfolgreiche Transformations- und Arbeitsmarktpolitik geht?

Peter Oliver Loew: Ich könnte es Ihnen und den Hörern ganz einfach machen und einfach sagen: ja – Punkt. Polen hat sich in den letzten Jahren, gerade seitdem Donald Tusk die Regierung angetreten hat im Jahre 2007, sehr intensiv modernisiert und stabilisiert. Mit einer politisch stabilen Situation ist es gelungen, auch die Wirtschaft stabil zu halten und die Bevölkerung im Grunde zufriedenzustellen mit einem Wirtschaftswachstum, das man gespürt hat, auch an der Basis der Bevölkerung, der Gesellschaft, und mit einem Ziel, das man vor Augen hatte und auf das man das dann hinzusteuern konnte, nämlich der Fußball-Europameisterschaft. Darauf lief im Grunde in den letzten Jahren alles hinaus.

Köhler: Mit Wirtschaftswachstum die Bevölkerung zufriedengestellt, sagen Sie. Dennoch: Das Haushaltsdefizit ist offenbar zu hoch, der Zloty ein bisschen wackelig. Aber von Kritik an EU oder Euro-Skepsis keine Spur?

Loew: Nun, es gibt eine Euro-Skepsis in dem Sinne, dass die Bevölkerung zurzeit die Einführung des Euro nicht möchte. Gerade neueste Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass es da gerade mal zwölf Prozent Befürworter gibt und sehr viele, die sagen, ja vielleicht irgendwann, aber nicht jetzt. Man hat natürlich die Griechenland-Krise vor Augen und andere Dinge und meint, mit einer eigenen Währung könne man auch in den nächsten Jahren noch wirtschaftspolitisch sinnvoller agieren, als wenn man gleich der Euro-Zone beitreten würde.

Köhler: Sie haben es eben schon gesagt: ein politisches Ziel – und das ist ungewöhnlich – war das Hinsteuern auch auf die Fußball-EM in Polen und der Ukraine. Was bedeutet die Austragung der Fußball-Europameisterschaft für die Reputation Polens heute?

Loew: Sicherlich sehr viel. Es ist die Gelegenheit, Europa und der Welt ein Land zu demonstrieren, das es in den letzten 20 Jahren geschafft hat, sich entscheidend zu modernisieren und zu einem geachteten, geschätzten und stabilen, zuverlässigen Partner im europäischen, ja sogar im globalen Konzert zu werden. Und man kann das tun anhand der Wirtschaftsdaten, die weitgehend positiv sind, man kann das tun anhand der Infrastruktur, die in den letzten Jahren in einem schnellen Tempo ausgebaut wurde, Eisenbahn-, Autobahnverbindungen, neue Flughäfen und so weiter, alles ist auf diese Euro hin optimiert und wurde daraufhin angelegt, und das kann man jetzt stolz präsentieren und sagen, hier, wir sind hier im östlichen Teil Mitteleuropas ein Land, das modern ist, das eine junge Gesellschaft hat und das eine Erfolgsgeschichte hinter sich hat.

Köhler: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Mauer habe ich es selbst noch erlebt, mit dem ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Osteuropas sprechen können, Tadeusz Mazowiecki, und habe mich doch sehr gewundert. Damals ging es um so innenpolitische Fragen, die furchtbar wichtig schienen, und unsereiner rieb sich die Augen: Es ging um Abtreibungsfragen und die Rolle der Kirche und so etwas – Sie erinnern sich bestimmt an diese Diskussionen. Haben die Intellektuellen inzwischen mehr zu sagen als nur zu Abtreibungsfragen und Innenpolitischem dieser Art, sondern wo man in Europa hin will, also weiter nach Westen?

Loew: Nun, es gibt eine ganze Reihe von Themen, die in Polen diskutiert werden. Es wird nach wie vor diskutiert über Fragen der Abtreibung oder Fragen der Bedeutung von Kirche und Religion im öffentlichen Leben, Dinge, die auch in den nächsten Jahren sicherlich weiter heiß bleiben werden, zumal es eine katholisch-konservative Opposition gibt, die diese Themen immer neu anheizt, und eine linksliberale antikirchliche Opposition, die genau das Gegenteil macht, und die Regierung laviert da so ein wenig dazwischen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch tatsächlich Diskussionen über die Modernisierung von Gesellschaft, von Sozialsystemen, von Rentensystemen, Dinge, die nicht nur Polen betreffen, sondern ganz Europa. Und insofern sind Teile des intellektuellen Diskurses in Polen heute auf jeden Fall anschlussfähig an das, was anderswo in Europa diskutiert wird, ja mehr noch: man kann in manchen Dingen vielleicht sogar schon von Polen lernen und von Lösungen, die in Polen diskutiert werden.

Köhler: Also die EM 2012 eine Art polnisches Sommermärchen?

Loew: Das werden wir sehen. Für Polen ist es sicherlich eine schöne Zeit und wenn die polnische Fußball-Nationalmannschaft aus dieser ersten Runde weiterkommt ins Viertelfinale, dann wird es sicherlich ein Märchen werden.

Köhler: Rotweiße Fähnchen nicht nur an Taxis sind natürlich Pflicht in Polen. – Peter Oliver Loew vom Deutschen Polen-Institut war das.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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